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Der Israelit · 1871-05-24 · Heft 21 (24.5.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 21 (24.5.1871)
Date
1871-05-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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409 zu Bette legen und die todtmüden Glieder ausruhen. Er selbst aber wollte erst das Morgengebet verrichten; allein, er hatte keine Tephillin;!) glücklicherweise hatte er, ehe er'in das Schloß ging, eine, wenn auch nicht bedeutende Summe Geldes zu sich gesteckt, die ihn übet die nächsten Verlegenheiten hinweghelfen konnte. Hätte nur Mirjam ihr Geschmeide angelegt, es wäre jetzt den Armen gut zu statten gekommen! Aber Nathan hatte es nicht geduldet, damit Mirjam nicht den Neid der Fürstin noch mehr erregen sollte. Woher aber jetzt Tephillin nehmen? In dem Dorfe wohnte ein Israelit, den Nathan gut kannte; aber durste er sich ihm anvertrauen? Nichtsdestoweniger beschloß er, den Glaubensgenossen aufzusuchen; er hoffte, daß ihn dieser in seiner Verkleidung und in seinem falschen Barte nicht kennen würde. Als Nathan in die Hütte des Juden trat, saß dieser mit seinem Weibe und seinen Kindern beim Frühmahle. Man hieß den Fremden herzlich willkommen und fragte nach seinem Begehr. „Ich habe," sagte Nathan, „ein kleines Malheur gehabt; meine Tephillin sind mir poßul* 2) geworden; könntet Ihr mir vielleicht die eurigen leihen, bis ich gebetet habe?" „Gern," antwortete der Dorsjude. „Gietel," sagte er dann zu seinem Weibe, „hole einmal die Tephillin vom Fenster/' In einem seidenen Beutelchen hingen die Tephillin am Fenster. Gietel holte sie herbei und reichte sie Nathan. „Wollt Ihr auch ein Tephitlah3) haben?" fragte Abraham, der Dorfjude. „Ich danke," sagte Nathan, „ich kann auswendig beten." „Aber ein Taliß4) werdet Ihr nicht verschmähen?" Nathan nahm dasselbe dankbar an und hüllte sich hinein. Dann legte er die Tephillin an und betete, Gott für die kaum mehr erhoffte Rettung herzinnig dankend. Es war ganz still im Stübchen des Dorfjuden, solange Nathan betete; selbst die Kinder verhielten sich ruhig. Als Nathan fertig war, gab er dankend Thaliß und Tephillin zurück. „Wollt Ihr nicht bei uns frühstücken?" fragte Gietel, „Ich danke Euch," sagte Nathan, „ich habe nicht lange Zeit. „Aber ich möchte sonst Eure Güte in An- *) Gebetriemen. 2) Untauglich. 3) Gebetbuch. *) Gebetmantel. I sprach nehmen. Meine Frau ist bei mir im Kruge;3)! ihr wird das Gehen schwer. So möchte ich zur Weiterreise billig einen Gaul und ein Leiterwägelchen kaufen. Wißt Ihr vielleicht, ob ich das hier im Dorfe haben kann?', „Gestern," antwortete Abraham, „hat mir der Schulz gesagt, daß er seinen Braunen verkaufen möchte; wenn Ihr ihm das Pferd abkauft, so überläßt er Euch auch ein Leiterwägelchen." Die beiden Männer begaben sich zum Schulzen und waren init diesem bald Handels einig. Nathan ließ Pferd und Wagen in den Krug führen. Daitn bat er Abraham, daß er ihm ein wenig Suppe für sein Weib kochen lassen möge. „Seid heute Mittag meine Gäste, Ihr und Eure Frau?" bat 5Ibvatjam. „ftommt iu mein Haus und esset an meinem Tisch." „Ich danke Euch," antwortete Nathan, „meine Frau ist zu schwach, um auszugehen." „„Nun, so schicken wir Euch das Essen in den Krug." " Als Abraham nach Haufe kam und das Essen bestellte, sagte Gietel: „Merkwürdig, was der Fremde für Aehnlichkeit mit dein Hofagenten in Hohenburg hat; wenn der lauge Bart nicht wäre und die ordinäre Tracht, ich würde darauf schwören, er wär's!" „Was Du für Einfälle hast! Wie soll der Hofagent von Hohenburg in solchen Kleidern hiecherkommeu!" Mittags brachte Gietel das Essen in den Krug. Als sie wieder zurückkchrte, sagte sie zu ihrem Manne: „Abraham, ich sage Dir, es ist nicht gleiche Sach' mit dem Fremden. Er hat mich nicht in die Stube hineingelassen, in der seine Frau war; er hat mir das Essen draußen abgenommen und hat mich gebeten, in der Wirthsstube zu warten, bis sie gegessen hätten. Ich aber habe mich hinaufgeschlichen und an der Stubenthur gehorcht. „Mirjam" hat er die Frau angeredet, und sie, sie hat immer Na — Samuel zu ihm gesagt; sie wollte: Nathan sagen, und hat sich dann besonnen. Und die Stimmen! Wie ich ihn erst nicht gesehen habe, blos sprechen hören konnte, da ist es mir zur Gewißheit geworden : es ist kein Anderer als der Hofagent! Was mag da vorgegangen fein und wo mögen sie ihr Kind gelassen habe, das goldige Bübchen, wie heißt es doch? " „Was geht es uns an? Er hat uns das Essen bezahlt und bei dem Kauf habe ich einen Karotin verdient — ich wollte es kämen täglich solche Gäste durch Nußdorf." Unterdessen waren Nathan und seine Gattin, die sich vollständig erholt hatte, davon gefahren. Nachan lenkte den Wagen; für Mirjam hatte er einen Sitz so 5) Wirthshaus.

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