Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1871)
- Date
- 1871-07-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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538 Im ersten Stock in dem Hause „zur Kanne" in der Judengaffe in Frankfurt a. M. herrschte gfofee Trauer. Dort wohnten Rabbi Paltiöl und sein Weib, denen zehn Jahre lang der Kindersegen ferngeblieben war. Als ihnen dann endlich ein Cohn geboren wurde, war die Freude groß gewesen; um so größer war jetzt die Trauer, da Gott das zweijährige Knäblein wieder zu sich genommen. Auf der Erde saßen die schmerzerfüllten Eltern, und vergebens bemühten sich die Freunde und Verwandten, Trost zu bringen. Da ging die Thüre auf, und der Rabbi trat ein. Alles erhob sich; auch Rabbi Paltiel und sein Weib. „Ihr hättet nicht aufzustehen brauchen," sagte der Rabbi zu ihnen. „Der Trauernde und der Kranke brauchen sich vor Niemandem zu erheben; ich aber durste auch nicht zu Euch sagen, „bleibt sitzen!"; das hätte, Gott behüte, lauten können: Verbleibt in Eurer Trauer." Man setzte sich wieder, und auch der Rabbi nahm Platz unter den zum Zwecke des Tröstens anwesenden Freunden. Die Frau weinte still vor sich hin, während Rabbi Paltiel schwer seufzte. „Eurer Schmerz ist gerecht," sagte der Rabbi, „aber Alles, was Gott thut, ist zum Guten; gepriesen sei Sein heiliger Name." „„Sein Name sei gepriesen!"" wiederholte Rabbi Paltivl schluchzend. „Ich will Euch nicht sagen," fuhr der Rabbi zu reden fort, „Ihr sollt Euch in das Unabänderliche fügen; denn so darf der Jehudi nicht reden. Nicht, weil's unabänderlich ist, sondern weil es Gottes Wille so und nicht anders gewesen, ist es gewiß gut so. Wie können wir schwachen Menschen wissen, was zu unserm Heile ist d Aber Gott weiß es, und wie Er es vollbringt, also ist es recht." „„Ach, Rabbi,"" sagte Rabbi Paltiol, Jahre lang haben wir zu Gott gebetet um diesen Knaben. Endlich hat Er unser Gebet gehört und hat uns unfern süßen Jungen gegeben, als wir solche Gnade kaum mehr erwarteten; und nun . . . ."" Das laute Weinen der Frau ließ ihn den Satz uicht vollenden. „Tröstet Euch," sagte der Rabbi, „Gottes Wege stnd wunderbar und unerforschlich. Gar oft schickt Er das Heilmittel vor der Wunde. Vielleicht hat Er auch Euch schon ein Heilmittel gesandt. Wahrlich, es ist ein großes Glück, Kinder zu haben, für sie zu leben und zu sorgen, sie zur Gotteslehre und zu guten Thaten zu ergehen. Allein, wenn man das Alles einem fremden Kinde, einer Waise thut, so ist das Verdienst ein noch viel größeres. Ihr wißt doch, was Raschi im Anfang von Noach sagt: „Die Hauptnachkommenschast der Frommen sind ihre guten Thaten". Da war heute ein Landmann bei mir; der ist in ganz sonderbarer Weise zu einem Waiscnkinde gekommen; aber er ist ein armer Mann und kann's nicht erziehen. Vielleicht sendet Euch Gott in diesem Kinde Ersatz für das Verlorene. Nehmt es zu Euch, Rabbi Pattiöl, und erzieht es; das Verdienst — Ihr wißt's ja — ist unendlich groß." „„Wenn Ihr es befehlt, Rabbi, und meine Frau nichts dagegen hat — ich bin bereit."" „Dein Wille ist auch der meine," sagte Sarah. Rabbi Paltiöl's edles Weib. „„Kennt.Ihr die Herkunft des Kindes, Rabbi?"" stagte Paltiel. „Ich kenne sie; der Landmann hat nur sie unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mitgetheilt. Soviel kann ich Euch sagen, der Knabe ist ehrlicher Leute eheliches Kind." „„Nun gut, ich will das Kind zu mir nehmen: aber auch ich habe eine Bedingung zu stellen. Ich will das Kind unter göttlichem Beistände als das meinige aufziehen, und deßhalb soll der Knabe nie erfahren, dcch er nicht mein eigenes, leibliches Kind ist. Versprecht mir das, Rabbi, und auch Ihr, meine Freunde."" „Von mir," sagte der Rabbi, „soll das Kind ohne Eure Zustimmung nie seine wirkliche Herkunft erfahren." Die Freunde versprachen dasselbe. Schon am andern Tage, als die Trauerwoche zu Ende war, wurde der kleine Menascheh seinen neuen Pflege-Eltern zugeführt , die den schönen, munteren Knaben bald liebgewannen. Abraham und Gretel kehrten ftoh, ihren Zweck erreicht zu haben, nach Nußdorf zurück. Zu Hause angelangt, fanden sie zu ihrem Erstaunen den Rentmeister von Hohenburg, den Schwiegersohn Hans Gericke's, in ihrer Wohnung. Der Haushofmeister hatte sich endlich des Kindes erinnert und seinem Schwiegersohn geschrieben, das Kostgeld solange zu zahlen, bis der Knabe abqeholt würde. „Zweimal," sagte der Rentmeister, „sollte das Kind schon geholt werden; aber ich habe von Nichts gewußt." „„Und jetzt,"" entgegnete Abraham, „„kann Euer Schwiegervater das Kostgeld sparen. Ich habe das Kind zu dem Juden Paltiel „zur Kanne" in Frankfurt gethan, der es als das seine aufziehen wird. Dort ist'i bester aufgehoben als bei mir."" Der Rentmeister berichtete seinem Schwiegervat über den Verbleib des Kindes, und Hans war ni wenig ftoh, nunmchr dieser Sorge enthoben zu sein. (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofhuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckern in Mainz.