Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1871)
- Date
- 1871-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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426 Achbenosch b) werden soll. Mein Vater, sein Andenken sei zum Segen, war ein Kozin Addir^). Durch ein Schekerbilbul^), wegen eines Alliluß Dam 9) mußten wir fliehen, meine Ettern und ich. Vater und Mutter starben bald und ein guter Mann in Egenheim nahm mich armen, verlassenen Knaben zu sich in's Haus. Später wurde ich sein Mefchoreß9). Aber ich machte zu gute Geschäfte für ihn. Die andern Jchudim in Egenheim verklagten meinen Bal Boß10) bei der Szerore^), und er bekam Befehl, mich sofort zu entlassen, weil ich ein Ausländer sei. Dann habe ich mich lange in der Welt umhergetrieben, bis ich meinen gegenwärtigen Massematten"), der seinen Mann nährt, ergriffen habe. Und wer seid Ihr?" „ „Meine Geschichte ist der Eurigen nicht unähnlich; auch ich bin durch ein Schekerbilbul um Hab und Gut gekommen und irre jetzt mit meinem Weibe in der Welt umher."" „Wißt Ihr was? Bleibt bei uns! Unser Geschäft blüht; noch ein Paar gute Einbrüche, und wir sind gemachte Leute; dann ziehen wir in ein fernes Land und werden wieder ehrliche Juden." „„Gott soll mich behüten wnb bewahren; nicht um alle Schatze der Welt!"" „Was denn wollt Ihr beginnen?" „ „Ich weiß es noch nicht, aber Gott wird mir helfen. Wer auf Gott vertraut, den wird Liebe umgeben, sagt König David. Ich habe in meinem ganzen Leben meine Hände mit nichts Unrechtem befleckt, ich werde es auch jetzt nicht thun!"" . „Zieht nur umher in der Welt, so noch ein halbes Jahr, ohne Geld und Gut, ohne Haus und Heimach, von jedem Christenbuben verhöhnt und verspottet, von jedem Bedienten eines adligen Herrn mißhandelt, von jedem Polizeidiener chicanirt! Noch reist Ihr als Szerore13; aber geht nur erst zu Fuß weiter, in zerrissenen, abgeschabten Kleidern , übernachtet in den ordinärsten Herbergen, führt dieses Leben noch ein halbes Jahr, jedem Uebermuthe, jedem Hohne, jeder brutalen Willkür.preisgegeben! Da* kommt Ihr in die Stadt, ein PoWidiener packt Euch auf und führt Euch in's Gefängniß, gleichviel ob mit Grund oder nicht, und Euer schmuckes Weib .... 5) Spitzbube. 6) sehr reicher Manu. 7) eine falsche Beschuldigung. 8) falsche Blutbeschuldigung. 9) Commis. 10) Principal. 11) Regierung. 12) Geschäft. 13) vornehmer Herr. „„Hört auf, hört auf! Gott, mein Gott, soll ich solchem Elende entgegen gehen?"" „Deshalb seid gescheidt und schließt Euch uns au! Mit Euch haben wir Miujan"), Ihr könnt Etwas lernen und könnt unser Raw15) sein; der Chasan") bin ich." „„Ihr wollt Gott dienen und Euer Geschäft ist. Seine heiligen Gebote: „Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht morden!" zu übertreten?"" „Was sollen wir thun? Weiß Gott, wenn ich's ändern könnte, ich änderte es gleich!" „„So dringet wenigstens nicht weiter in mich."" Als am andern Morgen der Gottesdienst vollendet war, reichte Feinhütche wiederum seinem Gaste das Mischnajoß. Diesmal betrachtete Nathan das Buch genau; es war ein ganz neues, erst unlängst in Sulzbach gedruckt. Als Nathan das Buch zurückgab, sagte er: „Ihr habt da ein schönes Mischnajoß. Wie kommt Ihr dazu?" „„Es hat es mir neulich ein Jude geschenkt, den die christlichen Mitglieder meiner Bande ausplnndern wollten und den ich aus ihrer Hand befreite. Er ließ es mir zum Andenken. Es ist sehr schön, erst jüngst in der neuen Druckerei in Sulzbach gedruckt."" „Ist Sulzbach noch weit von hier?" „ „Fünf Meilen." " „So wende ich mich dorthin; ich bin in meiner Jugend Schriftsetzer gewesen; vielleicht finde ich dort Beschäftigung." Und Nathan schied unbehelligt von den Räubern. Am andern Tage kam er nach Sulzbach, wo er mit offenen Armen von dem Druckereibesitzer ausgenommen wurde. Man hatte gerade die Drucklegung des babylonischen Talmud in Angriff genommen, und es fehlte noch an Setzern. Bald hatte sich Nathan wieder in sein altes Handwerk eingelebt, und der kleine Verdienst genügte, die geringen Ansprüche zu befriedigen, die er und seine Gattin nach so vielen Gefahren und Leiden an das Leben stellten. Nachdem sie ein Asyl gefunden, dachten sie zunächst darauf, wieder in den Besitz ihres Kindes zu gelangen. (Fortsetzung folgt.) 14) die zum Gebete erforderliche Anzahl. 15) Rabbiner. 16) Vorsänger. Hierzu eine Vellage. Verantwortliche Redaction: Or.»,Lebinann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.