Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1871)
- Date
- 1871-07-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447526--09506-2465230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S'-' t F fe | K h- „ „Ich glaube kaum; ich werde froh sein, wenn er ' gleich nach Suckauß6) uns unser geliebtes Kind zuführen wird."" Aber das Neujahrsfest kam und das Laubhüttenfeft ging vorüber, und Bunnem kehrte nicht zurück. Mirjam verzweifelte fast. Nathan suchte sie soviel als möglich Zu trösten. „Es wird jetzt Winter;" sagte er, „wahrscheinlich wollte Bunnem nicht im Winter mit dem Kinde reisen; er wird irgendwo Arbeit genommen haben und wird Zum Frühjahr wiederkehren." Der Winter ging vorüber in vergeblichem Sehnen, Peßach^) zog dahin und das liebliche Schowuauß-Fest^) kam ins Land; schon wollte sich Nathan, seinem, dem Haushofmeister gegebenen Versprechen entgegen, selbst auf den Weg machen, um sein Kind zu holen, da kam Bunnem angewandert, abgerissen und zerlumpt, und das Kind war nicht bei ihm. „Bunnem," ries Nathan, „wo ist das Kind, ist es gestorben f‘, „ „Laßt mich nur in die Stube treten," sagte Bunnem, „ich will Euch Alles erzählen."" Nathan und die vor Schrecken und Angst halbtodte Mirjam folgten dem Manne in's Zimmer. „Hier ist Euer Brief wieder," sagte Bunnem, „der Vogel ist ausgefiogen. Ich komme nach Hohenburg. Da heißt es, der Haushofmeister sei mit dem Fürsten und der Fürstin verreist; ich frage nach seiner Frau, da höre ich, die sei gestorben; endlich finde ich seine Tochter auf und erfahre von dieser, daß ihr Vater sich mit dem Fürsten nach Paris begeben habe. Ich denke bei mir, ich habe dem Samuel gesagt, daß ich im Nothfalle auch nach Paris für ihn gehe; ich entschließe mich also und mache mich auf den Weg nach Paris." „„Wie, Ihr Guter, Ihr seid nach Paris gewandert^"" „Wie Ihr jagt, so ist es. War das aber eine beschwerliche Reise! Bis Metz ging es noch; da war ich die Jomim tauwim^), und da es im Winter nicht gut wandern ist, so nahm ich dort Arbeit und blieb dort bis Chamischo-oßer-Bischwat 10). Dann machte ich mich wieder auf den Weg durch Frankreich, wo überall keine Jehudim wohnen. Ich war nur froh, daß ich zu Purim nach Paris kam. In Paris gibt es Glaubensgenossen, aber nicht viel. Bald fand ich das Haus, wo der Fürst von Hohenburg mit seinem Gefolge gewohnt hatte — hatte, denn der Vogel war wieder ausgeflogen; er war schon zu Anfang Winter nach Italien gereist. Nein, dachte ich, jetzt bist du „Jauze""); nach Italien kannst du dem Haushofmeister nicht nachlausen. So ging ich denn zurück, war Peßach in Metz und bringe Euch hier, wie ich versprochen habe, den Brief uneröffnet zurück." Die Thränen seiner Frau sowie die eigene Sehnsucht nach dem langentbehrten Kinde verantaßten Nathan, sich selbst, verkleidet, nach Hohenburg zu begeben; die Gefahr war jetzt auch geringer, da der fürstliche Hof nicht anwesend war. Zu seinem. Ersfäi ncn Nathan in- HoberckÄH Geschick des Hofpredigers, der in Folge jenes Blitzstrahls unter furchtbaren Schmerzen , in Verzweiflung und Reue gestorben war. Ein anderer Geistlicher wohnte jetzt in Nathan's ehemaligem Hause, während Müllers zahlreiche Familie von der kleinen Pension der Wittwe kümmerlich das Leben fristete. Nathan suchte die Tochter und den Schwiegersohn Hans Gericke's auf. Sie erkannten ihn nicht, konnten ihm aber auch keine Auskunft geben. Hans hatte ihnen nichts mitgetheilt von einem Kinde, hatte keinerlei Verfügung zurückgelassen; er selbst aber reiste mit seiner Herrschaft in Italien umher. An Gericke zu schreiben wagte Nathan nicht. Dagegen suchte er die Juden von Hohenburg auf, um etwa von ihnen über das Geschick seines Kindes eine Nachricht zu erforschen. Allein Niemand wußte vorr seinem Kinde, Niemand hatte das Geringste darüber vernommen. Betrübt kehrte Nathan nach Sulzbach zurück, wo ihm sein Weib unterdessen eine Tochter geboren hatte. Im Besitze des neuen Kindes trösteten sie sich endlich über den Verlust des Sohnes. „Wenn es Gottes Wille ist," sagte Nathay zu seiner Gattin, „so wird Er uns unser Kind wieder zuführen." Bei sich aber dachte er: „Gewiß ist das Kind gestorben; sonst hätte Hans sicherlich Nachricht von ihm zurückgelassen." Diese Vermuthung wurde ihm von Tag zu Tag mehr zur Gewißheit. Als Mirjam vom Wochenbette genesen war, sprach er sich auch ihr gegenüber in diesem Sinne aus; auch Mirjam fand diese Vermuthung begründet und gewöhnte sich allmählich an den Gedanken, ihr Söhnchen für immer verloren xu haben. Nach Jahresfrist wurde dem Ehepaare ein zweiter Sohn geboren, und sie gedachten ihres Erstgebornen nur . noch als eines.Gestorbenen. (Forts, folgt.) f 6) Laubhüttenfest. 7) Das Ueberschreitunasfest (Ostern). 8) Das Wochenfeft (Pfingsten). 9) Die Feiertage. 10) Bis zum 15. Schebat, etwa Mitte Februar. 11) Du hast deine Pflicht erfüllt. Hier»» zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Seemann. — Verlag der Le Roux'fchen Hochuchhandlmrg. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.