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Der Israelit · 1871-07-19 · Heft 29 (19.7.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 29 (19.7.1871)
Date
1871-07-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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554 stand, selbst anmuthig zu erzählen, sondern namentlich darin. Andere zu veranlassen, alles Das mitzntheilen, was sie Erzählenswerthes wußten. Da mußte der Orach erzählen von seiner Heimath und seinem Wanderleben, und der Bachur von den fremden Jeschiboth^) die er ftüher besucht hatte, von Prag und Metz und Berlin, oder von Warschau, Lublin, Wilna und Krakau. Aber noch schöner als der Freitag-Abend gestaltete sich für Menascheh der Sabbat-Nachmittag; da „verhörte" ihn Rabbi Paltiöl und der Knabe mußte „aufsagen" was er die ganze Woche hindurch gelernt hatte, und da er stets glänzende Fortschritte gemacht, so holte die von ihrem „ Herzblättchen" entzückte Pflegemutter herbei, „was sie unter sieben Schlössern" verschlossen hatte, das Beste und Leckerste an frischen oder eingemachten Früchten, was nur aufzutreiben war. Von Zeit zu Zeit führte Rabbi Paltiel seinen Pstegesohn zum Rabbinen „zum Verhören," und da gab es für Menascheh stets neue Lorbeeren. So kam das Fest seiner Bar-Mizwah ") heran; gewöhnlich tragen an diesem Tage die talmudbeflifsenen Knaben eine Deraschah, eine talmudische Abhandlung vor, die der Vater oder der Lehrer verfaßt und mit dem Jünglinge einftudirt haben; Menascheh aber arbeitete selbst eine von großem Scharfsinn zeugende Deraschah aus und trug sie mit derartiger Sicherheit vor, wußte alle Angriffe der enragirtesten Disputanten so zurückzuweisen, daß er die Bewunderung aller Anwesenden erregte. Von dieser Zeit an durfte Menascheh die Vorträge des Rabbinen besuchen, und wurde so ein vollständiger Jeschiwoh-Bachur. Auch durste er am Donnerstage seinem Pflegevater bei den Besorgungen für das Brentano'sche Haus behilflich sein. Einst hatte Menascheh an einem schönen Sommernachmittage dem Senator Brentano die von Rabbi Pattiöl besorgten Papiere überbracht. Als er die Villa des Patriciers verließ, stand er still und schaute mit bewunderndem Blicke aus die herrliche Landschaft. Am Fuße des Hügels, auf welchem das Landhaus stand, floß der Main dahin, dessen Ufer die schönsten Häuser bedeckten, die prachtvollsten Gärten einrahmten. In einem dieser Gärten saß eine Dame in einer schattigen Laube, in einem Buche lesend, während zu ihren Füßen ein liebliches Kind, ein kleines, etwa fünfjähriges Mädchen spielte. Plötzlich rollte der Ball des Kindes den Abhang hinab; die Kleine lies nach, um ihr Spielzeug zu haschen; aber sie fiel und stürzte den Hügel hinunter in den Main. Aus das Schreien des Kindes eilte die Dame herbei, die Hände ringend und laut jammernd. Aber in demselben Augenblicke war Menascheh über das Stacket des Gartens gesprungen; eilig rannte er den Hügel hinab, stürzte sich in das' am Ufer noch seichte Flußbett. hotte die ohnmächtige. schon von den Wellen stromabwärts getriebene Kleine heraus und legte sie in die Arme der rathlos am User stehenden Dame. Unterdeß eilten aus einer nahegelegenen Villa viele Diener nnd ein vornehmer Herr, welche die Angstschreie der Dame gehört hatten, herbei. Das bald wieder zu sich gekommene Kind wurde in's Haus gebracht, und auch Menascheh wurde ausgesordert, sich in die Villa zu begeben und seine durchnäßten Kleider zu trocknen. „Sie sind wohl ein guter Schwimmer?" fragte ihn der Herr. „„Ich bin des Schwimmens ganz unkundig,"" entgegnete Menascheh. „So haben Sie also mit eigener Lebensgefahr mein Kind, meine süße Alice, gerettet! Wie kann ich Sie dafür belohnen?" „„Ich danke Ihnen, ich bedarf nichts. Meine guten Eltern geben mir Alles, was ich brauche."" „Es betrübt mich, mich Ihnen nicht dankbar zeigen zu können. Nehmen Sie diesen Ring als ein Angedenken. Und wenn Sie jemals meiner Dienste bedürfen sollten, so verfügen Sie nur über mich. Ich bin der Ritter Thomas Robinson, Resident Sr. Majestät, des Königs von England." Bei diesen Worten zog er einen kostbaren Ring von seinem Finger und überreichte ihn Menascheh, der ihn trotz seines Weizerns nehmen mußte. Zll Hanse wurde Menascheh nicht wenig ob seiner Heldenthat belobt; nur Frau Sarah war nicht recht zufrieden mit ihrem Lieblinge. „Wie leicht," sagte sie, „hättest Du vom Strome hinweggeriffen werden können.' Was hätten da Deine Ettern angcfangen, wenn Du als kalte, blasse Leiche uns wärst' in's Hans gebracht worden!" „„Mutter?"" antwortete Menascheh, sie zärtlich umschlingend, „„hätte ich ruhig mitansehen sollen, wie das Kind ein Opfer des Todes geworden wäre, da es doch in meiner Macht stand, es zu retten?"" Statt aller Antwort küßte Fran Sarah ihren Liebling und nannte ihn „ihr süßes, goldiges Herz". —J Sie war gar stolz ans den Jüngling, den sie erzogen^ und der sich so herrlich entwickelt hatte. Ach, nur zu» bald sollte sie den bittexn Schmerz der Trennung kenne« lernen. (Fortsetzung folgt.) M 10) Talmud-Hochschule. 11) die Mündigkeit in religiöser Beziehung, die mit vollendeten 13. Jahre eintritt. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Di. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofduchhandlung. I. Go ttslleben's Buchdruckerei in Mainz.

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