Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1871)
- Date
- 1871-06-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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439 lern beflissen war, die Juden, denen jetzt noch Offizierpatent und Staatsstellen vorenthalten werden', als treue Söhne ihres deutschen Vaterlandes erprobt, die nicht nur pflichtgetreu den Fahnen folgten, sondern auch freiwillig gleich ihren christlichen Kameraden, sich einreihen ließen und sich rühmlich hervorthaten, so daß mindestens das eiserne Kreuz sich vor Trägern jüdischer Phisiognomien nicht scheute. ,,Aus solch einem Krieg ist gewiß jeder Theilhaber von mittelalterlichem Borurtheil geheilt zurückgekehrt; und so zahllos die Wunden auch seien, die er beigebracht — die eine tiefbrennende Wunde des Judenhasses, durste man hoffen, werde in und mit diesem Kriege verharschen. „Daß dem nicht so sei, davon geben Sie einen sprechenden Beweis, indem Sie sich nicht scheuen, einen Juden, der fürs Vaterland kämpfte, ja der seinen Hauptmann rettete, also mehr that als seine einfache Schuldigkeit, der ein Werk „christlicher Liebe," wie Sie es nennen mögen, übte, in der gemeinsten Weise über das eiserne Kreuz schachern zu lassen. „Wer ist da der „Jude" in des Wortes gehässiger Bedeutung: der mit der langen Nase, den Sie darstellen, oder der Darsteller selbst, der auf so feine Bilder und Gedanken geräth, der die heiligsten Gefühle der Vaterlands- und Menschenliebe mit feiger und feiler Speculation besudelt? „Sie, oder auch Andere, werden einweuden: „welch ein Lärnr um eine Kleinigkeit, um ein Bildchen, das vielleicht als bloßer Lückenbüßer eingefügt wurde!" „Ich antworte Ihnen aber: Ist es eine Kleinigkeit wenn eine weitverbreitete, beliebte Zeitung auf solche Weise den Juden brandmarkt, nicht da, wo er schuldig, sondern da wo er unschuldig, ja wo er mehr als das: höchst ehrenhaft und preiswürdig handelt. „Ihnen und vielen Ihrer Leser gilt dies wohl für eine Kleinigkeit, weil Sie nicht Zartgefühl genug besitzen, um sich in eines Juden Seele zu versetzen. „Aber woher kommt dieser Mangel an Zartgefühl? „Ist es zu verwundern bei einem Blatt, das fast irr jeder Nummer eine häßliche Judenfratze, einen jüdelnden Banquier, eine langnasige Judensrau und was dergleichen edle Vorwürfe der schönen Kunst sind, in der Meinurrg bringt, daß es mit solch abgestandenen Carricaturen eine gebildete Leserwelt ergötzen könne? „So wird allmälig die Judengehässigkeit zur zweiten Natur. Wer aber darin Witz und Humor findet, der ist in der That solcher Carricaturen werth. „Das Gebiet des Humors — auch des nichtpolitischen — ist ein so großes, dem Künstler ist ein so freier Spielraum gegeben, daß er so peinlicher und armseliger Auskunftsmittel nicht bedarf, die der Phantasie wie dem Herzen ein Armuthszeugniß ausstellen. „Die „Fliegenden Blätter" haben dem deutschen Humor und der Kunst so viel Gutes gegeben, daß es wahrhaft zu bedauern ist, wenn sie aus der Idealität der heitern Kunst in die Trivialität des finstern Haffes verfallen „Ueberlassen Sie diesen dem Pöbel in Rumänien, Odessa — und dem Berliner Oberkirchenrath. Dresden den 17. Mai 1871. Adv. Emil Lehmann." Leipzig. Der geschäftsführende Ausschuß des Gemeindetages versendet den Bericht über die Versammlung von Mitgliedern deutsch-israelitischer Gemeinden, die Gründung eines Gemeindebundes betreffend, abgehalten am 20. April 1871, während der Ostermesse in der Synagoge zu Leipzig. Vorsitzender, Herr Moritz Kohner, eröffnet die Versammlung mit einer längeren Rede, aus der wir Folgendes hervorheben wollen: Wahrend voriges Jahr, sagt Herr Kohner, unsere Arbeit bei der Zahl von 46 beigetretenen Gemeinden unterbrochen wurde, ist diese Zahl jetzt auf 58 gestiegen. Sie sehen, wir haben schon weit über die Hälfte, um die festgesetzte Zahl von 100 Gemeinden zu erreichen, und sind somit unserem Ziele weit näher gerückt. Wenn der Krieg also unsere Arbeit doch gefördert hat, so hat er andrerseits auch Schaden blosgelegt, welche wieder beweisen, wie nothwendig eine Organisatton für uns ist, um zu einer Centralvertretung der deutschen Judenheit zu gelangen. Es traten in dem Kriege Mißstände hervor, von welchen man vorher gar keine Ahnung hatte. In demselben Augenblicke, wo unsere Söhne und Brüder draußen im Felde für das Vaterland bluteten, und wir zu Hause von unserem Ergenthume alle Opfer brachten, ist die Frage entstanden: Wie wird denn eigentlich für die religiösen Bedürfnisse der israelitischen Streiter gesorgt? Während die großen, hohen Festtage, Rosch-hafchanah und Jom-Kippur mitten in die Zeit des Krieges fielen, war keine Fürsorge getroffen, war für keinen jüdischen Feldprediger gesorgt. Ueberhaupt ist es in keiner Weise berücksichtigt worden, daß ein anderes Elements als das der beiden confessionellen Mehrheiten auch im Felde stand, und hätten nicht Private, ein Rabbiner, ein Redacteur (Dt. Lehmann in Mainz) die Sache angeregt, amtlich wäre nichts geschehen. Zur Anlegung einer Statistik der Theilnahme unserer Glaubensgenoffen an dem Kriege mußte ein Einzelner (Redacteur Vr. 8. Philippson) die Initiative ergreifen, sowie die Versorgung der jüdischen Soldaten mit Mazzos am Pesach ebenfalls ein Freiwilliger (Rabbiner I)r. Hildesheimer, Berlin) in Angriff nehmen. Aber noch mehr! Selbst nachher — und dieses muß man besonders hervorheben, — als eine Eingabe von einem preußischen Rabbiner und Redacteur, Rabb. Dr. Treuenfels in Stettin, an das Kriegsministerium gelangt war, daß Feldgeistliche angestellt werden möchten, und er selbst drei Freiwillige vorgeschlagen hatte, welche sich der