Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1871)
- Date
- 1871-05-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XII. Jahrgang. Beilage z« Rr. 20 des Israelit. Zeitungsnachrichten nnd Correfporidenzen. \ V Deutschland. Da- Nauheim Ein Beweis von Humanität, lieferte die unter dem 4. dss abgehaltene Versamm-! lung des Hilfsvereins für verwundete und kranke Krie-! ger dahier; indem hierin der Beschluß gefaßt, für den | in der Schlacht bei Gravelotte verwundeten und im hiesigen Lazareth verstorbenen Theodor Cohn aus Berlin 2. Garde-Reg. 3. Comp, gleich seinen verstorbenen christlichen Kameraden ebenfalls ein Monument zu setzen und ist zu diesem Zwecke der israel. Gemeinde der Betrag aus obiger Cassa überwiesen worden. Aus der bayerischen Pfalz. (Vierter Brief). — Die Gemeinden tragen den größten Theil der Schuld daran, daß sie solche Lehrer und Cultusbeamten haben. Sie sind eben mit deren Leistungen zufrieden, und wenn sie es nicht sind, so thun sie wenigstens so. Sie lassen sich von ihren Lehrern viel, ja Alles gefallen, uild wenn es ihnen noch so sehr mißfällt, hüten sie sich doch, Jene dies nlerken zu lassen, oder sie offen über Dies und Jenes zur Rede zu stellen. Ich bin auch etwas weit m der Welt herumgekommen, habe es aber nirgends, wie in der Pfalz, gefunden, daß die Gemeinden ihre Lehrer fürchten, sondern in der Regel das gerade Gegentheil. Diese auffallende Erscheinung in der Pfalz bedarf einer Erklärung, die ich unparteiisch und wahrheitsgetreu hier bekannt geben will. Die Unwissenheit in Allem und Jedem, das die Kenntniß der jüdischen Religionsquellen betrifft, ist in der Pfalz fast durchgängig so groß, daß die selbst Besten die Lerftungen des Lehrers nicht zu beurtheilen vermögen.. Es gibt in der Pfalz Männer von vierzig bis fünfzig Jahren, die schon so viele Jahre und Jahrzehnten nicht aebetet haben, daß sie von dem nbsn ->hd kaum eine Ahnung mehr haben und nicht mehr wissen, was man an einem gewöhnlichen Wochentage betet! Es war mir s. Z. in der Pfalz neu zu sehen, daß ältere Leute, die jahraus jahrein der Synagoge fern bleiben, die aber am „Jahrzeit" (diesem Alpha und Omega in dem religiösen Leben so vieler neuer Juden) natürlich sich daselbst einfinden, ohne und während der ganzen Zeit der r.^en dastehen, und nachdem sie ihr rcnp abgesagt, wieder, ohne ein einziges Wort gebetet zu haben, eiligst das Gotteshaus verlassen! Jedes hebräische Wort ist solchen Leuten ein böhmisches Dorf, und der „Herr Lehrer", der mittelmäßig hebräisch richtig lesen, und gar aus dem unpunktirten min ->dd vorlesen kann, in deren Augen ein Art jüdischer Gelehrte, vor dem ein gewöhnlicher schlichter Bürgersmann schon gehörigen Respect haben dürfe, nyiotp pa» nai njn mv 'v. Wer von diesen, dem jüdischen Leben und Wissen gänzlich ferne stehenden Gemeindegliedern soll nun dem in allen Dingen unerfahrenen, aus dem Kaiscrslauterner Seminar kommenden Lehrer in einem einzigen seiner verschiedenen Thätigkeitszweigen einen belehrenden Wink, eine fördernde Anweisung geben, wer chm sagen, was recht und billig, was passend und schicklich, oder auch dringend geboten und unerläßlich von Nöthen seid! Die gröbsten Fehler im Unterricht (diesen hört übrigens Niemand, ebensowenig konimen die Mitglieder, oder richtiger die Eltern der Kinder zur Schulprüfung, mag der Rabbiner es hundertmal vorher ankündigen und in der Synagoge verlesen lassen), in: Vorbeten, im Vorlesen aus der Thora rc., die sich diese unerfahrenen und in jüdischem Wissen auf so ungemein schwachen Füßen stehenden jungen Leutchen zu Schulden kommen lassen; sie sind für einen beträchtlichen Theil der Gemeindemitglieder gar nicht vorhanden! — Aber, so höre ich manchen Leser des „Israelit" im Stillen die Frage an den Schreiber dieser Zeilen richten: es gibt doch aber hie und da noch .-inewva qme'i -ppa my, die es bester verstehend Ganz recht, meine Verehrten, doch dies ist eben die zweite äußerst betrübende Erscheinung, die ich während meiner mehrjährigen Anstellung und meines aus imch allein Angewiesenseins in der Pfalz wahrnehmen mußte. Die es besser wissen und an die ich mich auch stets, wie ein Ertrinkender an einen Rettungsanker, festgeklammert: die haben zum großen Theile — keine Stimme in der Gemeinde und werden, wenn sie nicht reich sind, als „Mucker" verschrien, einen von den tsrrnim's teohniois, mit denen man in der Pfalz der Menge einen furchtbaren Schrecken einfiößt, und diese dadurch veranlaßt, sofort, ohne jede eingehende Prüfung, dem mit diesem Epitheton Bezeichnten, wie dem Aussätzigen der Schrift, aus zwanzig Schritte weit aus dem Wege zu gehen, um ja nicht für einen Gesinnungsgenossen desselben gehalten werden zu können! — Und die wiederum von den Besseren einigen Einfluß in ihrer Gemeinde besitzend Die wollen es wiederm einerseits mit Niemandem verderben (ich lege allen meinen Behauptungen Thatsachen und nicht gewagte Hypothesen zu Grunde.'), andererseits wiederum „nicht um zwanzig Gulden (aber für mehr?) für orthodox" gelten (ipsismrna verda eines Herrn Dorfvorstands-Mitgliedes), können auch in Wahrheit nicht für eine Million