Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1871)
- Date
- 1871-06-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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461 England. London Der verflossene Sonntag war für die Juden in England der erste Sonntag,' an welchem sie gesetzlich enthoben waren, den Tag als Ruhetag zu beobachten. Sir D. Salomon's diesbezügliche Akte hatte am Donnerstag die königliche Genehmigung erhalten. Feuilleton. Kur rechten Zeit. XIV. Reue. Als Fürst Ferdinand vernahm, daß das von ihm bestätigte, grausame Urtheil an seinen! Hofagenten, dessen Frau und Kind vollstreckt worden, erfaßte ihn die bitterste Reue; er konnte sich des Gedankens nicht entschla-- gen, daß Nathan unschuldig und dem Hasse des Junkers von Schwarzenstein zmn Opfer gefallen sei. Er ließ es sich nicht nehmen, die mit Beschlag belegten Papiere seines ehemaligen Vertrauten selbst durchzusehen und zu prüfe»!. Allein diese Prüfung ergab nicht den geringsten Anhaltspunkt für den behaupteten Verrath; dagegen fand der Fürst unzählige Beweise des Edelmuths, der Uneigennützigkeit, der Wohlthcitigkeit und der hingebungsvollen Treue des Mannes, in Bezug auf den er so leichtsinnig den Anschuldigungen seiner Feinde Gehör gegeben, den er so vorschnell verurcheilt hatte. Finstere Gedanken erfüllten den Fürsten, furchtbare Gewissensbisse quälten ihn. Er ließ sämmtliche Bücher, Papiere, Briefschaften seines ehemaligen Hofagenten ins Schloß bringen, um sie nochmals der sorgfättigsten Prüfling zu unterziehen - er verbrachte Wochen und Monate damit ohne zu einem andern Resultate zu gelangen. Unterdeß war der Winter dahingegangen, und es war Frühling geworden auf Gottes schöner Erde; der Fürst bemerkte es nicht; für ihn blühten die Bäume in seinem prächtigen Schloßgarten nicht; immer und immer sah er die Schrecketzsgeftält seines unschuldig gemordeten Hosagenten vor Augen, immer und immer hörte er das Jammergeschrei der Frau, das Winseln des Kindes. Die Fürstin und der Jnnker kümmertel! sich kaum um den unglücklichen Fürsten; sie lebten in Saus und Braus, und waren froh, daß Ferdinand, sich scheu von jeder Gesellschaft znrückziehend, sie nicht weiter behelligte. Es war an einem wunderschönen Maitage; in tiefen! Blau wölbte sich der Himmel, und der heiße Sonnenstrahl entwickelte allüberall das regefte Leben; die Baume belaubten sich mit saftigem Grün, die Fruchtbäume prangten in weißem Blüchenschmucke, zaMose Blume verschönten Wiese, Feld und Wald. Im Schloßgarten, wo die in voller Blüthe stehenden Akazien und Hollunderbüsche, die blühenden Lindenbäume und kostbare Jasmine die Luft mit berauschenden Wohlgerüchen erfüllten, ging Fürst Ferdinand auf und ab, von all dieser Pracht und Herrlichkeit nichts empfindend, nur des dreifachen Mordes gedenkend, der schwer auf seiner Seele lastete. Er hatte zum zweiten Male die Prüfung der Bücher uud Papiere des Hofagenten vollendet, er hatte die ihm von dem Junker übergebenen verrätherifcheu Briefe mit andern Schriften Nathans verglichen und — wiewohl die Nachahmung dem oberflächlichen Blicke eine täuschende war — gewisse Unähnlichkeiten in der Handschrift gesunden. Sein Kummer, sein Schmerz, feine Gewissensbisse waren aufs Höchste gestiegen. Jetzt erwartete er den Hofprediger, um mit ihm zu überlegen, wie er das begangene Verbrechen sühnen könne. Als der Hofprediger in den Garten trat, ging ihm der Fürst entgegen. „Herr Hofprediger," sagteer, „meinHerz ist voller Kummer; es ist mir fast zur Gewißheit geworden, daß Nathan und die Seinen unschuldig, daß sie in ungerechter Weife getödtet sind." „Aber Durchlaucht haben doch die Beweise von de»! Verrathe des Juden," entgegnete der Hofprediger. „Ich habe allen Grund zu vermuthen, daß jene Briefe das Product einer Fälschung sind." „„Wer sollte das gethan haben?"" „Der Kammerjunker war imnier ein Feind Nathans." „„Sagen Sie das nicht, Durchlaucht; der Herr von Schwarzenstein ist solch eines Verbrechens nicht fähig." " „Meinen Sie, Herr Hofprediger? Ich, ich halteihn noch anderer Dinge fähig. O, warum mußte ich so vorschnell urtheilen, und das übereilte, ungerechte Urtheil so rasch vollstrecken lasten! Man hat mich förmlich dazu gedrängt. Auch Sie;, Herr Hofprediger, sind nicht ohne Schuld, da Sie meine Seele mit Mißtrauen gegen alle Juden erfüllten?" „„Was ich damals gesagt habe, Durchlauchtigster Herr, ich wiederhole cs heute und immerdar. Grämen Sie Sich doch nicht um dreier Judenseelen willen. Es ist ein schlechtes, fluchbeladenes Volk, das noch heute nach siebenzehnhundert Jahren, in demselben Hasse gegen de« Erlöser verherrt, wie damals, da es ihn kreuzigte."" „Nathan war ein guter, edler Mensch. Aus feinen Büchern und Briefen habe ich die Ueberzeugung von seinem Edelmuthe, seiner Uneigennützigkeit, seiner Wohlthätigkeit gewonnen." „„Alles Das, Durchlaucht, ist nur Schein und Trug. Nur der Glaube ist's, der dem Menschen den wahren Werth verleiht. Alle guten Thaten find nichts ohne den Glauben an ihn, der für die Welt gestorben." "