Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1871)
- Date
- 1871-08-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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509 (wenn auch zwangsweise und wider Willen) „gezählt^ wurde, als „Abtrünnigen" und überantwortete ihn der geistlichen Behörde zur Ermahnung, wobei er bis zur Rückkehr zum Christenthum sammtlicher Standesrechte verlustig gehen und sein Vermögen unter Curatel gestellt werden sollte. Der Senat hat kürzlich seinerseits auf Cassationsklage des Katzmann verfügt, daß das Urtheil des Moskauer Gerichtshofs aufzuheben und die ganze Angelegenheit einem anderen Departement desselben Gerichtshofs zu erneuter Verhandlung zu übergeben sei. Feuilleton. Am rechten Aeit. XXII. In Prag. In Prag! Welch eine Welt von Gedanken erschließt sich in diesen zwei Worten, welch eine Fluch von Erinnerungen, sowohl in Bezug auf die Geschichte der Menschheit als auch namentlich in Bezug auf die Geschichte des jüdischen Volkes! An die Geschichte hat sich die Sage geknüpft, um die Helden des Geistes, die Dulder des Glaubens zu verherrlichen. Schon zur Zeit des zweiten Tempels, lange ehe die Czechen die alte, zerstörte Markomannenstadt wieder erbauten, sollen dort, — wo jetzt die Stadt Prag steht, Juden gewohnt imb eine Synagoge besessen haben. Als aber das Heiligthum unseres Gottes vom Feuer verzehrt, als der heilige Tempel zu Jerusalem ein Schutthaufen war geworden, da wurden — so sagt man — die Wände der Synagoge zu Prag plötzlich schwarz, und so sind sie schwarz geblieben bis auf den heutigen Tag, und keine frevle Hand darf es wagen, diese Wände zu übertünchen; unfehlbar wäre sofortiger Tod die Strafe. Ja, sie steht heute noch diese uralte Synagoge. Wie durch ein Wunder ist sie seit Jahrtausenden der Zerstörung entgangen. Als die alte Markomannenftadt, die einst an der Stelle des heutigen Prag stand, zerstört wurde, da wurde die tiefliegende Synagoge von den abziehenden Israeliten mit vielem Schutte bedeckt, und unter diesem Schutte erhielt sich das Gebäude Jahrhunderte lang. Verschwunden waren längst die Spuren, daß hier jenrals eine Stadt gestanden, dichte Waldungen, die dem Beschauer gleich ewigem Urwald erschienen, bedeckten die Stätte, wo einst die Markomannen-Fürften gewohnt, als die Czechen unter ihrem Herzoge Przemisle und ihrer Herzogin Libussa hier ihre Hauptstadt gründeten. Bald wieder siedelten sich auch Juden dort an, denen erst am linken Ufer der Moldau, auf der bergigen Kleinseite, später in den Niederungen am rechten Ufer des Flusses ihre Wohnungen angewiesen wurden. Sie richteten ein kleines Bethaus ein (die Altschul, der jetzige Tempel) und bauten sich Häuser; sie räumten den Schutthaufen hinweg, den sie vorfanden, und siehe, unter demselben war eine fest und stark gebaute Synagoge, mit heiliger Lade, Almemmor *) und Amud1 2 3), mit schwarzen Wänden und an der Nordwand stand geschrieben der Name des allmächtigen Gottes, in eine nicht zu entziffernde Jahreszahl verwebt. Und alle Welt war erstaunt ob des merkwürdigen Fundes, und man nannte diese Synagoge: die alte Neu-Schul'; das ist die berühmte Alte-, neuschul von Prag. O, wenn die schwarzen Wände erzählen könnten von all der Verfolgung, die sie gesehen, von all dem edlen, unschuldigen Blute, das an fie hinangespritzt aus den Herzen heiliger Märtyrer! Und gerade gegenüber ist der alte Friedhof mit seinen uralten Denkmälern von dem hohen Rabbi Schi» meon und dem hohen Rabbi Löb, von Rabbi Victor Kroh und Rabbi Mordechai Meisel und Frau Händel Schmieles und unzähligen andern. Und ringsumher die ganze Judenstadt mit Straßennamen wie sie wohl keine andere deutsche Stadt hat: die Rabbiner-Gasse, die Schameß-Gasse, die Bele- und- Elle's-Gaffe (Belelesgatz) und noch vielen ähnlichen. Hier hat der hohe Rabbi Löb — wie die Sage berichtet — seine Wunder gethan und einen „Golem", einen Menschen aus Lehm gemacht, dem er einen heiligen Gottesnamen in den Mund gelegt und ihn so belebt und als Diener gebraucht haben soll. Aber nur sechs Tage in jeder Woche durste der Rabbi den sonderbaren Diener am Leben lassen; vor den! Beginne des Sabbats mußte er ihm den Gottesnamen ans dem Munde nehmen, sonst würde der Golem Alles vernichten. An einem Freitage hatte einst der Rabbi vergessen, seinen eigenthümlicheu Diener in sein Nichts zurückzuwerfen, und der Vorsänger in der Synagoge hatte bereits das Eingangslied des Sabbats „Mismor Schir lejom haschabboß" zu singen begonnen. Da dringet Klagegeschrei von der Sttaße herein; deS Rabbi Golem fing an, Alles, was ihm in den Weg kam, niederzuschlagen: Alsogleich gebietet der Rabbi dem Vorsänger zu schweigen, eilt aus der Synagoge, fällt den Wüthenden an und entreißt ihm glücklich den Namen, der ihm Leben verliehen; und der Golem sinkt hin, ein todtes Stück Lehm! Dann kehrt der Rabbi in die Synagoge zurück und beginnt das Sabbatlied aufs Neue. Seit jener Zeit wird noch jetzt in der Altneuschul m Prag der Mismor Schir lejom haschabboß zweimal gebetet. Unter dem Dache der Attneusynagoge soll noch heute der Golem zu sehen sein; Spötter wollen freilichbehaupten, dort liege ein großer Spiegel, und wer komme, denGolem zu sehen, der brauche nur in den Spiegel zu gucken.^) Prag ist eine der schönsten, vielleicht die schönste Stadt Deutschlands; mitten durch die Stadt fließt die Moldau, auf deren linkem Ufer sich die prächtige Kleinseite mit einer Menge 1) Eine Erhöhung, auf der die Thora vorgelesen wird.' 2) Der Stand des Vorsängers. 3) Golem bezeichnet nämlich einen unfertigen, thörichterr Menschen.