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Der Israelit · 1871-05-31 · Heft 22 (31.5.1871) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 22 (31.5.1871)
Date
1871-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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424 Oesterreichifch-Ungarische Monarchie. Wien Vorgestern saß in der Kantine der Meidlinger Kaserne der Hausirer Elias Elmer bei einem Glase Wein, gewärtig, ob sich nicht ein Geschäft machen lasse. Bald meldete sich eine Kundschaft in dem Oberlieutenant Karo ly vom 7. Hußarenregiment, der etwas wegzugeben hatte und den Hausirer in sein Zimmer hinaufgehen hieß. Dort bot der genannte Oberlientenant dem Hausirer Kleidungsstücke zum Kaufe an und verlangte für dieselben 5 st. Nach längerem „Handeln" wurde man über den Kaufpreis von 4 fl. einig, die der Hausirer zahlte. Zufrieden mit dem Geschäfte, packte Elmer die Kleider zusammen und empfahl sich auf ein anderes Mal. Der Offizier aber muß durch das „Handeln" mir dem „Juden" in jene Kavalierstimmung gerathen sein, welche indem „Hetzen eines Juden" ein ganz besonders noble Passion findet. Oberlieutenant Karoly folgte nämlich dem Hausirer und sprach auf der Stiege zu einem Korporal einige Worte in ungarischer Sprache mit einer nicht mißverstehenden Handbewegung gegen Elmer. Der Korporal verstand das Kommando, packte den Hausierer beim Kragen und warf ihn über die Stiege hinab. Ein halbes Dutzend Soldaten glaubten, bei der Attaque auf den Hausierer nicht Zurückbleiben zu dürfen, fielen mit blanker Waffe über ihn her und richteten ihn zu. Der mißhandelte Hausierer hat bereits den Hof- und Gerichts«dvokaten Dr. A. Pollak §egen durch den Ober-Lieutenant Karoly die strafgerichtliche lnzeige wegen Aufreizung zur Mißhandlung und dadurch erfolgter körperlicher Beschädigung bei dem General-Kommando erstattet. Wie«, 22. Mai. Vorgestern Nachmittags fand die Beerdigung des am 19. d. M. hier im 71. Lebensjahre verstorbenen berühmten Hebräisten Dr. Max Lct'eri s statt. Die Leiche war am Samstag (?) Abends vom Trauerhause, Zirkusgasse Nr. 45, auf den israelitischen Friedhof nächst Währing gebracht und dort nach den üblichen Ceremonien in der Vorhalle ausgestellt. Um 4 Uhr Nachmittags fanden sich dort die Vorstände der Cultusgemeinde, viele Univesttätsprofessoren, Gelehrte rc. ein, um der Trauerfeier beizuwohnen. Prediger vr. Jellinek hielt die Leichenrede. Er schilderte die Kindheit des Verstorbenen, die poetische Begabung desselben und bezeichnte ihn als den letzten Epigonen der Mcndelsohn'schen Schule, deren Anhänger die jüdischen Humanisten genannt werden können. Die letzte größere Arbeit des großen Gelehrten — erzählte der Prediger — erschien in seinem 70. Lebensjahre, nämlich ein vortreffliches Gedicht in hebräischer Sprache, Jenseits betftelt. PeM. Am 11. d. gelangte vor dem Debrecziner Schwurgerichte einer „ Hepp-Hepp-Flugschriftdie zur Zeit ihres Erscheinens großen Unwillen hervorrief, zur Verhandlung. Auf der Anklagebank erschien Mor. Vital iß, Gutsbesitzer aus Domoßlo, im Heveser Komitate. Die Anklageschrift enthält unter Anderem Folgendes : Im Jahr 1870 ging aus der Erlauer bischöflichen Druckerei unter denl Titel: „An die christlichen Einwohner des Matrabezirkes" eine Broschüre hervor, welche, die Gleichheit und Brüderlichkeit verleugnend, die Religion und Glanbensmoral unserer israelitischen Mitbürger zum Gegenstand des Gespöttes wacht, das Volk zum Hasse gegen die Juden und zur Verhinderung derselben an der Ausübung der im Geseßes-Artikel XVII. 1868 ihnen garantirten Bürgerrechte aufhetzt. Der Umstand, daß diese skandalöse Proklamation, deren Verfasser nicht genannt gewesen, in 1000 Exemplaren vertheilt wurde, veranlaßte die Vertretung des Heveser Comitates, ihrer Pflicht gemäß die Einschreitung gegen die Verbreitung dieser Proklamation zu beschließen. Die Erlauer jüdische Gemeinde lenkte die Aufmerksamkeit des Jnstizministers auf die drohende Gefahr, und dieser wies sofort den öffentlichen Ankläger an, dieses skandalöse Preßvergehen zum Gegenstand einer öffentlichen Anklage zu machen. Das Ergebniß des Prozesses war, daß die Geschworenen die Frage, ob die Brochschüre sträflichen Inhaltes sei, einstimmig bejahten, während sie aber über den Autor gleichfalls einstimmig das Nichtschuldig aussprachen. Die Geschwornen haben, bemerkt „Ett", durch ihr Verdikt der durch den Inhalt der Broschüre allgemein hervorgerufenen Empfindung Ansdruck gegeben, andererseits aber der Ansicht gehuldigt, daß der Mangel an Aufklärung bei dem Angeklagten kein strafwürdiges Vergehen bilde. Italien. □ Rom, im Mai. Mortara, das bekannte, getaufte Judenkind, befindet sick> seit längerer Zeit in einem Kloster zu Antwerpen! Derselbe soll schon Geistlicher fein und den eifrigsten Streitern für die Unfehlbarkeit und für die weltliche Macht der Päpste angehören. Rjußland und Polen. Warschau Die Umkleidung der Juden in Russisch-Polen ist noch immer auf der Tagesordnung, und von den verschiedenen Gouvernements und Kreisen laufen verschiedene Nachrichten ein über die oft von einander abweichenden Arten der Ausführung der betreffenden Vorschriften, je nach Auffassung der Herren Gubernatoren und Kreis-Chefs. Der Chef in Lodz dehnt die Kleiderreform bis aus das Stiefelputzen aus. So wie ein Jude mit ungeputzten Stiefeln auf der Straße sich zeigt, wird er auf's Polizeiamt gebracht, wo das Putzen besorgt wird, natürlich nicht gratis, 10 Kopeken (3*/a Sgr.) kostet die Portion, und wenn der Geputzte nicht bezahlt, so muß eines seiner Kleidungsstücke dafür herhalten.

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