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Der Israelit · 1871-08-02 · Heft 31 (2.8.1871) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 31 (2.8.1871)
Date
1871-08-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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aus denr Talmud gelegentlich anznbringen historische Reminiscenzerr auszukramen, um seine Gelehrsamkeit und Belesenheit auch auf diesem Felde zu zeigen; das packt, wirkt anziehend, und er hascht ja nur auf momentanen Effect, weiter will nran ja nichts erreichen. Was kümmerts ihn, wenn das Auditorium den Tempel ebenso klug verläßt, als es ihn betrat, um nichts gescheiter und bester geworden ist, keine guten Vorsätze faßt, sie draußen im Leben praktisch zu realisiren. Wozu auch njn ^'Dr. -- Fe weniger man an Wissen zunimmt, und je einfältiger mau in den Tag bineinlebt. desto glücklicher fühlt man sich, wenn man nur für den Augenblick gerührt imb erbaut tft : überdies gehört die Predigt zur Mode, ein Luxusartikel. wie jeder andere, der ziemlich stark gesucht wird, wenn er auch sonst an innerm Gehalt keinen besonder» Werth bat. Mimdus vult decipi. ergo decipiatur. Das unwissende Publikum der niedrigen und Mittelklasse ist Leicht befriedigt, fühlt sich bald gehoben durch den riesenhaften Periodenbau, den sein Geist kaum zu fassen vermag, wird bestochen durch den schwungvollen Vortrag, seine Sinne werden geblendet und betäubt durch die glänzenden, schillernden Redensarten und den immensen Schwall von Phrasen, die es kaum versteht, denen es aber dennoch un'getheillen Beifall rollt, man. applaudirt gleichsam auf höheres Commando, indem man die Lobhudelei Anderer , die sich durch den democratischen Anstrich der Rede geschmeichelt fühlen, nolens volens, gedankenlos nachbetet und u? kommt die rox populi;u Stande Dem entsprechend sind auch die für ausgezeichnet geltenden wissenschaftlichen Vorträge in dem soi-disunt Bethamidrasch, welches m\ den hier wohnenden Polen zahlreich besucht wird. Es hat den Anschein, als ob Herr' Dr. Jellinek seinen Stoff mir tiefer Gründlichkeit und eingehender Forschung bebandle, denn er kommt über einige Thema im Semester nicht hinaus; daran sind aber meist Schuld die reichhaltigen Episoden von allen möglichen und unmöglichen Fächern, wo er überall sein Wissen bekunden möchte; andererseits occupirt das selbstgefällige Citiren der gedruckten oder bald erscheinenden Reden und Werke viele Zeit, inan kömmt also dadurch nicht vom Fleck. Schade, daß Herr Dr. I. kein Missionär geworden ist, freilich wären wir der Ehre oerlustigt geworden, einen so gewandten Redner zu besitzen, aber die würdige englische Bekehruugsgesellschcrst hätte an Upn eine tüchtige Kraft gewonnen, was sie gewiß bedauern muß. In seinen geistreichen Causerien während des Vortrages schiebt Herr Dr. I. nebst andereit unterhaltlichen Bemerkungen eine Rechtfertigung der Trinität ein, um dieses Dogma balbwegs annehmbar erscheinen zu lassen und demnach die gebildeten Christen milder zu beurthcilcu und selbst als umfassender . überall bewanderter Theolog zu geltet:. So wird denn durch einen «alt» mortale diese Lehre mit der aristotelischen v orjö ig v rj g > 0^0 /,,, g in Verbindung gebracht, indem Gott als Denkendes, Denken und Gedachtes zu denken sei. Denke sich dabei Jeder, was er kann. Anderseits meint, Herr vr. I. hätten die Rabbineu zu viel 'y-jo ausgestellt, wodurch der Grund des Hauses erschüttert werde — durch den Wust der Ceremonien und Bräuche übersieht man das wesentliche und leidet das moralische und ideale Prinzip des Iudenthums, wie man in Oesterreich so lange erperimentirt und Versuche zur ftnanziellen Heilung macht, bis dieser schöne productive Staat an den vieler! Medicamenten zu Grunde geht; das Gleichnis; ist zwar geistreich, aber der Vergleich hinkt, lvie jeder Denkende leicht einsieht — ferner waren wir im Nachtheile vor andern Confessionen, die eher Anhänger erwerben, daß wir keinen Ordnungssinn besitzen, wir haben zwar dieselben schönen Ideen, die das Christenthnm für seine Erfindung ausgibt, gleichsam als priviligirtes Monopol betrachtet, die Liebe Gottes in yar Bekenntnisse und die Nächstenliebe —.2 ■py'V? ron«i, nur wissen wir dieie Gebote nicht oben aufzustellen, eine schöne Auslage daraus zu machen, um Kauflustige heranzulocken — das ist die unfehlbare Meinung des Herrn Doctor. der uns also als höheres Recept Proselyten zu werben, die Ordnungsliebe anempfiehlt, das ist sein Rath, unumstößliche absolute Wahrheit, sie volo, sic jubeo. Freilich übersieht er dabei, daß durch eine solche Heilkunst der Arzt mit und trotz seiner heilsamen Medizin zu Grunde gehen kann und auch seine Patienten durch eine solche Heilmethode mit ins Verderben reißt. Mit Verlaub, Herr Doctor. Sie sind da auf dem Holzwege und scheinen absichtlich in Jrrthnm zu verfallen. Wir Juden haben eben keine Rangordnung und Classification bezüglich des Werths der Gebote, und sind sie alle gleich heilig und wichtig, da sie am Sinai geoffenbart oder durch die Tradition überliefert. Wer gibt Ihnen also das Recht, eines dem andern vorzuziehen und die einzelnen Gebote auf die Wage zu legen? Es ist dies ein sehr gefährliches Experiment, welches nur immensen Schaden anrichten kann. Hat man sich erst gewöhnt in den heiligen Pflichten gegen sich, Gott und Menschheit eine Rangordnung einzusühren. io werden sich bald die Glaubensgenossen in zwei Lager spalten. Die Einen werden sich die sogenannten j Vernunftgesetze wählen und den anderen Theil verwerfen. Moral- und Humanitätsgebote werden sie auf Kosten der ebenso uothwendigen und wichtigen nationalen Ceremonien bevorzugen, die Wohlthätigkeit wird gleichsam ein Ablaßkram werden, der uns mit Gott versöhnt, wenn man in anderer Beziehung auch noch so schlecht ist; die Andern werden wieder auf das Formale mehr Werth legen, wenn sic auch din p2 flstellercht nicht so gewissenhaft handeln, dafür werden sic schon Buße thnn und den lieben Gott durch ihr Frommthun schadlos halterr. Zu solchen absurden Corrseqrrenzen gelangt man mit Ibrer unbellbaren Theorie, die also als unrichtig und

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