Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1871)
- Date
- 1871-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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475 geschätzten Blatte die würdigen Patrone des Bet-Hamiorasch nach Verdienst characterisirt, und ich erlaube mir heute dem freundlichen Leser als paffendes Setten stück und entsprechende Illustration aus eigener Anschauung die Wiener m *), vulgo Rabbinats - Candidaten vorzustellen, wre man sie durchschnittlich in der Residenzstadt öfters zu sehen Gelegenheit hat, denn diese burschikosen Studenten haben nicht die Geduld, hinter ihren vier Wänden mit Fleiß und Eifer für ihren künftigen so wichtigen Beruf sich gehörig vorzubereiten. Wahrlich, mtt Horaz muß man sprechen: Difficile est satyram non scribire, so man daran denkt, daß solche Leute einst an der Spitze jüd. Gemeinden fungiren sollen. Statt des monotonen Alltagslebens in der Jeschibah, wo diese Leutchen so gut den Chassid zu spielen wußten, um sich in der Gunst des Rabbi zu behaupten, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, die wirklich religiös waren und es auch in der großen Stadt trotz der vielen Verlockungen bleiben, strömen sie der Hauptstadt des Reiches zu, wo es sich viel angenehmer lebt, und kaum athmen sie die Wiener Lust, da werfen sie schon in Gedanken die ganze Frömmigkeit als überflüssigen Ballast über Bord und sich in den Strudel der städtischen Vergnügungen kopfüber stürzend, vergessen sie, in diesem Letheflusse betäubt, all die guten Vorsätze und die häusliche Erziehung bei den Eltern und treiben so, sich selbst überlassen, ohne geregelte Disciplin und Aufficht auf dem Lebensmeere hin und her, wie ein Schiff ohne Steuermann njn 'bn , den Stürmen der Leidenschaften nnd Verführung preisgegeben, bedroht von den Klippen der Genußsucht und gefahrlaufend, von den brausenden Wellen des geräuschvollen Lebens verschlungen zu werden. Gleich Herkules am Scheidewege haben sie die Wahl zwischen dem guten und schlechten Wege, zwischen Tugend und Laster; sie stehen da unschlüssig und wissen nicht, ob sie sich rechts oder links wenden sollen, da sie selbst noch zu jung und unerfahren find und Niemand ihnen offenherzigen Rath ettheilt; indem sie die Scylla der falschen Richtung vermeiden wollen, gerathen sie in die Charybdis des Müssiggangs und überlassen sich mit philosophischer Ruhe und stoischem Gleichmuthe dem dolce far niente, indem sie sich zu nichts Rechtem entschließen können, werden Faullenzer und Pflastertreter, vergeuden die Zeit mit D^un, ergeben sich dem Spiele rc., gesellen sich zu lockern Burschen, die ihnen die Langweile vertreiben ourch politische Kannengießereien und andere nutzlose oder vielmehr schädliche Dinge. Als Universitätshörer soll man die akad. Bürger der andern Facultäten achten und als Collegen bettachten, doch darf man nicht außer Acht laffen, daß sein Stand kein weltlicher fei wie ihrer und darf sich daher in mancher Beziehung isoliren. Mancher dieser *) wie v"'> me 215. Herrchen dünkt sich schon ein Jellinek en miniature zu sein und diesem nachahmend, sagt er sich allzubald von allen religiösen Scrupeln los, in äffischer Anbetung und Verhimmelung des Lehrers; was ein Reformator werden will, das ttümmt sich bei Zeiten vor dem Großmeister, dem er in übermäßiger Lobhudelei Visiten und Complimente machen muß, um so bei Stipendien oder einem Posten die Protection des einflußreichen Gönners sich zu sichern, und in's rechte Fahrwaffer der einträglichen Existenz einzulenken. Bildet ja dieser Stand in der Thal bei Vielen nur eine Brücke zu einem andern, eine Uebergangsperiode zu einem mchr zusagenden und einttäglicheren Berufe; das Studium ist demnach na Di-np die Melkkuh, die ihren Wärter mit Lebensmitteln versorgt. Hat so ein gewesener oder eigentlich verdorbener -nna keine Beschäftigung. flugs holt er den bei Seite gelegten Rock hervor und wirft sich in den Rabbinatscandidatenstand, um so auf die Empfehlung dieses Wortes von gutem Klange Lectionen zu erlangen und dann wieder nach Belieben, bis man die Mittel in Händen hat, nach etwas Practischem zu greifen. Diese angehenden Rabbiner und Prediger sind doch zumeist aus der ärmeren Klaffe und find doch so materialistisch, statt ihrem Berufe gemäß auf das Irdische zu verzichten, entsagen sie eher ganz dem unangenehmen Stande und vertauschen ihn mit einem andern, leichteren und einträglicheren. Manche widmen sich der Professur, obwohl bis jetzt keine Aussicht vorhanden ist, daß sie vom Staate als Juden eine Anstellung erhalten. Einzelne dieser kleinen, hoffnungsvollen Jellinefts in spe suchen ihren Meister in derNeologie noch zu überbieten und geberden sich bei ihren Vorttägen im homiletischen Redeverein „Liberia" noch radicaler als Herr Dr. I., dem sie durch ihren frechen Ton und ihren grenzenlosen Uebermuth es zuvor thun wollen; falls aber ein confervatives Mitglied eine nur gemäßigte Gegenansicht zu äußern wagt, wird es niedergedonnert, mit vernichtender Kritik moralisch todt gemacht und beim chef de bataillon demmcirt, wodurch es alles Renomme und Zuttauen verliert, ihm sozusagen der Lebensnerv abgeschnitten werden muß, denn die Hungerkur wird den Betteffenden, wie sie glauben, schon kirre und nachgiebig machen. Doch der Ehrliche, Ueberzeugungstreue bleibt fest und läßt sich in seinem Handeln nicht beirren. Die Candidaten sollten im Bethamidrasch öffentlich sprechen, doch befürchtete man einen Scandal, daß vielleicht einer oder der andere sich beifallen ließe, gegen die Reform aufzutreten; der Vorstand wollte also die Reden unter Conttole stellen und bestimmte Hrn. Lect. Weiß zur Leitung resp. Censur dieser Vorträge, denn Hr. Dr. IM. hatte oder wollte nicht dazu Zeit haben. Allein die Candidaten hielten Herrn W., trotz ihrer Achtung für ihren Lehrer, nicht für befähigt und competent zur oratorischen Beuttheilung, obwohl er selbst sich für einen Exegeten ersten Ranges hält. Man hatte also nur we-