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Der Israelit · 1871-07-19 · Heft 29 (19.7.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 29 (19.7.1871)
Date
1871-07-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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553 davon. Er war ein hochbegabtes Kind, ausgeftattet mit den herrlichsten, körperlichen wie geistigen Vorzügen. Im Cheder *) war er bald der Liebling des Lehrers; denn er lernte nicht allein sehr rasch und hielt das Gelernte „eisenfest", er war auch freundlich und liebevoll gegen alle Welt, gegen Lehrer und Mitschüler, und Jeder, der ihn kennen lernte, mußte ihn liebgewinnen. Als er fünf Jahre zählte, war er schon heimisch im Pentateuch, so daß sein Lehrer mit ihln das Studium der Mischnah und des Talmuds beginnen konnte; mit wunderbarem Scharfsinn drang er in die Tiefen der mündlichen Lehre ein, alle Schwierigkeiten stießen ihm auf den ersten Blick auf und des kleinen Menascheh „Kaschjoß"?) wurden bald berühmt in der an Talmüdgelehrten reichen Frankfurter Judengaffe. Die größte Freude hatte Rabbi Paltiöl davon, der selbst ein tüchtiger und fleißiger Talmudgelehrter war. Da er ein kleines Vermögen von seinem Vater ererbt hatte, so konnte er von dem Ertrag desselben seine und der Seinen geringe Bedürfnisse befriedigen ohne sich viel mit Geschäften abmühen zu müssen; so stüdirtc er denn Talmud die ganze Woche hindurch mit andern gleichgesinnten „Bal Battim"^) oder mit einigen „Bachurim"^), die in Frankfurt zu damaliger Zeit stets in großer Anzahl sich aufhielten. Nur Donnerstags in der Frühe, wann er aus der Synagoge kam, sagte sein Weib zu ihn:: „Rabbi Paltiöl, mein Herz, Du mußt etwas „handeln" „lekowaud Schabboß" *). Dann zog er sich fefttägig au und ging, wenn es Winter war „in die Stadt"/ oder wenn es Sommer war vors Thor, um seinen einzigen Geschäftsfreund, den reichen Senator Clemens Brentano zu besuchen, der im Winter sein Palais ander Zeit und im Sommer seine reizend gelegene Villa am Ufer des Mains bewohnte. Wenn nun Rabbi Paltiel die Schelle gezogen hatte an dem fürstlichen Hause seines Gönners, dann eilte der die Hausthüre öffnende Bediente sogleich ins Haus zurück und rief: Der Jud' Kann' ist da!" denn so nannte man Rabbi Paltiel nach seinem Hause „Zur Kanne." Und der Ruf erscholl durch das ganze Haus; „Der Jud' Kann" ist da!" und herbeieilten der Hausherr, die Hausfrau, die Söhne und die Töchter, die Neffen und die Nichten, der Hauslehrer und die Bedienten, die Mägde, Köchinnen, Kutscher und alle andern Hausgenossen des großen Frankfurter Patriciers, und Jeder und Jede hatte Aufträge für den „Jud' Kann'"; Einkäufe und Verkäufe an Gold, Silber und Pretiosen waren zu besorgen; der Senator selbst hatte Capitalien auszuleihen, Zinsen cinzuzichen, Papiere und Hypotheken zu tauschen und zu verkanten, Gemälde oder Bücher zu erwerben. 1) Schule. 2) Geltendmachung scheinbarer Widersprüche im Talmud. 3) Familienväter. 4) Studenten. 5) Zu Ehren des Sabbat. In der ganzen, großen Haushaltung, die fast eitlem Hofstaate glich, wurde überhaupt nicht das Geringste angeschafft, es sei denn, daß dazu Rabbi Paltiels Vermittelung in Anspruch genommen wurde. Dieser aber verstand auch Alles aufs Beste zu besorgen; er war ein ebenso tüchtiger Kenner von Juwelen wie von Pferden, von Gemälden wie von allerlei Hausgeräth; aus seinen Geschmack und seinen Kennerblick durste sich ein Jeder verlassen. So hatte Rabbi Paltiöl denn auch den ganzen Donnerstag für das Brentano'sche Haus zu schaffen, und an diesem Tage mußte das Talnnldstudium unterbrochen werden; aber im Wiilter wie im Sommer wurde das Versäumte iu der Nacht vom Donnerstag aus den Freitag eingeholt; da kam kein Schlaf in die Augen Rabbi Paltiöls und derer, die ihm im Studium Gesellschaft leistete; bis nach Mitternacht blieb auch Frau Sarah auf; denn um Mitternacht setzten sich die Männer auf die Erde und weinten eine halbe Stunde lang um den Fall Jerusalems; dann aber erquickten sie sich an dem guten Kaffee, den Frau Sarah so meisterlich zu bereiten verstand; hernach legte sich die Hausfrau zu Bett, während die Männer weiter ftudirten, bis am Morgen der alte Schammeß Eifik mit seinem hölzernen Hammer all die Hausthüre klopfte und durch dieses Zeichen die Andächtigen in die Svnagoge rief. Bei diesen frommen und edlen Leuten, die seine Kindheit mit aller Liebe und Sorgfalt umgaben, lvuchs Menascheh gesund lind kräftig an Geist und Körper, heran, während seine Eltern ihn als längst gestorben betrauerten. Der schönste Tag irr der Woche war für den Knaben stets der Sabbat. Festlich geschmückt ging er am Freitag-Abend mit seinem Pflegevater in die Synagoge, wo ein vorzüglicher „Chafarr"7) mit Meschorrerim8) in den herzlichsten Melodien zur Andacht stimmte. Zu Haufe zündete unterdeffeil, nachdem der Tisch aufs Schönste gedeckt, Frau Sarah die Sabbatlichter an. Ein Orach9) und ein Bachur begleiteten die Heimkehrenden stets aus der Synagoge, um über Sabbat bei Rabbi Paltisl Tischgenoffen zu sein. Der Hausherr, von der durchwachten Donnerstag-Nacht stets todtmüde, schlief zwar schon während des "Essens regelmäßig ein. trotz der köstlichen Karpfen mit der sauren Sauce lind des gebratenen Hähnchens, und nur mit Mühe konnte ihn^ die sorgsame Gattin bewegen, von den schmackhaften Speisen „lekowed Schaboß" etwas zu genießen; desto besser schmeckte es Menascheh und den Fremden, lind was das Essen noch ganz besonders würzte, war des Knaben, wunderbare Unterhaltungsgabe, die nicht nur darin be- 6) Shnagogendiener. 7) Vorbeter. 8) Sänger. 9) armer Fremder.

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