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Der Israelit · 1871-05-24 · Heft 21 (24.5.1871) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 21 (24.5.1871)
Date
1871-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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405 Alljährlich daher, wenn die Erde sich losgerungen j aus des Winters eisiger Umarmung, in ben bunfeln Erdschachten das neue Leben sich regt, welches die schlummerden Keime durchdringt, alljährlich wann der erwachende Lenz die Erde mit wärmerem Sonnenstrahl grüßt und sie in glänzenden Blüthenschmuck hüllt, wann so die Natur ihre höchsten Triumphe feiert und auf den entzückten Sterblichen mit der ganzen Fülle ihrer Kräfte wirkt, — alljährlich feiert dann auch Israel den Tag, an welchem es Gottes Herold wurde für die große Menschenfamilie, und weckt die Erinnerung an jene Zeit, wo Gott, indem er zum Reiche der Natur noch seine Thauroh gesellte, unter die ersterbende Menschheit den niemals welkenden „Baum des Lebens" für alle Zeiten pflanzte. — In blumengeschmückten Gottes- und Wohnhäusern empfangen wir dieses Fest, dessen richtig erfaßter Geist uns bewahren wird von den traurigen Irrungen und noch traurigeren Folgen, welche der Naturwissenschaft unserer Gegenwart anhaften. Wenn ganze Geschlechter an diesen Folgen kranken, wenn der grausige Nachtschatten des Materialismus alles Licht zu verlöschen, jedes höhere Gefühl zu ersticken droht, und der Glaube an Gott und an die eigene sittliche Freiheit immer mehr schwindet, — dann flüchtet sich Israel in heißinnigem Dank und Gebete zu Ihm, der vor drei Jahrtausenden schon einmal die Menschheit von den Banden der Natur befreit, indem er sich seinem Volke offenbarte. „Sei gelobt o Gott, der uns zu seiner Ehre geschaffen, uns von den Irrenden gesondert, und uns, indem er uns eine Lehre der Wahrheit gab, ewiges Leben einpflanzte, o, daß er unser Herz seiner Thauroh öffne, ihm Liebe und Ehrfurcht einpräge, Seinen Willen zu thun und Ihm mit ganzem Herzen zu dienen, damit wir uns nicht zu thörichten Zwecken abmühen und wir keine Wahngeburten erzeugen!" Zeitungsnachrichten und Corresponderrzen Deutschland. Lairpheim, 7. Mai. Das hiesige, isr. Kirchenvorsteheramt befaßt sich schon längere Zeit mit Schaffung eines neuen Reformgottesdienftes. Ein Mitglied desselben, ein tüchtiger, negativer HD*?, ist mit dem Referate betraut, und es läßt sich ftagen ‘v Dan? Das Vorsteheramt verheimlichte lange seine Schwa n- Öast. Doch das Reformkindlein sollte nicht im erleibe absterben und verwesen, es sollte zum Heile des hiesigen Israel das Licht der Welt erblicken. Und heute traten wirklich die Geburtswehen ein Auf heute, Nachmittags 2 Uhr, wurde in dem Gasthof zum Kronprinzen eine Gemeindeversammlung anberaumt, wobei sich die meisten Mitglieder einfanden. Der Vorsitzende des Vorsteheramts, Herr Rabbiner Wälder, die Versammlung eröffnend, erklärte, daß, da die Chorsänger, wie auch die Schuljugend nicht genügenden Raum haben, so finde das Vorsteheramt es von Nöthen, die Synagoge nach Osten hin erweitern zu lasten und er habe deßhalb die heutige Zusannnenkunft veranstaltet, um die Ansicht der Gemeindeglieder und etwaige Anträge entgegen zu nehmen. Herr Rechtsconsulent Dr. Lämle, Mitglied des Vorsteheramts, suckte in langer Rede dieses großes Bedürfniß zu argumentiren. Hierauf ergriff Herr Moses Nathan das Wort und sagte, da seit einigen Jahren schon mehrere Familien von hier weggezogen seien und da denselben noch weitere folgen, so wird hiedurch an Raum gewonnen; es laste sich daher die Sache arrangiren, ohne daß man baue. Wenn man aber für die Jugend wirklich Jntereffe nehmen und Opfer zu bringen gewillt sei, so sei esrathfani, umfassendem Unterricht im Hebräischen ertheilen zu lassen, damit sie die Gebete gründlich zu übersetzen verstehe und in denselben im Gotteshause sich zurecht zu finden wisse. Diese Bemerkung des Redners wurde, als nicht zur Sache gehörig, zurückgewiesen. Vielen war es unbegreiflich, warum denn das Vorsteheramt auf einmal sich so entgegenkominend zeigte, während es doch vor einigen Jahren öin großes, schönes Schulhaus, das viele Tausende kostete, bauen ließ, ohne sich im Geringsten um den Willen der Gemeinde zu bekümmern. Die Antwort auf dieses Warum wird ein Jeder sich aus denr Weiterfolgenden zu geben im Stande sein. Lange hielten die Geburtswehen an, das Kindlein wollte nicht her, da kam Herr Dr. Rödelheimer, ein tüchtiger Arzt und Accoucheur, packte das liebe Kleine mit geschickter Hand, und im Nu lag es vor unfern Augen. Herr Dr. R., merkend, wie die vorfteheramtliche Redner der überflüssigen Worte viele machten und doch zum eigentlichen Zielpunkte zu gelangen nicht den Muth hatten, sondern um denselben herumflatterten, wie ein Nachtfalter um ein brennendes Licht, öffnete nunmehr den Mund und ließ sich dahin vernehmen, daß es unnöthig sei um die Hauptsache hemmzulaufen, wie dre Katze um den Brei, sondern daß man klaren Wein einschenken müsse und der sei: „wir sollen bauen," damit wir ein Orgel aufftellen und einen „veredelten Gottesdienst einführen können." Holla! jetzt war der Deckel vom Hasen genommen, jetzt war der gordische Knoten zerhauen, jetzt war der Alp vom Herzen der Verzagten gewälzt, denn jetzt er-

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