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Der Israelit · 1871-07-12 · Heft 28 (12.7.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 28 (12.7.1871)
Date
1871-07-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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537 Lange wartete Abraham in Nußdorf auf Briese oder Nachrichten VM Haushofmeister, von dessen schleü* niger Abreise in Begleitung des Fürsten er gehört hatte. Es waren schlechte Zeiten, es gab wenig zu verdienen und dem armen Dorfjuden wurde es schwer, die eigenen Kinder zu ernähren. „Höre einmal, Gietel," sagte er eines Tages zu seinem Weibe, „das Kind, der Menascheh, wird nicht abgeholt. Wer weiß, was aus seinen Eltern geworden ist; vielleicht sind sie verkommen in Noth und Elend, vielleicht sind sie schon gestorben; auch der Haushofmeister läßt nichts von sich hören; das Kind hat uns schon mehr gekostet als jene fünfzig Gulden, die uns Gericke aegeben. Was es an Kleidern, Schuhen, an Essen und trinken gebraucht, müssen wir bei diesen theuren, schlechten Zeiten den eignen Kindern entziehen." „ „Was aber sollen wir thun V" entgegnete die Frau, „ „wir können doch das arme Würmchen nicht auf die Straße setzen!"" „Gott behüte! Aber ich habe mir etwas Anderes ausgedacht. In Frankfurt gibt es viele, reiche, wohltätige Glaubensgenossen. Vielleicht nimmt sich Einer oder der Andere des verwaisten Kindes an. Wir wollerl mit dem Kinde nach Frankfurt reisen und wollen sehen, wie wir es dort unterbringen." Die Frau hatte nichts gegen diesen Vorschlag ein -- zuwenden, und so benutzten sie in den nächsten Tagen eine Fuhrgelegenheit und kamen glücklich in Frankfurt an. Gietel war zum ersten Male in ihrem Leben in einer größeren Stadt. Mit Staunen bettachtete sie die großen schönen Häuser, die Paläste der Reichen und Vornehmen, die belebten, breiten, schönen Sttaßen, die Läden mit Allem, was sie zum Verkauf darboten. Als sie auf die Zeit kamen, folgte ein Ausruf der Bewunderung dem andern. „Abraham," sagte sie, „wie schön ift's doch in einer solchen Stadt! Ich wollte, wir wohnten in Frankfurt!" „„Hab' Geduld!"" sagte Abraham, „„bis wir an die Judengafs' kommen. Da wird Dir's schon nicht so gefallen." " Jtt der That, es wollte Gietel in der Judengasse gar nicht gefallen! Die schmutzige, finstere Gasse, bereit Häuser bis in den Himmel emporzusteigen uud oben ineinander zu stoßen scheinen, in der die zahlreichen idischen Bewohner Frankfurts zusammengepfercht wohhn mußten, sechs, sieben oder noch mehr Familien in nem schmalen, aber unendlich hohen Hause — das Als war nicht nach dem Geschmacke der Frau, die auf em Lanke geboren und erzogen, viel in Gottes freier Natur zu verkehren gewohnt war. „Ja," seufzte Abraham, als er seine Schritte der jüdischen Herberge zulenkte, „Platz wäre genug in der großen Stadt. Da gibt es weite Paläste, in denen nur wenige Menschen leben; allein, wir Juden find im Goluß, wir muffen gequält und gepeinigt werden; da' Mffen dreihundett jüdische Famllren zusammengchreßk werden auf den engsten Raum, und selbst der reiche Mofchch Schubach kann für sein vieles Geld nicht so viel Platz zu seiner Wohnung haben, wie ich armer Mann in Nußdorf." Unter diesen Reden waren »ie in der Herberge augelangt , wo sie sich und dem Kinde zu effen und zu trinken geben ließen. Der neugierige Wirth verstand es, die Landleute auszufragen, und bald kannte er alle Verhältnisse Abrahams und seines Weibes, sowie den Zweck ihrer Reise nach Frankfurt. „Da wendet Ihr Euch am Besten," sagte seinen Rath ungebeten ertheilend der Wirth, „an den Rabbi; wenn , der Euch Helsen kann, so thut er's. Das ist ein gar frointtler, gelehrter, heiliger Mann. Da muß ich Euch doch einmal eine Geschichte erzählen, die sich vorige Woche zugetragen. Ein fremder Pole, der beim Rabbi über Schabboß gegessen, hat einen silbernen Löffel mitgehen heißen. Die Frau Rebbezin J) hat, ohne dem Rabbi Etwas davon zu sagen, auf die Polizei geschickt, und mau hat richtig den Dieb in Rödelheim eingefangen und den Löffel bei ihm gesunden. Er wurde hierhergebracht und „toseß"gesetzt. Erst jetzt erfuhr der Rabbi davon. Da hättet Jbr einmal seinen Kummer und seinen Jammer sehen sollen! Er hat nämüch die Gewohnheit, jeden Abend vor dem Schlafengehen seine Nechoßim a) ntciffir1 2 3 4) zu sein, damit kein Mensch am der Wett durch ihn nechschol5 6) werden soll; demnach hatte also der fremde Bettler den Löffel nicht gestohlen, sondern kaune min hahester^) gewesen. Er wurde natürlich gleich in Freiheit gesetzt; aber nicht allein, daß ihm der Raboi den Löffel abgekauft und nach dem vollen Werth bezahlt hat, er hat ihm auch noch fünf Gulden für Bauscheß und Pegam 7 8 9) gegeben!" „„Das ist allerdings,"" sagte Abraham, „„ein großartiges, beispielloses Chassidus«), aber, wenn das bekannt würde, so wäre jedem Mißbrauch Thür und Thor geöffnet, und alle Achbrauschim aus der ganzen Welt würden kontmen, um dem Rabbi seine Nechoßim kaune min hahesker zu sein."" Noch an demselben Tage begab sich Abraham zu dem Rabbi. Dieser bestellte ihn auf den andern Tag wieder; er hoffe, sagte er, für das Kind ein paffendes Asyl zu finden. 1) Rabbinerin. 2) in's Gefängniß. 3) Eigenthum. 4) für herrenloses Gut zu erklären. 5) zu Sünde kommen. 6) als Eigenthum erworben. 7) als Entschädigung -für die angethane Schmach» 8) Frömmigkeit. 9) Spitzbuben.

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