Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1871)
- Date
- 1871-06-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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eingehüllten, bildschönen, etwa anderthalb Jahr alten Knaben in seinem Arme hielt. „„Abraham/"" sagte da der Haushofmeister, „„ich habe hier ein Judenkind, das durch Zufall in meine Hände gerathen. Ich habe versprochen, es in jüdische Pflege zu geben, bis die Eltern es wieder abholen lassen. Wollt Ihr das Kind so lange in Eure Obhut nehmen? Ich will's Euch gut bezahlen. Aber verschwiegen müßt Ihr sein. Kein Mensch darf wissen, daß ich Euch das Kind übergeben habe/""" „Herr Haushofmeister,"" sagte Abraham, fein Weib verständnißvoll ansehend, „was ist doch aus dem Hofagenten Nathan Anspach geworden?"" Hans Gericke erschrak. „„Was wißt Ihr von dem Hofagenten?"""" fragte er. „Nicht viel. Ich war heute in Hohenburg; man erzählt sich dort schreckliche Geschichten."" „„Sie werden leider nur zu wahr sein/""" „Den Rückweg nahm ich durchs Gebirg. Da sah ich die Spuren der Fußtritte von einem Manne und einem Frauenzimmer; sie führten hierher."" „„Was wollt Ihr damit sagen?"""" „Der Hofagent und sein Weib waren hier; ich habe sie gesehen — und das schöne Bübchen da ist ihr Kind."' „„Abraham, ich habe Euch Vertrauen bewiesen; weil ich Euch für einen braven, zuverlässigen Mann halte. Denkt Euch, was Ihr wollt; ich kann, ich darf Euch Näheres nicht sagen. Genug, . nehmt das Kind zu Euch; ich gebe Euch fünfzig Gulden für die Zeit, die es bei Euch sein wird; es kann höchstens nur einige Monate dauern. Im nächsten Sommer werde ich es von Euch zurückfordern, um es seinen Ettern zu senden. Ich bitte Euch, forscht nicht weiter nach. Es hängt das Leben von drei oder von noch mehr Menschen von Eurer Verschwiegenheit ab."""" „Herr Haushofmeister, Ihr habt dem Nathan und seiner Frau und seinem Kinde das Leben gerettet... /" „„Ich bitte Euch, Abraham, sagt dies niemals! Was Ihr Euch denken mögt, ich will's Euch nicht ausreden; allein, gesagt habe ich Euch so etwas nicht. Wollt Ihr das Kind behalten?"""" „Was aber soll ich den Nachbarn, was soll ich meinen Kindern sagen, wenn sie mich fragen, wo ich urplötzlich das fremde Kind aufgelesen habe?"" „„Denkt Euch irgend ein Märchen aus!"""" Unterdeß hatte Gietel den Knaben an sich genommen und hatte ihn seiner Umhüllungen entkleidet; während die Männer mit einander verhandelten, hatte sie dem Kinde ein Stückchon Brod und eine Taffe warmer Milch gegeben, was der Knabe unter lautem Jauchzen verzehrte. „Wie heißt Du, mein Engelchen?"" fragte sie den Knaben. „Ert," stammelte der Kleine; er konnte die harten Confonanten seines Namens „Herz"" noch nicht aussprechen. „Halt/" rief der Haushofmeister, „Ihr müßt ihm einen andern Namen geben; das tieffte Geheimniß ist nothwedig."" „So wollen wir ihn,"" sagte Abraham, „Menasch eh neunen, denn Gott hat ihn vergessen lassen das Haus seines Vaters 2)/" „Und wir sagen/" rügte Gietel hinzu, „daß er das Kind armer Leute ist, die durch das Dorf gezogen und ihn der Kälte halber so lange bei uns gelassen haben, bis sie ihn im Sommer wieder abholen."" „Thut also /" sagte der Haushofmeister. „Hier sind die fünfzig Gulden, die ich Euch versprochen habe; aber haltet reinen Mund und bringt mich nicht in Ungelegenheiten; es könnte für mich und für Andere schlimme Folgen haben."" Mit großem Behagen strich Abraham die fünfzig Gulden ein; er hatte in seinem ganzen Leben noch keine so große Summe auf einmal besessen. Der Haushofmeister kehrte in das Wirthshaus zurück, wo er seinen Wagen hatte stehen lassen. Leichten Herzens fuhr er nach Hause. Niemand hatte in Hohenburg bemerkt, daß er das Bluturtheil nicht vollzogen; die Fürstin hatte ihm am Morgen für die pünktliche Ausführung ihres Befehles gedankt und ihm eine prachtvolle, goldene Dose verehrt, in der sich fünf Friedrichsd'or befanden, dieselben fünf Goldstücke, die er dann dem Dorfjuden Abraham für die Pflege des Kindes gegeben; der Junker von Schwarzenstein hatte ihn seiner besondern Gnade versichert; auch der Hofprediger war zu ihm ins Schloß gekommen und hatte salbungsreiche, liebevolle 'Worte an ihn gerichtet. Nun war auch das Kind untergebracht. Hans Gericke durfte erwarten, daß Alles verschwiegen bleiben würde. Während er durch die Winternacht dahin fuhr, durchzog ein beglückendes Gefühl sein Herz: er hatte drei unschuldigen Menschen das Leben gerettet und durfte hoffen, keinerlei Ungelegenheiten davon zu haben. „O," sprach er zu sich selbst, „wenn ich sie getödtet, ich hätte niemals wieder eine srohe Stunde haben können." (Fortsetzung folgt.) 2) Nach I. B. M. C. 41, V. 51. Hierzu zwei Bettagen. Verantworüiche Redaktion: Dr. Lebmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckrei in Mainz.