Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1871)
- Date
- 1871-05-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Pater der Heimath entfloh. Die Schweden, die unter ihrem wilden Könige, Carl XII., in Holstein eingefallen waren — mitten im Winter waren sie auf Schlittschuhen übers Meer nach Jütland gekommen — verbrannten mein Heimathsdorf. Die Mutter war kurz zuvor gestorben und nun hatten wir auch all unser Hab und Gut verloren. Wir kamen nach Hamburg, wo wohlthätige Glaubensgenossen sich unser annahmen; aber den Vater raffte der Kummer bald dahin, und nun stand ich, arm und verlassen, ganz allein auf der Welt. Man that mich nach Altona in eine jüdische Druckerei, wo ich das Handwerk eines Schrittsetzers erlernte. Nach vier Jahren ging ich auf die Wanderschaft und kam bis nach Frankfurt an der Oder, wo damals der reiche Rabbi Bärmann Halberstadt, der Hofagent des Königs von Polen, den Talmud drucken ließ. Auch ich wurde zu diesem großen Werke verwendet. Bei dieser Gelegenheit lernte mich Rabbi Bärmann — sein Andenken sei gesenkt — kennen; er fand Gefallen an mir und nahm mich in sein Geschäft. Er sandte mich nach Hohenburg, um mit dem verstorbenen Fürsten ein Geschäft abzuwickeln. Der Thronerbe, Prinz Ferdinand, veranlagte mich, in Hohenburg zu bleiben. Wie glücklich fiihlte ich mich, als mein Geschäft blühte, als ich im Lande Gutes zu erwirken vermochte, als ich Haus und Garten kaufen konnte, als ich endlich Dich heimführte und unser goldiges Kind geboren wurde! Alles ist eitel! Jetzt bin ich wieder so arm, wie damals, da ich an der Hand meines Vaters durch die Winternacht wanderte!" „„Was gedenkst Du anzufangen, wenn wir in Sicherheit sein werde d" „Ich weiß es nicht." „„Bei Deinen zahlreichen Bekanntschaften kann es Dir an Credit und Unterstützung nicht fehlen."" „Ich werde mich nirgendwo zu erkennen geben; das bin ich Hans Gericke schuldig. Hörst Du, Frau, kein Mensch darf erfahren, wer wir sind! Der Vogel des Himmels könnte das Gerücht nach Hohenburg bringen und unserm Retter Gefahr bereiten. Von dieser Stunde an heißeich Samuel, vergiß es nicht." Immer kälter wurde die Nacht, immer rauher der Wind, immer schwieriger der Weg. Die bedauernswerten Wanderer sanken oft bis an die Knie und tiefer in den Schnee. Lange war das Gespräch verstummt; l die furchtbare Anstrengung hielt jedes Wort zurück.! Vier Stunden mochten sie ungefähr gegangen sein, als Mirjam erschöpft innehielt. „Geliebter Mann," sagte sie, „ich kann nicht weiter. Hier steht ein Stein am Wege, laß mich niedersttzen und ruhen." „„Mirjam, Du darfst nicht ruhen; sowie Du ruhest, erstarren Deine Glieder in der Kälte, und Du -ist verloren."" „So laß mich hier sterben! Rette Du Dich und überlaffe mich meinem Schicksal!" „„Wie könnte ich Dich hier verlassen! Ich würde mit Dir sterben, und was sollte dann aus unserm Kinde werden f'" „Ach, unser Kind!" Und sie schritt weiter unter den furchtbarsten Anstrengungen. Und wieder war eine Stunde vergangen. „Wir verlassen jetzt das Gebirg," sagte Nathän, noch eine halbe Stunde und wir erreichen das nächste, V jenseits der Grenze belegene Dorf." Aber nach zehn Minuten schon brach Mirjam zusammen. Vergebens suchte Nathan, sie zu ermuntern, sie zum Weiterschreiten zu veranlassen. „Laß mich" sagte sie schwach, „laß mich hier sterben! Es ist meine Strafe, weil ich eine fürstliche Equipage gewollt, muß ich elendiglich aus dem Wege umkommen!" Da erfaßte sie Nathan und hob sie auf seine Anne. Mirjam ließ Alles mit sich geschehen; wie leblos ließ sie den Kopf hängen. Mühsam schritt Nathan vorwärts; schon sah er den Kirchthurm des Dorfes, vom Monde beleuchtet; aber es war immer noch eine Viertelstunde Wegs zurückzulegen; konnte er, der selber erschöpft war, diese mit seiner Bürde zurückzulegen hoffend Schon dachte er daran, Mirjam in den Schnee zu legen, und Hilfe vom Dorfe herbeizuholen; aber die Furcht, daß sie unterdeß erfrieren möchte, ließ ihn diesen Gedanken verwerfen. „Herr mein Gott," rief er aus, „Du hast uns gerettet aus des Löwen Rachen, und hier sollen wir elendiglich verderbend" Langsam im Schnee watend war er ungefähr fünf Minutenlang vorwärts gekommen; seine erstarrten Glieder versagten auch ihm den Dienst; da sprach Mirjam: „Laß mich zur Erde nieder; ich glaube, ich kann wieder gehen." Er that also. Mirjam hängte sich an seinen Arm, und so zog er sie -vorwärts. Gegen sechs Uhr Morgens er-reichten sie, zum Tode erschöpft, das Dorf, dessen äußerstes Haus der Gasthof war. Schon war das Thor geöffnet. Sie traten in die Wirtbsstube zum großen Erstaunen der darin hantierenden Mägde. Nathan verlangte ein geheiztes Schlafzimmer und Kaffee. Bald war Alles beschafft und die Hartgeprüften konnten sich in Sicherheit von all den Gefahren und Auftegungen erholen. — (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lebmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung/Z I. Gottsleben's Buchdruckerei intzMainz.