Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1871)
- Date
- 1871-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. Jur rechten Jeit. xu. Ein Asyl. Hut» wiederum zogen Nathan und seine Frau von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, aber nirgendwo bot sich ihnen eine bleibende Stätte. Nicht allein, daß die christlichen Behörden und Ortschaften sich weigerten, die heimathlosen, nunmehr gänzlich verarmten Wanderer ürrfzunchmen, auch die Juden sträubten sich gegen die Zuwanderung von Fremden. Waren doch die verfolgten Löhne Jakobs lediglich auf den Kleinhandel und das Geldleihgeschast angewiesen! So war jeder fremde Jude ein Concurrent, der da kam, um den Einheimischen den schon so kümmerlichen Erwerb noch mehr zu verkürzen! Charakteristisch ist in dieser Beziehung ein Sprichwort, das noch vor wenigen Jahrzehnten gang und gäbe war. Dies schrecküche Sprichwort lautete: Aus der Jom- Kippur-Schmone-Eßrah soll man herausgeheu, um den fremden auszutreiben! d. h. am heilichten Tage des Jahres soll man das heiligste Gebet unterbrechen, um mit Hilfe der christlichen Behörden das Gegentheil von dem. zu chun, was Religion und Bruderliebe gebieten! Uns, den Enkeln, erscheint ein solcher Geist der Unduldl'antfeit furchtbar, entsetzlich; den Vorfahren war er aus dem Triebe der Selbsterhaltuug geflossen. Man war gastfrei, mildthätig gegen die armen Wanderer, man beherbergte^ bewuthete, unterstützte sie, mau pflegte sie, wenn sie krank wurden, man begrub sie, wenn sie getorben waren; man freute sich, an Sabbaten und Festen, auch an Wochentagen recht viel arme Gäste bewirthew zu körmen — allein einem Fremden die Aufnahme im. Heimathorte zu erleichtern, das fiel Niemandem ein; im Gegentheile, mau that alles Mögliche, um diese zu verhindern, um die Concurrenz nicht zu vermehren. Wehe den heimathlosen Israeliten! Waren sie durch irgend eine unglückliche Begebenheit heimathlos geworden, so mußten sie es fast iinmer bleiben, mutzten von Ort zu Ort ziehen, bettelnd oder als „Marktgcher". Und solche unglückliche Begebenheiten kamen oft vor; bald gab es hier, bald gab es dort eine Judenvertreibung, bei der die Unglücklichen Haus und Hof, Hab und Gut verloren, und nirgendwo anders eine Hcünachftätte finden konnten- Und was wurde aus den. Kindern dieser Heimathlosen, die da ihr ganzes Leben hindurch von einer Bettlerherberge zur andern ziehen mutzten, die in Schmutz. und allerlei, ekelhaften Krankheiten verkamen d Unsere Geschichte führt uns in die Mitte dieser Ausgestotzenen. Traurig fuhr Nathan durch einen Wald; feine Baarfchaft war zu Ende; heute noch imifete er Pferd und Wagen verkaufen, um ftin und seiner Gattin Leben fristen zu können. Dann konnten die Bedauernswerthen zu Fuß hinauswandern in die Welt und — betteln. Plötzlich wurde der Wagen angehalten: wilde Gestalten umringten ihn. „Laßt mich wetterziehen," rief Nathan, „ich besitze Nichts, was Eure Raublust reizen könnte." „ „Pfui, schämt Euch!"" rief eine rauhe Stimme, „„was denkt Ihr von uns? Meint Ihr, daß wir einen Bar Jisroel*) berauben werdend"" „Was wollt Ihr denn V fragte Nathan. „ „Ihr sollt heute und morgen hier bei uns bleiben."" entgegnete der Anführer der Räuber, „„wir sind nur unserer neun Bne Ammenu *), und ich habe uwrgen Jahrzeit 3)."" Nathan schauderte. Der Gedanke, mit Räubern gemeinsam beten zu Men, war ihin fürchterlich. „Steigt nur ab," sagte der Anführer, „tvrr bewahren Pferd und Wagen gut auf, bis Ihr weiterzieht. Habt keine Furcht, Madame, es wird Euch nichts geschehen." Einer der Räuber nahm Pferd und Wagen und führte sie abseits, während Nachan und Mirjam dem Anführer in den Wald folgten. In der Höhle der Räuber waren neun Juden beisammen; Nathan war der Zehnte. Der Anführer betete vor, schön und kunstgerecht. Als das Abendgebet vollendet war, holte der Anführer ein Mischnajoth hervor und reichte es Nachan: „Kömtt Ihr fernen"?" fragte er. „„Ein wenig."" „So lernt mir einen Perek Mischnajoch1 2 3 4), damit ich Kaddisch Derabbonon sagen kann." Nachan that, wie ihin geheißen. Als der Gottesdienst vorüber war. wurden Nachan und sein Weib eingekaden, an der Mahlzeit der Räuber Theil zu nehmen. * Als Nathan zögerte, sagte der Anführer: „Ihr dürft dreist zulangen; es ist Alles koscher, so wahr ich Feinhütche heiße!" „ „Ah," " sagte Nathan, „ „Ihr seid der berüchtigte Feinhütche?" " „Ha, ha," lachte der Räuber, „man kennt mich ein Bischen in der Welt! Was mich betrifft, ich möchte gern auf diesen Ruhm verzichten. Es ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, daß ich ein berühmter 1) Israelit. 2) desgleichen. 3) Gedächtnißtag der verstorbenen Eltern. 4) Emen Abschnitt aus der Mischnah.