Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1871)
- Date
- 1871-06-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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f 458 8ett«ugS«a<hrrehten «nd Gorrefpondenzen. Deutschland. Leipzig. (Fortsetzung.) Wenn wir auch nach dem Gesetze gleiche Rechte haben, wenn auch die Judenheit emancipirt ist, so ist doch das Judenthum noch ganz unbeachtet geblieben. Noch hat der Staat keine Nonz von ihm genommen, es hat keine Vertretung beim Staate, das hat auch der Krieg wieder gezeigt. So bei den besonderen Gottesdiensten, bei Bußtagen, beim Dankgottesdienste, wo man die Juden nicht zur Theilnahme aufgefordert hat — das Judenthum exiftirt eben für den Staat nicht. Ich darf hierbei nicht unterlassen, zu bekunden, daß sich dies nicht aus unsere Stadt bezieht; unsere Behörden haben alle Cönfessionen aufgefordert zur Betheiligung; aber in vielen Staaten Deutschlands und speciell in Preußen wurden in dieser Hinsicht viele Klagen laut. (Bravo.) Man nimmt keine Notiz davon, daß wir Religionsschulen brauchen, die Gesetzgebung nimmt keine Rücksicht darauf, daß unsere Religionslehrer, unsere Prediger und Rabbiner erhalten sein wollen, wozu der Staat Beiträge zu geben hätte, es wird keine Sorge für Pensionirung unserer Beamten getragen. Bei wirklicher Durchführung des Princips: oer „freien Kirche im freien Staate" würden wir auch keine Staatshilfe beanspruchen,- dann aber brauchten wir auch nicht für andere Confefsionen mitzufteuern. — So lange aber dieses der Fall, ist geltend zu machen: Was dem Einen Recht, ist dem Andern billig. — Daß das Judenthum Anerkennung finde, dafür haben wir eben zu sorgen. Nun, meine Herren, ich weiß wohl, daß unter geordneten Verhältnissen eine rasch umstürzende Veränderung nicht leicht zu erzielen ist — das ist ja eben der Unterschied zwischen Reform und Revolution. Völler, die schnell zu Revolutionen geneigt sind, können leicht mit der Vergangenheit in jeder Beziehung brechen, wie dies bei unseren westlichen Nachbarn geschehen ist, die sofort Alles modern hergestellt haben; bei uns aber geht Alles ganz normal, reformatorisch; da ist es eine doppelte Arbeit; man geht langsam, sicher und wohlbegründet vorwärts. Sich der Angelegenheit aber anzunehmen, das wird Aufgabe des Gemeindetags sein. Sowie der Engländer sein Board of British Jews hat, der Amerika üer und Italiener seine Organisation, der Franzose seine Consistorial-Verfassung und seine „Alliance Jsr. Univ." (welche letztere sich freilich noch weiter über die Grenzen Frankreichs gehende Aufgaben stellt), so müffen auch wir deutsche Juden ein Centralorgan haben. Specielle Aufgaben würden dem Gemeindetage auch nicht fehlen, das zeigen unter Anderm die in unserem heutigen Programm aufgestellten Punkte: 1. Vertretung der Interessen des Judenthums und der Jüdenheit bei den Regierungen und den Faktoren der Gesetzgebung. 2. Gegenseitiger Austausch an Erfahrungen in der Verwaltung. 3. Organisatton der Armenpflege mit Beseittgung der Wanderbettelei durch zweckmäßige Wohlthätigkeit nach außen. 4. Schaffung eines zweckmäßigen Systems der Pensionirung unserer Gemeindebeamten ohne Unterschied der religiösen Richtung. 5. Förderung der „Alliance Jsr. Univ." Ich kann nicht umhin, auf einen dieser Punkte wenigstens näher einzugehen. Was die Armenpflege betrifft, so will ich mich nicht über die Nothwendigkeit verbreiten, daß diese für die Einheimischer: zu ordnen ist; ich möchte mich aber über die wirklich brennende Frage der Wanderbettelei aussprechen, und ich glaube, selbst jene Herren, welche unserer vorjährigen Versammlung beigewohnt haben, werden der Sache einige neue Seiten abgewinnen. Ich meinerseits habe nämlich eine rituelle Frage daraus gemacht, ich habe mich an verschiedene Rabbinen, auch an solche von der orthodoxesten Richtung gewandt und ihnen folgende Sch aale vorgelegt: „Ist ein Jude joze, wenn er das Betteln unterstützt, indem er bei den Fremden in bisheriger Weise zoäaha, gemiluss cheszed übt?" Volkswirthschaftlich heißt es Einen zu Grunde richten, wenn man ihn aus seiner Carriöre reißt, ihn zum Vagabondiren veranlaßt. Aber mehr! Wir wissen, wfls es sagen will, daß Männer, Frauen und Kinder auf solche Wanderungen gehen; sie können in ihrer Sittlichkeit nur Schaden nehmen und ihre Gesundheit muß zurückkommen. Letzteres sehen Sie ganz deutlich, wenn Sie einen Schnorrer beobachten: Heute kommt er als Bettler, aber nach fünf Jahren kommt er bereits als Kranker, und Sie dürfen ihn getrost in's Bad schicken Das Chillul-Haschem auf der Straße, auf den Bahnhöfen, bei den Behörden, mit denen Conflicte unvermeidlich sind, ist groß. — Es entsteht also die Frage, ob man durch Unterstützung solchen Bettelns nicht vielmehr aweros veranlaßt, als man mizwot zu thun glaubt. Und was ist die Antwort gewesen 1 Es haben alle Befragten gesagt, es geschieht weit mehr Uebles als Gutes, und es muß eine Aenderung eintreten. Ueber die Art der Abhilfe will ich mich jetzt nicht aussprechen; wir werden mit Dank jeden practischen Vorschlag entgegennehmen, der aus der Mitte der Versammlung oder der Gemeinden kommen wrrd, wenn wir auch jetzt noch keine Beschlüsse fassen können. Möge Jeder, der einer noch nicht beigetretenen Gemeinde angehört, es sich zur heiligen Pflicht machen, für deren Beitritt zu wirken. Um aber kundzugeben, welche Gemeinden dem Gemeindebunde sich noch nicht angeschlossen, werde ich, wenn Sie es wünschen, die beigetretenen der Reihenfolge der An-