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Der Israelit · 1871-06-07 · Heft 23 (7.6.1871) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 23 (7.6.1871)
Date
1871-06-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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EF V?' i 440 Sache ohne Entschädigung aunehmen wollten, hat man nach langem Warten zuerst eine ablehnende Antwort erhalten, und erst auf allerhöchsten Befehl wurden jene drei Männer zugelassen: es wurde aber wieder ausdrücklich bemerkt, „der Militärfiskus Hätte keine Mittel, sie zu versorgen." Diese Thalsache braucht man nur zu erzählen, um das Haarsträubende jedem Einzelnen klar vor die Augen zu führen. Diese echt junkerliche Antwort wird noch ausgewogen von einem anderen Falle aus der Kriegszeit. Sie wissen, daß der Oberkirchenrath in Preußen sich veranlaßt gefunden hat, gegen den Nebertritt vom Christenthume zum Judenthume besondere Maßregeln zu ergreifen, was ihm Keiner verdenken kann. Aber in diesem Erlaß wurde in gröblicher Weise verleumdet; es wurde gesagt, daß die Juden heute noch den Stifter der Mehrheitsreligion beschimpfen und erniedrigen: eine offenbare Verleumdung. Wir wissen, und die Welt weiß es, daß alle Proselytenmacherei von jener Seite ausgeht, wir aber fegen den Uebertritten zu unserem Bekenntnisse alle möglichen Hindernisse in den Weg — wir sind uns selbst genug. Hätten wir nun eine Centralvertretung, eine Organisation, so würde gewiß Nachdrückliches gegen solche Vorgänge geschehen. Ein öffentlicher Protest des Berliner Gemeinde-Vorstandes und einzelner Redacteure jüdischer Blätter war das Einige, was von jüdischer (L>eite erfolgte; ganz anders könnten wir auftreten, wenn wir im Namen hunderter von Gemeinden sprechen könnten! Sie haben große Opfer gebracht, die deutsche Judenheit hat bewiesen, daß das Vaterland ihr theurer ist, als ihre besonderen Interessen, sie hat das auch schon während des ersten französischen Krieges gethan, als die „Nation der Freisinnigkeit", die man eine „missionäre Nation" nannte, ihr die Menschenrechte darbot; auch damals hat die deutsche Judenheit ihr Leben eingesetzt für die Befreiung des Vaterlandes von der Fremdherrschaft, sie hat gezeigt, daß sie ein Herz hat sür das Vaterland, daß ihr der Boden, auf dem sie geboren, als heilig gilt. Nun aber wird es endlich einmal Zeit, daß wir auf unserem Scheine bestehen, unser Recht geltend zu machen. (Bravo.) Gerecht wollen wir sein, uud ich benutze gern die Gelegenheit, um die Discussion zu berühren, welche mehrfach entstanden ist, und in welcher besonders außerdeuffche Glaubensgenossen geltend machten, daß die Franzosen in der That die Menschenrechte proklamirt haben, daß ihnen also sich unsere Sympathieen zuwenden müßten. Aber dagegen wollen wir das Eine nicht vergessen: Ein Volk, das eine Revolution macht, bricht mit der Vergangenheit, es kann daher die socialen und die gesetzlichen Verhältnisse auf neuen Grundlagen ausbauen, und so konnte dies in Frankreich geschehen. In Deutschland entbrannte erst seit 1848 eine Revolution und zwar in sehr gemäßigter Weise. Als aber die freigewählten Vertreter des Volkes in Frankfurt tagten, haben sie sofort die Menschenrechte proklamirt und volles gleiches Recht sür Alle. Das wollen wir nicht unterschätzen. Wenn aber nach den ersten Befreiungskriegen nicht alle Verheißungen und nach 1848 nicht alle Versprechungen dem deutschen Volke erfüllt wurden, — sollen wir uns beklagen, daß wir mit dem deutschen Volke gleichfalls verloren, was sür uns errungen war?-Wo seit jeder Zeit eine freie Verttetung irgend eines Volksstammes wieder getagt, hat sie überall vollkommene Gleichberechtigung aller Confessionen verlangt. Im deutschen Reichstage sind es sogar unsere Erz-Gegner (die Ultramontanen) gewesen, welche sich auf dieses Princip der Freiheit und Gleichheit aller Confessionen berufen haben. Heut zu Tage wagt man gar nicht mehr, dies Princip anzulasten. Da aber, wo Minoritäten, Rückwärtsströmungen von oben oder von unten, Bestrebungen privilegirter Klassen, junkerlicher und geistlicher Körperschaften immer noch die Ausschließung wollen, wo sie sich sogar in die Regierung eindrängen, selbst da läßt sich zuversichtlich hoffen, daß der Geist der Nation durchgreifen wird, und daß diese Strömungen ohne Einfluß aus das große Ganze bleiben werden; und die Reform wird durchgesührt werden trotz der Mühler und Consorten. (Bravo.) (Fortsetzung folgt.) Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien. Einen großen Beweis von Ehrlichkeit hat ein jüdischer Fleischhackergesell in Wien geliefert. Er hatte nämlich eine Tasche mit 25,000 fl. gefunden. Der glückliche Finder gab sofort das Geld an die Eigenthümerin' Frau Krazer (eine Jüdin) zurück und erhielt auch gleich seinen gesetzlichen Finderlohn (10°. o) 2500 fl. Tbien Die Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde sind beim Gemeinderath um die Bewilligung zur Abtrennung von 16 Joch des Centralfriedhoses in Kaiferebersdorf eingeschritten, weil die Cultusgemeinde einen für sich 'abgeschlossenen Friedhof zur Beerdigung der Todten in Anspruch nimmt. Es ist auch kein Zweifel vorhanden, daß diesem Wunsche der Cultusgemeinde willfahrt werden wird, ebenso wie es auch anderen Religionsgenossenschasten freisteht, für sich abgesonderte Parzellen im Centralfriedhose ausscheiden zu lassen. So hören wir, daß auch die Griechen ein ähnliches Ansuchen vorbereiten. Der Raum ist groß genug, und Herr Koronpay hat auch iu seinem mit dem dritten Preise gekrönten Projekte auf diese „Absonderung" im confessivnslosen Friedhofe vorgedacht. Wien. Ludwig K u ne Wälder, Sohn eines Wiener Großhändlers, trat dieser Tage in der Strafanstalt zu Snben, wo er sich eines begangenen Jugendstreiches wegen in Hast befindet, zum Judenthume über. In den Vierzigerjahren war seine dem Judenthume ent-

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