Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1871)
- Date
- 1871-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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geschlagen hatte und der dahin geht, — daß die Unter lassung der Trauung an gewissen, als UnM bringend bezeichnten Tagen (z. B. am 9. Tage des Monats Ab), durchaus haltlos sei und zur Beförderung des Aberglaubens diene, und keiner frommen Empfindung entspreche und deßhalb als aufgehoben erklärt werde, gelangte gleichfalls zur Annahme. Einem Gerüchte zufolge eröffnte darauf Herr Dr. Geiger der Versammlung, daß er am nächsten 9. Ab, Donnerstag, 27. Juli, eine Trauung vollziehen werde und daß er vom Bräutigam, einem sehr reichen Manne in Berlin, ermächttgt sei, alle Mitglieder der Synode, als Belohnung und Anerkennung ihrer guten Gesinnung, zur Hochzeit einzuladen. Damit aber das Festessen am Tifchoh Beab gleich früh beginnen könne, so fetze er die Trauung auf Morgens 7 Uhr fest. Hierauf erlaubte sich Herr Rabbiner Selig sb erg aus Fellheim, an diehoDvürdigeSynode die ganz ergebene Anfrage zu stellen, wie es denn an diesem Hochzeits-Tischoh-Beab mit dem Tephillin-Legen zu halten sei, worauf ein allgemeines, schallendes Gelächter erfolgte. Mit diesem Gelächter war die Zwischenfrage erledigt, und die Synode schritt wieder zu ihren wichtigen, ernsten Verhandlungen, während der greise Rabbiner von Fellheim verdutzt vor sich niederstarrte. „O, war' ich doch daheim geblieben, Hält' Käse-Koscher-Brief' geschrieben.'" sprach er seufzend. Bezüglich der Vorschrift, nach welcher eine Wittwe eine neue Ehe erst dann wieder eingehen solle, wenn das in vorvergangener Ehe erzielte Kind zwei Jahre urnckgelegt habe — erklärt die Versammlung, daß diees Ehchindernih keine Giltigkeit mehr zu beanspruchen habe, resp. ein Jahr als genügend erscheine. Eine sehr eingehende Debatte, denn es nahmen 25 Redner an derselben Theil, veranlaßte der Antrag, den ursprünglich Herr Advocat Lehmann in Dresden gestellt und der heute von Herrn Vr. Aub dahin modificirt wurde, „die Eiviltrauung hat nach den Anschauungen des Judenthums, vorausgesetzt daß die mosaischen Eheverbote nicht verletzt werden, vollkommene Geltung und Sanction. Indessen muß im Jntereffe des religiö's-idealischen Moments (Einkünfte der Rabbinen) die religiöse Trauung aller Israeliten dringend empfohlen werden — denn hiezu hatte Herr Vr. Geiger einen Antrag eingobracht, oer im Wesentlichen dahin ging, daß da, wo die Civilehe besteht, jeder anderen, wenn auch in dem Herkommen begründeten Trauung, jede irgend welche Verbindlichkeit abgesprochen werden soll und daß die Ehe, ohne Eiviltrauung abgeschlossen. vollständig ungiltig fei' und ihr keinerlei rechtliche wie religiöse Folge zu geben fei. Dieser Antrag wurde von vrelen Rednern entschieden bekämpft und schließlich aber, da besten Ablehnung zu erwarten war, von dem Herrn Antragsteller zurückgezogen. Dem Antrag des Herrn vr. Aub wurde fast mit Einstimmigkeit beigeftimmt. Die Debatte wird morgen Vormittag 10 Uhr fortgesetzt. Augsburg, 12. Juli. Die feierliche Eröffnung der Synode wird in! sämmtlichen Augsburger Tagesblättern mitgetheilt; die! Journalistik ist überhaupt in der Versammlung selbst gehörig repräsentirt? Nur schade, daß nicht auch der langweilende Eindnrck wredergegeben werden konnte, der sich der israelitischen Zuhörer — das christliche Publikum war kaum vertreteil — bemächtigt hatte. Neugierde hatte eine ziemliche Anzahl von Landleuten herbeigeführtz doch entfernten sich dieselben größtentheils vor Beendtgung der Bureauwahl — um nicht wiederzukommen. Die Augsburger Israeliten dagegen belächeln das Bestreben dieser Versammlung mit der allerdings richtigen Bemerkung, daß sie sich selbst „Synode" seien? Nichts destoweniger hat die Cultusgemeinde gemäß ihrem schon ftüher gefaßten Beschlüsse, Gastfrelmdfchaft zu iiben, für morgen ein solennes Diner angesagt. Das ist jedenfalls das einzig Reelle an der ganzqz Synode, und sö werden doch sämmtliche Herren einmal wenigstens gewissermaßen koscher essen in Augsburg? — Die Devlfd des ersten Präsidenten, Prof. Lazarus, in seiner Eröffnungsrede'. „Vorwärts mit G.?" erinnert unwillkürlich an das talmudische Sprichwort: üjam an-'nntä txpti N'b np, „Der Dieb beim Einbrechen ruftG. umBeft stand an?" Welch eine Blasphemie? Menschen ich Begriff die göttlichen Satzungen dar h. Religion zu verunglimpfen, wagen es, den h. Namen des Herrn dabei auszusprechen? Die erste Verhandlung über die Eheschließung — Referent vr. Aub aus Berlin — litfme des Ergötzlichen Manches, insbesondere einen guten Witz des vr. Wassermann, der es bedauerte, daß dieser genstand, dem er keine große Bedeutung absehe, „ulld der wahrscheinlich seine Geburt einigen Berliner Damell verdanke, die auch sonst der Mode huldigen," zuerst arif der Tagesordnung stehe, vr. Aub verbreitete sich eines längeren, daß es ertaubt sei, auch in der Sfira —tffib den „neun Tagen," mit Ausnahme des 9. Ab,^) „der übrigens nicht mehr ein Trauer-, sondern nur ein Fasttag sei," Hochzeiten zu begehen, und ermahnte südlich, „die Orthodoxen ja nicht zu fürchten, die sich fürchten, den Mantel ein wenig zu lüften, weil man sollst zu viel sehen könnte"? Ein Mitglied — dessen Name mir entfalten — wollte für die ata "v-Woche Gnade erwirken, kam aber mit Schande und Spott davoll, ward sogar mit ccrfniftischem Scharfsinn von Prof. Lazarus durch den Eitttvand bekämpft, „wie es denn gehen sollte, wann ata Jts auf Bamftag ober (Bonntag fällt"! Der „Israelit" hat wahrlich das Richtige getroffen, daß Irrenärzte in dieser Versammlung Studien machen *) Danach ist das obenerwähnte Gerücht zu berichtigen.