Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1871-05-10 · Heft 19 (10.5.1871) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 19 (10.5.1871)
Date
1871-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447499-2447518--09354-2465044
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

370 Bei diesen Worten wollte er sich men. SRatyan hielt ihn zurück: - „Hans," sagte er, „seid klug! Was nützt es mir, wenn Ihr einen andern Henker schickt, wenn vielleicht der böse Junker selber kömmt, um die blutige That zu vollbringend" Der Haushofmeister kehrte wieder um. „Nun," sagte er, „so macht mir das Herz auch nicht so schwer. Macht nicht länger Umstände und bereitet Euch zum Tode!" Nathan und Mirjam fingen an zn beten. Der unglückliche Gatte sagte laut das Sündenbekenntniß her und Mirjam wiederholte jedes Wort. Als sie an die Stelle kamen: „Wir sind hartnäckig gewesen!" unterbrach Mirjam mit lautem Weinen den Gatten. „O," rief sie, „wäre ich nicht so hartnäckig auf meinen Sinn gewesen, hätte ich meine Eitelkeit bezwungen! Und nun reiße ich mein Kind und meinen Gatten mit in's Verderben! Geliebter Mann, verzeihe mir, ehe wir zusammen sterben!" „„Sei ruhig, armes Weib,"" entgegnete Nathan, „„auch ohne die Befriedigung Deiner Eitelkeit, auch ohne jene Lappalien wäre das Verderben über mich hereingebrochen, trotzdem ich nichts verschuldet habe. Der Neid und der Haß der Schlechten lastet zu schwer auf uns Juden! Man gönnt uns nicht, daß wir uns aus der Niedrigkeit erheben, und selbst bei denen, denen wir Gutes erwiesen, finden wir kein Erbarmen!"" Sein vorwurfsvoller Blick traf Hans Gericke, der sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Sie beteten das Sündenbekenntniß zu Ende und noch andere Gebete, die der Israelit in der Todesstunde ru beten Pflegt. Dann küßte Nathan sein Weib und sein Kind und sagte: „Wir sind bereit, Hans!" „Herr Hofagent." sagte dieser, „verzeiht mir, daß ich Euch zum Tode führe. Weiß Gott, es thut mir he^lich leid." „Hans! noch einmal flehe ich Euch an, rettet uns, laßt uns fliehen!" „„Dann müßte ich sterben. Man wird morgen Nachsehen lassen und wenn Eure zermalmten Gebeine nicht gefunden werden, so wird es mich das Leben kosten." " „Entflieht mit uns, Hans!" „„Und mein krankes Weib sollte ich verlassen und der Rache der Fürstin preisgebend"" „Hans, entflieht mit uns; wir gehen dann in mein Haus, versorgen uns mit Geld und Gut und wandern nach einem fernen Lande aus! Was wird man Eurem Weibe thun könnend" „ „Ich kann mein Weib nicht verlaffen; anch meine Tochter und mein Schwiegersohn wären in Gefahr, wenn ich mit Euch entfliehen würde. Uebrigens ist Euer Haus schon besetzt, Euer Vermögen mit Beschlag belegt." " „Gestattet mir wenigstens, daß ich den Fürsten noch einmal aufsuche, ihn von meiner Unschuld überzeuge!" „ „Ich kann nicht, ich darf nicht!'" „Also kein Erbarmen! Nun denn, Gottes Wille geschehe! Aber eins will ich Euch noch sagen, Hans, ich möchte nicht mit Euch tauschen, möchte "mich nicht als Wettzeug zum Morde unschuldiger Menschen gebrauchen lassen; selbst wenn es mein Leben kosten sollte, würde ich mich solcher Blutthat weigern!" Der Haushofmeister öffnete lautweinend die Thüre des anstoßenden Gemaches. In diesem Augenblicke sprang Caro, der große Hund Gericke's, der diesem überallhin folgte, durch die offene Thüre. Allsogleich öffnete sich der Boden unter ihln und er verschwand. Aus der Tiefe hötte man noch ein dumpfes Geheul. Mit Schaudern hatten der Haushofmeister, Nathan und Mirjam das Entsetzliche mitangesehen. „Mein armer Caro!" sagte Hans schluchzend. „„Mit dem Hunde habt Ihr Erbarmen!"" sagte Nathan bitter. Dann ergriff er die Hand des Haushofmeisters und sprach: „O, glaubt mir, Gericke, der Tod des Hundes ist ein Fingerzeig Gottes, daß Ihr uns retten sollt. Wenn man morgen nachsehen wird, so wird man Blut und Knochen finden. Genau wird man die Sache schon nicht untersuchen. So seid Ihr nicht in Gefahr, wenn Ihr uns entfliehen laßt." „„Und wenn man Euch erwischen wird?"" „Wir werden uns nicht erwischen lassen!" „„Und wenn Ihr über Jahr nnd Tag zurückkehrt, um Euer Eigenthum zu reclamiren d"" „Ich werde nichts Derattiges thun, — selbst wenn ich mein Brod an den Thüren erbetteln sollte. Ich werde einen fremden Namen annehmen und mich weit, weit fortbegeben." „ „Nun, so sei es; ich lasse Euch entfliehen; werden sie mich darob tödten, so mögen sie es thun — es sind schon Leute um schlechterer Dinge willen gestorben!" " „Bester Hans Gericke, Gott segne Euch!" (Fotts. folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Br. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. I. Gottsleden's Buchdruckern in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.