Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1871)
- Date
- 1871-07-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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574 <s, dem Jungen, die ganze Wahrheit zu sagen; aber mein Weib duldet es nicht." „„Aber, mein Lieber,"" entgegnete der Rabbi, „„vielleicht würde Menascheh in der Fremde seine Ellern suchen können, wenn er seine Abstammung kennen möchte." " „Ach, die Eltern sind gewiß längst gestorben, sonst hätten sie wohl öfter nach ihrem Kinde gesucht." „„Wer weiß! Ich will Euch noch mehr sagen. Menascheh hält sich für Euren leiblichen Cohn. Wenn er nun unbewußt in der Fremde ein Mädchen fände, das er zu seinem Weibe machen würde, und dieses Mädchen wäre seiner Eltern Kind, seine Schwester!"" „Das ist ein Chaschasch rochauk, *) Rabbi; mein Menascheh wird ohne meine Zustimmung nicht freien, und dann ist es immer noch Zeit, chauker wedauresch zu sein; 2) nein, "lassen wir meinem Weibe ihren Willen und sagen wir ihm nichts davon." Alle Vorbereitungen zur Reife wurden getroffen. Die alten Frankfurter, auf ihre Kehillah* 2 3) stolz, steckten die Köpfe zusammen und sagt.n: „Man sieht, daß der Menascheh nicht in der Altschul gejitscht 4) ist, sonst würde er nicht sortgehen." „Seid mir's mochel,5 6) sagte einst der alte Schammeß Eisik zu Menascheh, „Ihr seid ein Narr!" „„Warum nennt Ihr mich einen Narrend"" fragte Menascheh lachend. „Weil Ihr von Frankfurt, von Frankfurt fortgehen wollt. Oder wollt Ihr vielleicht deßhalb fortgehen, um das Nacheß haben zu können, wiederzukommend Ich will Euch ein Moschet 6) darauf erzählen; der alte Chasan Rebbe Meier war in seiner Jugend Chasan in Obach 7 8) gewesen. Als er später Frankfurter Chasan geworden war, ist er fast täglich nach Obach gegangen, um das Nacheß, das Vergnügen zu haben, nach Frankfurt zurückkehren zu können!" „Es ist anderwo auch gut, mein lieber Eisik." „Wohl möglich, doch nicht so gut wie in Frankfurt. Frankfurt hat Alles; Frankfurt hat Geld, Frankfurt hat Thauro, Frankfurt hat Chochmoh,e) es geht nichts über mein Frankfurt! und von solch einer Stadt, von solch einer Kchilloh soll man sortgehen! Habe ich nicht Recht, wenn ich sag, Ihr seid ein Narrd" Während Frau Sarah das Reisegepäck ihres Pfleget) Eine unwahrscheinliche Muthmaßung. 2) Zu untersuchen. 3) Gemeinde. 4) Nicht in der Frs. Hauptsynagoge beschnitten ist. 5) Verzeihet. 6) Gleichuiß. 7) Offenbach. 8) Weisheit. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. Z. Gottsleben's sohnes in Ordnung brachte, war der Rabbiner in schwerer Sorge. Er hatte M 15 Jahren sein Wort gegeben, niemals ohne die Zustimmung Rabbi Paltiels die Herkunft Manescheh's zu verrathen, und doch schien ihm die Miltheilung jetzt, da der Jüngling in die Fremde zog, so nothwendig. Nicht allein, daß eine günstige Fügung des Himmels ihn seine Eltern finden lassen konnte, wenn er über dieselben unterrichter war, es war sogar von religiösem Standpunkte aus erforderlich, den Jüngling darauf aufmerksam zu machen, daß er möglicherweise noch Schwestern haben könne. Sorgenvoll ging der Rabbiner im Zimmer umher; da hörte er Menascheh die Treppe herauftomnien, der eben Abschied nehmen wollte. In diesem Augenblicke rief eine innere Stimme dem Rabbiner den Psalmvers zu: Wälze dem Ewigen Deine Wege zu und vertraue auf Ihn — Er wirds vollbringen (Psalm 37, 5.) „Ja," sagte der Rabbiner, „ich kann mir nicht anders helfen; möge Gott es zum Guten vollbringen." Menascheh trat ein und bat um den Segen des geliebten Lehrers. „Warte hier einen Augenblick." sagte der Rabbiner, „ich will Dir eine Kemea mit auf den Weg geben; ich gehe hinein, um sie zu schreiben." Befremdet schaute Menascheh seinem Lehrer nach; wußte er doch, daß dieser erleuchtete und gelehrte Rabbi kein Freund der practischen Kabalah und der Kemeoth war. Bald kehrte der Rabbi mit einem versiegelten Papiere zurück. „Laß Dir," sagte er, „ein Täschchen machen und lege die Kemea hinein. Trage sie immer und trenne dich nie von ihr. Wenn Du aber Dich dereinst verloben wirst, so öffne sie jedenfalls vor Deiner Hochzeit. Versprich mir das, mein Sohn!" Menascheh versprach es. Dann segnete der Rabbi seinen Schüler. Dieser nahm darauf Abschied von Vater und Mutter und reiste mit der Post gen Osten, der alten Hauptstadt des Böhmerlandes zu, wo damals das Thorastudium in größerer Blüthe stand als an irgend einem andern Orte der Welt. Lange noch versiegten Frau Sarah's Thränen nicht. Auch Rabbi Paltiöl war sehr traurig; er hatte den Jüngling liebgewonnen wie den eignen Sohn. Menascheh's Kummer hingegen, wenn auch anfangs sehr heftig, verflog bald. Er saß im offenen Postwagen und genoß mit Freuden all die neuen Eindrücke, welche ihm die belebte Landstraße darbot. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchbandluna. Buchdruckerei in Mainz.