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Der Israelit · 1871-07-05 · Heft 27 (5.7.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 27 (5.7.1871)
Date
1871-07-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Sülzbach, wo Nathan als Setzer fleißig an der neuen TälMudausgabe arbeitete. Er erwarb soviel, »nt in bescheidener Einfachheit leben zn können und nichts hätte das Glück der schwergeprüften Eheleute getrübt, wenn nicht die Sehnsucht nach ihrem Kinde sie fast verzehrt hätte. Nathan suchte durch angestrengten Fleiß und Mirjam durch weife Sparsamkeit soviel Geld als möglich zu erübrtgen, um dadurch in den Stand gesetzt zu sein, einen Boten nach Hohenburg zu schicken, der von Haushofmeister das Kind in Empfang nehme und es ihnen zufüht'Sr neigte^fich der Sommer seinem Ende zu, als sich ihnen "die Gelegenbett dazu bot. Einer der Setzer, ein braver aber etwas httzrger Mann, hatte sich mit seinem Arbeitgeber überworfen und verlieh deßhalb die Werkstatt. Ihn nahm Nathan bei Seite und sagte zu ihm: „Ihr seid jetzt ohne Arbeit, Bunnem, und müßt eine andere Werkstatt ausfuchen. Wohin gedenkt Ihr zu gehen?" „„Am liebsten,"" entgegnete Bunnem, „„würde ich jetzt ein wenig in der Welt umherwandern, wenn ich Geld hätte. Ich liebe das Reisen; aber ich habe kein Geld und betteln mag ich nicht."" „Ihr könntet Eure Reiselust befriedigen und mir einen großen Gefallen thun; freilich kann tch Euch nicht viel geben; ich besitze nur dreißig Gulden, und es ist eine große Reife." „„Mit dreißig Gulden reise ich von einem Ende des deutschen Reichs bis zum andern und wieder zurück. Meint Ihr, ich würde retsen wie ein Fürst? Ich gehe zu Fuß und lebe die Woche hindurch von Brod und Butter und Eiern und für Schabboß lasse ich mir eine Plett H geben. Mir ntacht das Reisen an sich Vergnügen. Wenn ich Jahre lang „gestiftelt"2) habe, so macht es mir Freude, in Gottes freier Natur, durch Felder und Wälder zu wandern, Städte und Menschen zu sehen. Also gebt mir die dreißig Gulden und sagt, wohin ich gehen soll."" „Wißt Ihr, wo Hohenburg liegt?" „.-Ich war schon einmal dort; jenseits Frankfurt am Main, im Gebirg; es sind mchr als zwanzig Jahre, daß ich dort war."" „Ich werde Euch einen Brief schreiben, den müßt Ihr dem Haushofmeister des Fürsten, Hans Gericke, abgeben. Auf den Brief hin wird er Euch ein Kind übergeben, einen Knaben von zwei Jahren. Das Kind bringt Ihr dann her zu mir." „„Ein Kind?"" „Ja, ein Kind, für das ich sorgen will, ein jüdisches Kind. Ich hab's nicht mitnehmen können als ich brodlos wurde; jetzt will ich es zu mir nehmen." 1) Billet, das armen Wanderern vom Gemeinde -- Vorsteher behufs freien Mittag- und Abendtisches gereicht wird. 2) Als Schriftsetzer gearbeitet. „Ihr habt Mir noch gar nicht erzählt, wo Ihr gearbeitet habt, ehe Ihr nach Sulzbach kamt. Und wieso seid Ihr brodlos geworden, solch ein geschickter, fleißiger, geduldiger Arbeiter, wie Ihr?"" „Ich habe in Frankfurt a. M. gearbeitet; mein ' Brodherr ist gestorben, und die Erben haben die Druckerei 'ü eingehen lassen." . 1 „„Und da habt Ihr Euer Kind solange einem 1 (Sfyriften in Hohenburg übergeben?"" 4 „Es ift niä}t mein Kind, es ist eine Waise, das .i Kind eines Freundes, für das ich sorgen will. Der - Haushofmeister hat es sotange bei Juden nntergej bracht." '$ „ „Also nach Hohenburg! Der Fürst soll ein großer v Rosche3) sein. Habt Ihr die Geschichte von dem Hofj agenten Nathan Anspach gehört?" " . ü „Ich habe davon gehört; doch was geht das mich < an? Kommt heute Abend zu mir, so will ich Euch den Brief geben." Als Bunnem Abends tarn, war er andern Sinnes geworden. ) „Samuel," sagte er. „ich habe mir die Sache über- '» legt; aus unserem Handel wird nichts." 1 „„Und warum nicht?"" fragte Nathan erschreckt. I „Gebt mir auf nach Hamburg oder nach Paris -m und wieder zurück zu gehen, ich thu's gern! Aber mit J| einem kleinen Kinde zu reisen — nein, das geht nicht!" jj „ „Aber bedenkt, Bunnem, es ist ein Joßem4), I und Ihr wißt doch, wie gottgefällig dasjenige ist, was / man für eine Waise thut!"" j „Nun, für ein Joßem will ich's thun; gebt den 4 Brief her!" | „ „Hier ist der Brief. Ihr dürft ihn aber Nie-; mand anders als dem Haushofmeister geben; es ift von ■ I der größten Wichtigkeit, daß kein anderer Mensch den :| Inhalt des Brieses erfährt."" | „Laßt mich nur sorgen! Kann ich den Brief nicht I an seine Adresse bringen, so erhaltet Ihr ihn unerbrochen jj zurück." . I Bunnem ging, von den Segenswünschen Nathans 1 und Mirjam's begleitet. Die beiden Leute zählten die | Lage und Wochen wie zur Omerzeit. Jedesmal, wenn 1 Nathan ans der Werkstätte kam, fragte Mirjam: „Wo 1 mag Bunnem fetzt sein? ift er schon über Bamberg hinaus? Wird er wohl bald nach Schwemfurt kommen?" j Und Nathan antwortete dann: „„Wer weiß? Wenn 'jj man zu Fuß reist, geht's nicht so rasch: da wird häufig J ein Rasttag gemacht, da hat man sich die Füße wund- J gegangen und bleibt in der Herberge liegen!"" j „Meinst Du, daß er zu Rosch Haschonoh5) wieder hier sein kann?" 3) Judenfeind. 4) Richtiger: Joßamn, Waisenkind. 5) Neujahrsfest. ‘

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