Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1871)
- Date
- 1871-05-03
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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367 Schritt zu ihrer Bekehrung — etwas offener ausgesprochen hätte. Er möge sich übrigens nicht täuschen: die Judenbauernseelen fängt er doch nicht." Wie die „Kreuzzeitung", welche den Erlaß mtttheilt, weiter berichtet, hat auch die Kreissynode Friedrichs-Werder dieser Tage über diesen Gegenstand verhandelt. Ein Gemeindekirchenrath hatte den Anttag eingebracht, das Consistorium um Wiederaufhebnng der Verfügung zu ersuchen. Die Kreisfynode begnügte sich einem solchen Anträge gegenüber nicht mit einer bloßen Verwerfung deffelben, sondern beschloß zugleich, der Kirchenbehörde ihren Dank auszusprechen für die ernste Warnung vor dem Abfall vom Evangelium, sowie für das in jener Verfügung enthaltene Bekenntniß. (Franks. I.) Belgien. Aus vom 25. d. M., wird uns geschrieben: Am 24. d. M. starb Madame Fourtado, geborne Fould, Schwester des verstorbenen französischen Finanz- Ministers, im Alter von 72 Jahren. An Madame Fourtado verlieren die Armen und Hilfsbedürftigen eine wahre Wohlthäterin, deren Hinscheiden allseitig auf das Tiefste bedauert werden wird. Ihre Menschen- und Nächstenliebe kannten keine Grenzen, sie spendete den Armen freudig mit vollen Händen und galt mit Recht als eine der edelsten Damen von Paris, in wel cher Stadt sie unter dem Namen: „la Providence“ bekannt war, welchen seltenen Ehrentitel ihr die reich beschenkten Armen beigelegt hatten. Ihr Wunsch in Frankreich, im geliebten Vaterlande, zu sterben, ging leider nicht in Erfüllung, da sie wegen der Revolution von Paris nach Brüssel geflüchtet war,- doch werden ihrem letzten Wunsche entsprechend, ihre Ueberrefte nach Frankreich überführt und in dem der Verstorbenen gehörigen prachtvollen Schlosse Roquembert beigefetzt werden. Rußland. Odessa, 10. April. Ein Originalcorrefpondent der Wiener „Presse" von hier bringt noch weitere Details über den österlichen Judenkrawall, worin die früher gebrachten Schilderungen eines anderen Wiener Blattes in vollem Umfange bestätigt werden, sowie auch daß sich seit 1859 in der von mehr als 40,000 Israeliten bewohnten Stadt, wo solche Excesse sich alljährlich wiederholen, keine „Judenhaß" von solchen Dimensionen vorgekommen ist. „Ganze Gassen und Stadttheile," schreibt der Berichterstatter, welche größtentheils von Israeliten bewohnt sind, wurden förmlich gestürmt; der Pöbel, ohnedies zumeist aus Anlaß der Feiertage betrunken, stürmte auf die Häuser los, und wo nicht als Zeichen der Christenheit Heiligenbilder oder Ofterbrode in den Fenstern aufgestellt waren, wurde mit Steinen bombardirt, Thüren und Fenster eingeschlagen und dabei Alles', was den Stürmern unter die Hand kam, geraubt und gestohlen. Ueberhaupt wurde am Ostermontag (10. April), dem heißesten Tage der Hetzereien, in allen THeilen der Stadt, besonders aber un alten Bazar und in den naheliegenden Gaffen, sowie in der Synagoge alle Fenster eingeschlagen. Dasselbe geschah auch im neuen Bazar und den übrigen von Israeliten bewohnten oder ihnen angehörigen Häusern, wobei die Excedenten eine ausgezeichnete Lokalkenntniß bewiesen. Jrrthümer kamen natürlich dennoch vor, und viele Häuser, die von Christen bewohnt waren, so das vom bayerischen Consul oewohnte, verfielen der rohen Wuth. Nebstbei wurde auch außer den Verwüstungen mit Hand und Stein das Uebrige durch Feuer zerstört, und viele Häuser sind ein Opfer der Flammen geworden." „Der Anblick der Stadt," fügt der Bericht hinzu, „gleicht im Großen und Ganzen einem Trümmerhaufen von Fenstern und Thüren, so daß besonders in Bezug auf die ersteren kaum der Vorrath in Odeffa ausreicht, um das Deficit zu decken und zahlreiche Familien genöthigt sein werden, bei der jetzt noch ziemlich rauhen Witterung halb in freier Luft das Leben zu fristen. Für die ersten Bedürfnisse der Nothleidenden hat der Gemeinderath von Odessa 10,000 Rubel zur Vertheilung an die am meisten Bedürftigen bestimmt, und zu diesem Zwecke ein Somit« von zehn Männern eingesetzt; das Uebrige soll im Wege der Subscription zusammengebracht werden." Wir schließen hieran nachstehende Stelle aus einem Correspondenzbriefe der „Köln. Ztg. „Am dritten Ostertage war Odessa in den Händen von ca. 25 bis 30 Banden in einer Gesammtstärke von 4* bis 5000 Räubern. Was von diesen ausgeführt wurde, ist unbeschreiblich! In Hunderten von Schenken und kleinen Verkaufsbuden ist auch kein ganzes Stückchen geblieben. Hunderte von armen jüdischen Familien, die sich durch den Handwerksstand redlich und dürftig nährten, sitzen nun weinend und trostlos, nackt und hungrig auf den Trümmern ihrer Habseligkeiten in ihren verwüsteten Wohnungen. Händeringend und jammernd mußten die Armen der Verheerung ihres Bißchen Hausrathes zusehen; fußfällig wurden Obrigkeit und Polizei um Schutz angefleht, — sie konnten keinen bieten. Heulend, ohne Widerstand, durchzogen die mit Knütteln, Stangen und selbst Messern bewaffneten Schurken die Straßen, und als Räuber drangen sie in die Wohnungen. Was an Geld und Geldeswerch unbemerkt vor den ersten Eindringlingen geborgen werden konnte, geschah, und nur in den Fällen, wo es mehrere der Rotten wahrnahmen, wurden die Banknoten und Werthpapiere paketweise zu kleinen Stückchen zerfetzt. Nach diesem ging es ans Verwüsten der Zimmer. Ob es Bett oder Tisch, Spiegel oder Büsten, Stuhl oder Schrank, Canapee oder Piano, Toilette-Gegenstände oderKüchengeräthe, kurzum, was er war, Alles wurde entweder in den Zimmern oder, nach dem Herauswerfen, auf der