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Der Israelit · 1871-05-10 · Heft 19 (10.5.1871) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 19 (10.5.1871)
Date
1871-05-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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380 auf der Straße. Cs herrscht das regste Leben, Männer, Weiber, Kinder, Fuhrwerke mit Viktualien und auch anständige Equipagen, Alles wogt durcheinander. Man feilscht in sehr geräuschvoller, ja betäubender Weise. Wir versuchen vergebens, von dem Gesprochenen ein Wort zu erhaschen, denn die Sprache CO, deren man sich da bedient, ist eine glückliche Verquickung des pot= Nischen, jüdischen und ruthenischen Idioms. Wir können blos die Wahrnehmung machen, daß es sich um sehr kleine Geschäfte handelt, um Geschäfte, die fast durchwegs nur mit Kupfermünzen beglichen werden. Käufer sowohl als auch Verkäufer sind zumeist in nicht sehr reinliche Gewändern — Lumpen wäre eigentlich zutreffender — eingehüllt. Alles watet mühsam durch die stellenweise schuhhoch mit Schlamm und Unrath bedeckten Gassen und Gäßchen. Die ruthenischen Landleute haben sich ihrer Bürde entledigt und treten, nachdem sie zuvor noch eine entsprechende Dosis Wutky zu sich genommen, auf ihren defecten Fuhrwerken und Karren, die von halbverhungerten Rößlein nur schwer geschleppt werden, die Heimreise an. Auch die Käufer kehren heim, wir folgen Einem unter ihnen. Der Mann ist nicht leicht beladen, aber er geht trotzdem rasch und unverdrossen seines Weges. Bald erreichen wir dessen Behausung, die sich in dem Hvftaume eines alten, einstockhohen Hauses befindet. Schon das Entrv gestattet uns, einen Schluß auf die Beschaffenheit der Wohnung Chajem L>chmuel's zu ziehen. Der Hofraum scheint seit langer, langer Zeit nicht mehr die Bekanntschaft der Schaufel und des Besens gemacht zu haben. Derselbe ist mit Misthaufen und Häuflein fast vollständig überdeckt. Wir treten, uns das Sacktuch vorhaltend, muthig in die Wohnstätte. Ein undefinirbarer Odeur, vermengt mit Rauch, dringt uns entgegen. Wir sind in der Küche. Dieser Raum ist indetz derart in Dunkelheit gehüllt, daß wir außer Stande sind, einzelne Gegenstände zu unterscheiden. Wir legen noch ein paar Schritte zurück und sind in der Wohnstube. Nur mit Mühe will es uns gelingen, uns daselbst zurecht zu finden. Die beiden Fensterchen könnten zusammen zwölf Scheiben zählen, es sind jedoch nur neun derselben vorhanden, während von den drei übrigen viereckigen Löchern zwei mit Papier nothdürftig überklebt sind und das dritte gar mit Kleiderfetzen verstopft ist. Die Dunkecheit wird aber noch dadurch vergrößert, daß die vorhandenen neun Scheiben seit einem Jahre, seit den vorjährigen Osterfeiertagen nämlich, nicht gereinigt worden sind. Aber der „Peßach" ist glücklicher Weise schon wieder vor der Thüre .... Das Zimmer enthält drei Betten, die, obgleich die zehnte Vormittagsstunde bereits geschlagen, noch immer offen stehen; ein viertes Lager ist auf dem ungebretterten Boden aufgeschlagen. Ein Holzkaften, einige defecte Holzstühle, ein großer Tisch und ein „blinder" Spiegel vervollständigen das Mobiliar. Ob auch das Mehlspeisbrett, das eines der Betten theilweise überdeckt, dazu gehört, wissen wir nicht. Vor diesem Brette steht die „Balbuste", die Hausfrau, barfuß und das Haupt mit einem Kopftuche von schwer zu unterscheidender Farbe umhüllt. Sie knetet eben emsig einen Teigklumpen. Unsere Sehorgane sind indeß bereits geschärft und wir können wahrnehmen, wie sich vier Kinder, im ungefähren Alter zwischen neun itnb fünf Jahren und nothdürftig gekleidet, in einer Ecke der „Schtib" ziemlich geräuschlos die Zeit vertreiben. Der Eintritt des Vaters scheint die Kleinen stumm gemacht zu haben. Doch, da hockt ja auf dem Mehlspeisbrett noch ein der Brust kaum entwachsener fünfter Sprößling Chajem Schmuel's. „Jankefl, inan Leben, gai zim Taten, wal Di nur den Taag naß machst," ruft Frau Sure ihrem Jüngsten mit liebevollem Blicke zu. Jankefl läßt sich aber nicht beirren und . . . der Teig wird von einer Ueberscywemmung en miniature heimgesucht, aber die Hausfrau knetet ruhig weiter . . . Guten Appetit! „E schlechter Morkt," läßt sich der Hausvater vernehmen, „hob über a Silber ausgegeben mtb hob noch ka Fisch of Schabbes." „Host eppes sim onbaßen, Sure." „A Flammglezl mit Piter," replizirt die Hausfrau lakonisch. Chajem Schmuel setzt sich zu Tisch, verzehrt rasch sein Frühstück, „benscht" und entfernt sich ebenso rasch wieder. Er schreitet dem „Wall" zu. Der Wall ist der Lemberger Stadtpark, die Wien ist durch den übelriechenden „Peltew" subftituirt. An dieser Stelle unter freiem Himmel, im Angesichte des Monuments Stanislaw Jablonowsky's, eines Ahnen des Präsidenten der seligen Volksbank, der Vaterländischen Versicherungsgesellschaft, der Karl Ludwig- und Lemberg - Ezernowitz- Bahn — in: Angesichte dieses Monumentes werden die wichtigsten^ Geschäfte abgeschlossen. Hier ist mit einem Worte die „Bors" „Börs" für Alles. Staats- und Privatpapiere, alte Hosen, Häuser, Güter, „Teftlen", Holz, Kaftans, lebendes Vieh, Getreide, kurz Alles ist hier zu kaufen, oder zu verkaufen. Nur selten sieht man in den Gruppen ein modernes Kostüm. Entschieden vorherrschend ist der Kaftan, neben dem ab und zu auch eine Konfederatka auftaucht. Das „Geschäft" ist zu Ende. Die Börsianer zerstreuen sich langsam, laute Gespräche führend. Sie gehen heim, „Warems" essen. Schon in den ersten Nachmittagsstunden beginnen die Vorbereitungen für die Sabbatfeier. Mit hereinbrechender Dunkelheit leeren sich bereits die Straßen total. Alle Läden sind geschlossen. Die Männer haben sich in seidene Kaftans geworfen, den Zwölfspitz aus Zobel aufgesetzt und eilen, den „Tales" um die Schultern (?) in Begleitung ihrer „Jünglach" in die verschiedenen Tempel. Gleichzeitig haben auch die Hausfrauen Toilette gemacht. Ihre kurzgeschnittenen Haare ersparen ihnen jede Frisur. Im Nu ist die seidene Haube mit dem „Sterntüchel" ans Perlen aus dem

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