Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1871)
- Date
- 1871-05-03
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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368 <§fra$e von der harrenden Menge zukleinen Stückchen zertrümmert, alle Federkissen aufgeschlitzt und die Federn ausgeschüttet, so daß viele Straßen von diesen wie mit Schnee bedeckt erschienen. Die kostbarsten Gegenstände, wie man fie nur in vornehmen Häuser finden kann, hatten dasselbe Schicksal wie das unbedeutendste Gefäß der Küche. Es war Grundsatz, Alles, was sich in einer Zudenwohnung vorfindet, zu zerstören oder zu rauben. Ganze Straßen find bedeckt mit den zerkleinerten Ueberresten einstigen Wohlstandes, mit Glas, Scherben, Papieren, zerrissenen Büchern, und zu Tausenden gähnen ore leeren Fensterhöhlen. Die Dunkelheit ermuthigte nun bald auch Diejenigen, die. sich vor der Scheu des Tages an dem Raube noch nicht becheiligten, den Lebhaftesten Autheil zu nehmen und mit Hilfe von Droschken,, die sich bei jedem Einbruch sofort versammelten, ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen. In den Weinkellern Acht auch heute noch der Wein fußhoch', den man auslaufen ließ. In den großen Spirituslagern ging es nicht besser zu, und hat nach oberflächlicher Berechtigung die Accisenverwaltung einen ungefähren Schaden von 300,000 Rubel, was nur die Accise des zu Grunde gegangenen Spiritus ausmacht. Zerstörung und Raub dauerten bis zum ftühen Morgen des vierten Tages, und kein menschliches Auge wagte es, sich dem Schlafe anzuvertrauen." Auch sind selbstverständlich Menschenleben zu beklagen. „Nach ziemlich authentischen Angaben, dre unsere Zeitungen zwar nie mittheilen," sagt der Referent der „Köln. Zeit.", „beträgt die Zahl der Opfer, die in diesem Aufruhr fielen, 23 Menschen, von welchen sich einige durch übermäßigen Genuß des Spiritus den Tod zuzogen, andere den bei Einbrüchen sich erlittenen Verletzungen erlegen sind, oder durch aus den Fenstern geworfene Gegenstände beschädigt wurden, wieder andere durch das Einschreiten des Militärs getödet und schließliche circa sechs Personen durch während der Plünderung erlittene Mißhandlungen bei Verteidigung ihres Gutes ihren Leiden erlegen sind." Ueber diese Gräuel werden auch der „Voss. Ztg." in einem Privatschreiben von dort haarsträubende Details mitgecheilt. Hiernach ßnd kaum 100 Häuser verschont geblieben. Auch ist es bei der Plünderung und Zerstörung des Eigenthums nicht verblieben. Es wurden auch Menschen erschlagen und verstümmelt, Frauen geschändet. „In allen Vorstädten — heißt es in dem Schreiben — sind alle Judenfamiüen ohne Hemd auf dem Leibe geblieben." Der Berichterstatter erzählt weiter: „Hinter meinem Hofe hörten wrr das Jammern und Rufen von Männern, Frauen Kindern und das wilde Brüllen: „schlagt den Juden, schlagt zu!" Diese Angst, die Verzweiflung, nicht helfen M können, läßt sich nicht wiedergeben. Soldaten und Kosaken machten gemeinschaftliche Sache mit den Griechen und Russen und jihre Offiziere sagten: Plündern uns die Juden das ganze Jahr, warum nicht einmal ein paar Tage umgekehrt!" Von dem Elend, das jetzt in Odessa herrscht» hat kein Mensch eine Idee! Ich ging heute durch mehrere Straßen, die weiß von Bettfedern sind, wo man hinsieht, zerbrochene Tische, Stühle, Divans, Pianinos, Wände und Fußböden eingerissen! Unterwegs begegnete mir ein Weib mit ein Paar Pantofieln in der Hand: „35 Jahxe habe ich gearbeitet, und jetzt ist das Alles, was mir geblieben;" fie weinte nicht, und ruhig, gefaßt sprach sw diese Worte: aber die Ruhe, aus der eine solche dumpfe Verzweiflung sprach, schnürte mir das Herz zusammen! Einer Wöchnerin riß man das zwei Tage alte Kind von der Seite und schlug es mit dem Kopfe gegen die Wand, so daß es sofort todt war. Die Mutter verschied zwei Stunden später. Eine andere Frau wurde von 15-20 Kosaken geschändet. Damen in Equipagen fuhren in den Sttaßen während jener S reuen umher, stiegen in den geplünderten Magazinen lachend ab. Ein glaubwürdiger Mann erzähle mir, er habe selbst gehört, wie die Fräuleins M., Schwägerinnen des Profeffors der Philosophie O., der Bande zeigten, wo sie Wohnungen, Juden gehörig, wußten!" Die Rolle, welche die „Autorität" der Behörden hier gespielt hat, ist geradezu empörend. Besonders wird erwähnt der Generalgouverneur Kotzebue, der seines Vaters — des berüchtigten Dichterlings — ebenbürtiger Sohn. Derselbe verbot am ersten Tage sogar die Absendung von anderen als Handelsdepeschen nach Petersburg. Palästina. Jerusalem, den 23. Nissan. Sonntag, 10. April Abends, hörte man ein jämmerliches Geschrei; was soll das sein? Frauen, Kinder, alte und junge Leute schrien. Acht Armenier waren in das dem Herrn A. Lehren in Amsterdam zugehörige Haus, welches in der Nähe der Armenischen Straße liegt, mit großen Meffern und Kolben eingefallen lind haben in das in diesem Hause befindliche Bethaus, cfrw hdid, Steine geworfen und alle Israeliten, die ihnen begegnet, geschlagen. Einige Israeliten, englische Schutzgenossen, sind verwundet, ebenso mehrere österreich. Unterthanen. Die Armenier riefen: „Gebt uns den Jungen, den ihr gestohlen habt, um dessen Blut zur Bereitung der Mazzoth zu gebrauchen, dann lassen wir euch gehen." Das Geschrei war jämmerlich; es eilten viele Juden nach dem deutschen, englischen und österreichischen Eonsulat, wie auch nach der türkischen Polizei, aber von dieser letzter» ist weni^ Hilfe zu erwarten, man sendete einige Kawaffen t Polrzeidiener), dieselben aber haben von den Armeniern Backschis *) bekommen. Der englische und der österreich. Kanzler wollten gar nichts davon wissen; elfterer ist ein großer Judenfeind und letzterer (V.-Consul) ist auch ein Armenier. Es blieb also den Glaubensgenossen nur noch das Kaiserl. Deutsche General-Confulat übrig, welches auch zu jeder Zeit bereit *) Trinkgelder.