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Der Israelit · 1871-06-21 · Heft 25 (21.6.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 25 (21.6.1871)
Date
1871-06-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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„Nimm einen Stock und hau' die Fratzen durch," rief Müller, „mich aber laß in Ruh, ich habe Wichtigeres zu thun! „„Hör' doch nur, wie es donnert und wie der Sturm heult! es regnet, wie wenn eine neue Sundfiuth kommen wollte, und die Blitze find gar schrecklich anzusehen." " „Altweibergeschwätz! Laß mich in Ruh, sage ich Dir! Laß es donnern und blitzen, was gehts mich an?" Seufzend entfernte sich die Frau. Müller aber drehte jetzt vollends den 'Schlüssel herum, zog die Thüre des Wandschranks auf — und was erblickte er? Köstliches SiVber- und Gold-Geräthe! Er nahm es heraus, und stellte es auf den Tisch und beleuchtete es nach allen Seiten; die großen silbernen Girandolen waren sehr werthvoll; sie waren prächtig gearbeitet, wahre Kunstschätze; noch werthvoller schienen die goldnen Dosen und Becher und Ringe; aber der Inhalt des Schrankes war noch nicht erschöpft; da fanden sich Schiebladen. Müller zog eine auf und fuhr wie geblendet zurück. Gemünztes Gold lag darin, Ducaten und Doppelducaten und -Karoline und Friedrichsdor! Er wühlte darin herum mit beiden Händen und nahm Händevoll heraus und warf sie auf den Tisch 'und sprang in die Höhe und jauchzte und jubelte. Und wieder öffnete er eineSchieb- .lade, darin war ein feines Kästchen aus Ebenholz; gie- 'rig ergriff er es und öffnete es. „Diamanten!" rief er, „köstliches, prachtvolles Edelgestein, Smaragde, Rubinen, . Topase und vor Allem Diamanten von unschätzbarem Werthe. Ha, wie sie funkeln und leuchten! Ich Glücklicher!" Auch die Diamanten stellte er auf den Tisch und betrachtete sie mit liebevollen Blicken. „Ich bin ein gemachter Mann," sagte er, „welche Schätze, welche Reichthümer sind da vor mir ausgebreitet! Zehn, zwanig, vielleicht dreißigtausend Thaler, vielleicht noch mehr! Welch ein Leben eröffnet sich mir jetzt! Wie werde ich von nun Alles genießen können, wonach mein H-rz sich sehnt! Mein Amt gebe^ ich auf und -tinge Frau und Kinder irgendwo unter; ich aber begebe mich aus Reisen und schlürfe den Becher der Freuden! Es soll wandem das Geld des Juden, es soll Wandern!" In diesem Augenblicke erfolgte ein furchtbarer Donnerschlag: in demselben Momente schien das Gewölbe des Hauses zu bersten; des Blitzes blaue Schlange zuckte hernieder, und der Hofprediger sank getroffen zu Boden. Der entsetzliche Donnerschlaa hatte die Bewohner Von ganz Hohenburg aus die Beine gebracht. „Das hat eingeschlagen!" ries Einer dem Andern zu, „aber wo?" Jeder fürchtete aus seinem Hause die Flammen züngeln zu sehen; aber Jeder täuschte sich; nirgendwo war eine Fkamme zu erblicken. Aus dem Hause des Hofpredigers drang ein schwefeliger Geruch. Der Fürst war einer der Ersten, die in das Haus des Hofpredigers eilten. Sie fanden die Frau und die Kinder, die laut jammerten. „Wo ist Ihr Mann?" ftagte der Fürst. „„Er hat sich eingeschlossen, Durchlaucht, er habe zu thun, sagte er."" „Es dringt ein Schwefelgeruch aus diesem Haufe; gehen wir dem Gerüche nach; es ist wahrscheinlich ein kalter Schlag. Leuchten Sie uns, Frau Pastorin!" Zitternd nahm die Frau das Licht. Der Geruch führte die Suchenden an das Studirzimmer des Hofpredigers. Man klopfte; aber Alles blieb still. „Schlagt die Thüre ein!" befahl der Fürst." Eine Axt war bald herbeigeschafft, und kräftige Hände schlugen die Thüre ein. Da lag der Hofprediger leblos auf dem Boden; aber auf dem Tische fanden sich zur großen Überraschung der Eintrctenden Haufen geschmolzenen Goldes und Silbers, während das Kästchen mit Edelsteinen unversehrt war. Ein kalter Schlag hatte den Hofprediger getroffen und das Metall geschmolzen. Schaudernd erblickte der Fürst das Alles. Er sah sich im Zimmer um und sein Auge fiel auf den geöffneten Wandschrank. „Ha," ries er, „das ist Nathans Vermögen, wie es sich aus seinen Papieren ergibt und das meine Diener nicht aufgefunden hatten." Dann trat er auf den leblos Daliegenden zu unv betastete ihn. „Er lebt noch!" riet der Fürst, „holt eiligst einen Arzt herbei." Als der Arzt kam, lieh er dem Betäubten zur Ader. Dieser schlug die Augen auf, während sein Blut zu strömen begann. „Ein Gottesurtheil." ächzteer, ein„Gottesurtheil!" „Ja," rief der Fürst, „es ist ein Gottesurtheil, es ist ein Strafgericht des Allmächtigen, der da heimsucht die Ermordung des unglücklichen Nathan, seines Weib^ und seines Kindes! Gott sei mir Sünder gnädig!" Als der Fürst so sprach, ergriff Entsetzen Alle, die es hörten; draußen aber schlugen praffelnd die Regengüsse auf das Steinpflaster, heulte furchtbar der Sturm und das dumpfe Rollen des Donners hallte vom Gebirge wieder. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofhuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.

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