Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1871-05-24 · Heft 21 (24.5.1871) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 21 (24.5.1871)
Date
1871-05-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447499-2447520--09400-2465092
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

410 bequem als möglich Herrichten lassen und sie mit einer warmen Pferdedecke zugedeckt. Jetzt erst überkam die junge Frau die volle Sehnsucht nach ihrem Kinde, und heiße Thränen entströmten chren Augen. „Sei ruhig, Mirjam," tröstete Nathan, „danken wir Gott, dem Herrn, oaß wir das Kind nicht mit uns genommen; wir wären sonst in der fürchterlichen Nacht alle Drei elendiglich zu Grunde gegangen. Hans Gericke wird für das Kind sorgen, und sowie wir eine Ruhestätte erlangt haben, schicke ich hin und lasse es holen." „„Wenn es aber herauskommt, daß Hans uns hat entfliehen lassen, wenn ffie den Haushofmeister tödten, was wird da aus unserm Kinde werden! O, ich sterbe vor Angst!"" „Geh, sei nicht so kleinmüthig. Unser guter Gott, -er uns aus so großer Gefahr errettet hat, der wird auch unser Kind beschützen." Nach einer Fahrt von einigen Stunden kamen sie in ein Städtchen, wo ziemlich viel Juden wohnten. Aber auch hier, wo Nathan noch bekannt war, hielt er sich nicht für sicher; er kaufte sich ein Taliß und ein Paar Tephillin und setzte dann seine Reise fort. So zogen Nathan und sein Weib von Stadt zu Stadt, von Dorf gu Dorf, bis sie in eine ihnen bisher änzlich unbekannte Gegend kamen. Zu seinem Schrecken emertte Nathan, daß seine Barschaft nicht lange mehr Vorhalten würde. Hatte er doch Kleider und Wäsche für sich und seine Gattin kaufen müssen, war er doch gezwungen gewesen'', fast in jedem Dörfchen und jedem Städtchen den Leibzoll (Mecheß) zu entrichten! Denn überall mußte im vorigen Jahrhundert der Jude den eigenen Leib verzollen, und erst die Occupation Deutschlands durch die Franzosen hat dieser schimpflichen Beraubung unserer Glaubensgenossen ein Ziel gesetzt. Ja, das waren noch tolerante Orte, wo es den Juden gegen Entrichtung einer größeren oder kleineren Summe gestattet war, einzuziehen. Viele Städte verschlossen den Juden ganz und gar die Thore, in manchen durfte kein Jude übernachten. So waren unsere Reisenden nach Schweinfutt in Franken gekommen. Tie Sonne war schon untergegangen, Nathan und seine Gattin waren ganz erschöpft, und auch das Pferd bedurfte der Ruhe, als sie aber an einem Wirthshause hielten, versagte ihnen der Witth die Aufnahme, kein Jude durfte in Schweinfutt übernachten. Nathan bat und flehte — es war Alles vergeblich. Endlich fragte der Wirth: „Seid Ihr vielleicht ein Arzt?" Nathan sagte auf gut Glück: „Ja." „Wenn Ihr ein Arzt seid, so darf ich Euch ausnahmsweise beherbergen. Des Bürgermeisters Frau ist sehr krank, und die hiesigen Aerzte können ihr nicht helfen; deßhalb hat er mir gesagt, daß, wenn vielleicht ein jüdischer Arzt des Weges kommt, so soll ich ihn zu ihm schicken. Begebt Euch daher alsogleich züm Herrn Bürgermeister; ich will unterdeß Euer Gespann versorgen und der Jüdin ein Zimmer anweisen." Nothgedrungen mußte Nathan sich zum Bürgermeister führen lassen. Dieser empfing ihn mit großer Freude. „Herr Doctor," sagte er, „wenn Ihr meine Frau curitt, so werde ich Euch gut belohnen." Er führte ihn ins Krankenzinnner. Die Kranke, ein noch junges Weib, fieberte stark. Nathan fühlte ihr den Puls. „Herr," sagte er zum Bürgermeister, „laßt mich mit der Kranken allein." „Ist Hoffnung da?" fragte der besorgte Gatte. „ „Gott kann immer helfen!"" antwottete der Jude. Der Bürgermeister ging, und Nathan war allein mit der im Fieber phantasirenden Kranken. Was sollte er beginnen? Nie hatte er sich mit der Medicin beschäftigt: dennoch nnißte er der Kranken Etwas verordnen. Natürlich nnißte es etwas ganz Unschädliches sein. Da kam ihm ein Einsall; er knöpfte seine Weste aus und nahm ein Stückchen ungesäuetten Brodes aus seinem Arba Kanphot,6) ein Stückchen Aphikomen, das der Jude das ganze Jahr hindurch bei sich zu tragen pflegt. Dann rief er den Bürgermeister wieder herein, ersuchte ihn um einen kleinen Mörser und zerstieß das Stückchen Brod in demselben, mischte cs mit Wasser und Zucker und brachte es der Kranke bei. Hierauf begab er sich in seinen Gasthof zurück. Nathan verbrachte die Nacht voll Angst' und Sorge. Wenn die Kranke sterben würde, was wird ihm dann geschehen in der judenfeindlichen Stadt? Er hielt es für das Beste, sobald als möglich zu entfliehen. _ Aber schon bei Tagesanbruch schickte der Bürgermeister und ließ dem venieintlichen Arzte sagen, daß die Kranke sich bedeutend besser befinde. Sie war bald nachdem sie das angebliche Medicament genommen, in einen gesunden Schlaf gefallen und beim Erwachen war das Fieber verschwunden. Nathan mußte noch einige Tage in Schweinfutt bleiben. Als die Bürgermeisterin fast schon genesen war, fuhr er mit Mirjam reichbeschenkt von dannen. (Fortsetzung folgt.) 6) Das mit Schaufäden versehene, viereckige Kleidungsstück, welches jeder Jude trägt. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lebmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleb en's Buchdruckerei in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.