Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1871)
- Date
- 1871-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447523--09455-2465150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
462 „So sagt Ihr; ich aber meine, daß die Thaten -es Menschen an und für sich beurtheilt werden müssen. Nathan war mir ein guter treuer Diener, ein redlicher Verwalter meines Landes, und zum Danke dafür habe ich ihn gemordet, ihn und sein Weib und sein Kind!" „„Durchlaucht haben ein zu zartes Gewissen! Gott hat Sie eingesetzt zum Herrn über Leben und Tod Ihrer Unterthanen." „Und ich habe Gott gegenüber die Verantwortlichkeit zu tragen." „ „Es sind ja nur Juden, Feinde unseres Glau- »bens, die Sie haben tödten lassen."" „Gott läßt Seine Sonne scheinen über Juden und über Christen; ebenso soll der Fürst ein Vater seiner Unterthanen sein, gleichviel welches Glaubens sie find." „„Nicht doch, Durchlaucht; Gott hat die Juden Ö, hat sie über den Erdboden zerstreut, hat sie der tung der Völker preisgegeben. Hält ein Fürst fie fich zu seinem Nutzen oder seiner Bequemlichkeit, so kann er fie doch zertteten und vernichten nach seinem Belieben." " „Ist das die Liebe, die Ihr predA? Geht, Hof- Prediger, geht hinweg! Ihr seid kein Mann nach dem Herzen Gottes. Ich fürchte, Ihr habt das zehnte Gebot übertreten, Ihr trüget Gelüste nach Nathans Haus und hälfet deßhalb ihn verderben. Geht, ich will Euch nicht mehr sehen!" „„Durchlaucht...." " „Geht, sage ich Euch! Möge Gott mir meine Blutthat beleihen! Die Vermittelung eines Priesters wie Ihr kann mir nichts helfen!" Er wandte sich um und entfernte sich eilig. Verblüfft schaute ihm der Hofprediger nach. Dann lachte er ingrimmig. „Was schadet mir Dein Zorn. Du schwacher, thörichter Fürst," sprach er zu sich selbst. „Nicht Du regierst, sondern Dein Weib, das besser die Zügel zu handhaben versteht als Du!" Langsam verließ er den Schloßgarten, auf das prächttge Haus zuschreitend, das einst Nathans Eigentum gewesen. „Daß ich ein Narr gewesen wäre," sagte er, die Stufen, die an die Hausthüre führten, hinanschreitend, „daß ich ein Narr gewesen und die Gelegenheit nicht ergriffen hätte, solch ein Haus und solch einen Garten zu erwerben. Mag -er schwache Ferdinand sich Gewiffensbiffe machen; ich will in Freude genießen, was meine Klugheit und meine Geschicklichkeiten errungen haben." Er ließ fich den Kaffee und die Pfeife in die Jasminlaube bringen, um mit Behagen die Predigt für den nächsten Sonntag auszuarbeiten. An demselben Tage war Hans Gericke in Nußdorf gewesen, um fich von dem Wohlbefinden des kleinen Menascheh zu überzeugen. Derselbe gedieh ganzvorzüglich unter Gietels Pflege und unterschied fich m Nichts von den andern Kindern Abrahams, für deffen Jüngstgeborenen er ganz gut gelten konnte. Der Haushofmeister hatte sein Gespann nicht bei der Hand gehabt und hatte deßhalb den Fußpfad durchs Gebirge gewählt; auch wollte er jedes Aufsehen vermeiden. Man hatte unlängst die eiserne Jungfrau reinigen und neu in Stand setzen lassen. Die Arbeiter, welche die vermoderten Knochen aus dem Burgverließ hinwegräumten, hatten sorgfälttg nach Spuren von Nathan und den Seinen gesucht, ohne etwas Derartiges zu finden. Hans fürchtete, daß davon dem Kammerjunker Etwas zu Ohren kommen würde, und er beeilte sich nach Nußdorf zu gehen, um Abraham und seinem Weibe aufs Neue Verschwiegenheit einzuschärfen. Es war ein schöner, warmer Tag gewesen. Als Hans den Rückweg anttat, freute er sich auf die Kühle im Gebirg. Aber die Luft war schwül und dick, kein Lüftchen regte sich. Unterdeß stiegen im fernen Westen Wolken auf, immer dichter den Himmel überziehend. Der Westwind, die Wolken heraustreibend, fing an zu blasen. „Ich muß mich beeilen," dachte Hans, „wenn Ich trocken nach Hause kommen will; wir werden ein starkes Gewitter haben, und mein kranke Me fürchtete sich so während eines Unwetters; da muß ich schon zusehen, daß ich bei ihr bin und sie ttöste." Bald hatte der rüstige Mann die Höhe des Berges erklommen. Durch den Wolkenschleier brach sich noch einmal der Strahl der untergehenden Sonne Bahn, das weite Thal, das zu den Füßen des Haushofmeisters lag, vergoldend. Es war ein bezaubernder Anblick: das Schloß, das Städtchen, die Gottgesegnete mit Dörfern bedeckte, von Bächen durchfloffene Ebene bis weit, weithinaus, wo wiederum ein Gebirgszug dem schweifenden Blicke die Grenze setzte. Das ehemalige Haus Nathans strahlte aus seiuen Fenstern die Abendröthe wieder. „Wo mag er jetzt umherirren." sprach Haus zu sich selber, „der unglückliche Hofagent und sein armes Weib?" Mich sollte es wundern, wenn es denen gut ausginge, die rhn in Noth und Elend hinausgestoßen haben!" Schon fielen die ersten Tropfen, als der Haushofmeister den Schloßgarten erreichte. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag dergLe Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.