Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1871-08-09 · Heft 32 (9.8.1871) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 32 (9.8.1871)
Date
1871-08-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2447499-2447531--09606-2465204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

510 Jbet prachtvollsten Paläste erhebt. Auf der Höhe der Zleinseite liegt das stolze kaiserliche Schloß, der Hrad- <zin; aus seinem Fenster wurden im Jahre 1618 von Lern empörten böhmischen Adel die kaiserlichen Räthe Martiniz und Slawata geworfen, was bekanntlich den Anlaß zu jenem blutigen Kriege gab, der Deutschland dreißig Jahre lang verwüstete und das deutsche Volk auf Jahrhunderte hinaus in eine Erniedrigung brachte, aus der wir es in unsern Tagen erst haben erstehen sehen. Auf dem rechten Ufer der Moldau dehnt sich die große, reiche und schönangelegte Stadt aus; lange Jbrcite Straßen, welche Paläste und von Wohlhabenheit zeugende Bürgerhäuser begränzen, große, freie Plätze, unter denen der „Alterstädter Ring" mit seinen monumentalen Gebäuden Palästen, Kirchen, Denkmälern in der ganzen Welt berühmt ist. Und diese schöne Stadt Wird von anmuthigen, rebenbegränzten Hügeln, von hohen mit alten Schlössern gekrönten Bergen umgeben, .welche die Lage derselben zur reizendsten machen, und un den Ufern der Moldau ziehen sich die wundervollen, mit Bänmen bepflanzten, mit Denkmälern gezierten Lluai^s hin und über die Moldau führen große, schöne Brücken nach der gegenüberliegenden Kleinseite. Der großartige Eindruck, welchen Prag dem fremden Besucher bietet, schlägt sofort in das Gegentheil um, wenn man, den Altftädter Ring verlassend, über den Drei- Lrunnenplatz in die Judenstadt geht. Der ernste monotone Charaeter der Stadt hört Plötzlich auf, und eine Lebhaftigkeit entwickelt sich, die sofort eine aus einem Wärmeren Himmelsstriche stammende Bevölkerung erkennen läßt. Dort tummelt sich Jung und Alt, lärmend, schreiend und heftig gesticulirend, Weiber haben auf offener Straße förmliche Restaurationen etablirt, warme Eier, Kaffee, gebackene Fische oder gebratenes Gänsefleisch dem Vorübergehenden mit großem Geschrei offerirend. An jeder Straßenecke stehen Gruppen, die großen Ereignisse der Judenstadt oder der Weltgeschichte besprechend, zu den -Fenstern hinaus lehnen sich Weiber und Mädchen, sich rn einem Gemisch von Deutsch, Hebräisch und Böhmisch mit ihren Freundinnen auf der Gasse unterhaltend. Böhmische Dienstmädchen putzen und scheuern, dabei lachend und singend, daß es weithin tönt, denn es ist Donnerstag heute, und das Ghetto ist bereits in voller Vorbereitung für den heranahnenden Sabbat begriffen. Von allem Dem merkt Menascheh nichts; die Sorge AM die nächste Zukunft hat sein Her^ niedergedrückt. Als er vor dem Hause des Kaufmanns in der -goldenen Gasse vom Wagen gestiegen, sagt dieser: „So, Bochur, jetzt geht zum Plettengabbe 4), Rebbe Dowid Ri in der Pinchasgasse, der wird Euch sagen, was Ihr zu thun habt." 4) Armenvorsteher. Menascheh dankte dem Manne und wandte seine Schritte der nahen Pinchasgasse zu. Rabbi David Ri, der Plettengabbe, war ein rundes, dickes, fteundliches Männchen, das sich sehr gern in hebräischer Sprache unterhielt. „Miattoh?" (Wer bist Du?) fragte er den schüchtern eintretenden Menascheh. „Bochur onauchi," (ich bm ein Student) antwortete dieser in derselben Sprache. „Meajin boßo?" (Woher bist Du gekommen?) „M' Frankfurt d'Main" (aus Frankfurt am Main.) „„Frankfurt hauladticho?" " (Hat Frankfurt Dich geboren? d. h. bist Du in Frankfurt geboren?) „Ken, Adauni." (So ist es, mein Herr.) „„Ansche Frankfurt Aschirim gedaulim hem."" (die Frankfurter sind sehr reich.) „Gam onauchi, ben tauwim oni; awol bou Schaudedim ale derech welokchu mah schebejodi." (Auch ich bin von guter Familie, aber ich bin von Räubern unterwegs ausgeplündert worden.) „ „Armitschko,5 6)" " sagte Rabbi David bedauernd, plötzlich das Hebräische mit dem czechisirten Deutsch vertauschend; „„ich will Euch einen Plett^) zu Schabboß bei einen großen Kozin, bei Rabbi Schmüel Sulzbach geben; dort werdet Jhr's gut haben."" „Aber bis zum Sabbat, wovon soll ich da leben?" „ „Nun, ich werde Euch ein Paar Böhm (Groschen) geben. Geht in die „Zigeunergaß", da findet Ihr ein billige Herberge." " Menascheh nahm dankend das Geld und ging in die Zigeunergasse, um die billige Herberge aufzusuchen. Fast wäre er gleich nach seinem Eintritte in dieselbe wieder umgekehrt; derart wurde er von Ekel erfaßt, derart wurde er von dem dort herrschenden Schmutz angewidert. Aber, was sollte er beginnen? Er überwano sich und verlangte zu essen. Man gab ihm Suppe in ein an eine Kette geschmiedetes Blechgefäß. Wahrscheinlich fürchtete der Wirth, daß seine Gäste sein Geschirr mitnehmen würden, wenn es nicht festgeschmiedet wäre. Welch eine Nacht verbrachte der bedauernswerthe Jüngling in dieser Herberge! Glücklicher Weise war der folgende Tag ein Freitag, an dessen Abend der Sabbat winkte. Dann durste er sich zu dem Bal Boß7) begeben, bei dem er eine Plett hatte, dann durste er hoffen, dem Elende und dem Schmutz dieser entsetzlichen Herberge zu entkommen. (Fortsetzung folgt.) 5) Aermfter, vor „arm" mit slavischer Endung gebildet. 6) Anweisung auf eine Mahlzeit. 7) Hausherr. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckern in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.