Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1871)
- Date
- 1871-05-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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360 statt des Reichthums ihrer Begründer deren religiösen Jndifferentismus ansieht. Sie wird nur an Feiertagen und dann nur sehr spärlich besucht. Die jüd. Todten werden auf einem eigens dazu bestimmten Theile des christl. Friedhofes beerdigt. Der Religionsunterricht beschränkt sich auf eine Vorbereitung der Knaben zur Bar Mizwah, die aber zu originell ist, um unerwähnt zu bleiben. Da der Unterricht gewöhnlich so spät beginnt , daß der Knabe vor seiner Bar Mizwah das Hebräisch-Lesen nicht mehr erlernen kann, so schreibt ihm der Herr „Lehrer" die rvzne und die nzna zur mm mit französischen Buchstaben nieder, was dann von dem Knaben gut auswendig gelernt und selbstverständlich zur Zufriedenheit vorgetragen wird!'. Die Leute selbst führen, da sie zumeist aus dem Elsaß stammen, ihre Küche rc. streng jüdisch, aber meist aus bloßer Gewohnheit. Der Sabbat wird öffentlich entweiht. Wie traurig es aber selbst mit jener alten jüd. Cardinattugend, dem ion nfrsx bestellt ist, welcher selbst diejenigen unj serer deutschen Glaubensgenossen, die deren beiden > Schwestern der ~m>n mm längst den Rücken gekehrt j haben, dennoch mit unverbrüchlicher Treue anhangen,! das hat das Verhalten der hiesigen Gemeindemitglreder j gegen unsere Soldaten gezeigt. Ilm ersten Peßachabend! ich hatte noch nicht die Nachricht erhalten, daß deutscherseits für die Verköstigung der Soldaten gesorgt werde — nahm nach beendigtem Gebete ein einziger unbemittelter Mann einen Soldaten mit sich nach Hause. Einen zweiten ließ ich für meine Kosten speisen, und die anderen blieben säuuntlich nngeladeue Gäste. Ein Mann, den ich darauf aufmerksam machte, drückte mir sein Bedauern darüber aus, daß er keinen Soldaten mit nach Hause nehmen könne, weil sein kleiner Junge sich vor den Uniformen fürchte. Diese Furcht war aber den folgenden Tag, als ich demselben Mann Bezahlung zu versprechen in der Lage war, derart geschwunden, daß er sofort 6 Soldaten während der ganzen Feiertage an den Tisch nahm. Solche Handlungsweise thut sehr weh, schmerzt um so mehr, wenn sie an einem Abend geschieht, wo sich derselbe Familienvater mit den Worten vv'i m' pem bv an den Tisch setzt, und dabei kein Gefühl für das ditsk imvro rtw hat. Nach dem Gesagten wird man es in der Ordnung finden, daß ursprünglich 6 Frcs. ä Person pro Tag verlangt wurde, und daß es erst eines menschlichen Rührens bedurfte, um sich mit 5 Frcs. zu begnügen. Die hierfür gelieferte Kost war allerdings zur Zufriedenheit; was aber etwa ein Soldat außer derselben verlangte, mutzte er selbstverständlich baar bezahlen. Dieses ungastliche Entgegenkommen war der einzige Mißion, welcher die gesellige Festesfeier unserer Soldaten störte. Hoffentlich sind die anderen französischen Gemeinden den Soldaten, welche sie während der Festtage in ihrer Mitte hatten, in einer freundlicheren Weise entgegengekommen. 9! u ß l a ti d. Odessa, im April. Während der Osterfeiertage bildete Odessa, wie bereits kurz gemeldet wurde, den Schauplatz eines Scandals, der die wüste Rohheit des russischen Pöbels, die Ohnmacht der russischen Civil- und Militärbehörden wieder eimnal klar zu Tage treten ließ. Die grauenhaftesten Scenen mittelalterlicher Unduldsamkeit und Barbarei spielten sich ab, ohne daß ernstlich eine Intervention auch nur versucht worden wäre. Eine Schaar müssiger Gassenjungen konnte es, von dem Beifalle einer Menge, in der alles Rechtsbewußtsein erstorben scheint, ermuntert, bei der passiven Assistenz einer indolenten Soldateska fast ungestört und ungestraft wagen, von Straße zu Straße, von Haus zu Haus Zerstörung und Plünderung, ja selbst Mord zu tragen. Welch Elend spricht aus den Trümmern. Gerade die Aermsten unter der Israel. Bevölkerung sind es, die am härtesten betroffen wurden. Von ihren ärmlichen Hütten stehen nur die vier Wände; Fensterkreuze und Thüren sind zerschmettert, Tische und Betten liegen zersplittert auf den Straßen, und die Bettfedern fliegen in der Luft umher. Der Hergang der Sache ist nach einem glaubwürdigen Bericht, welchen die „N. fr. Presse" enthält, ungefähr der folgende: Man erzählte sich, daß einige israel. Studenten eine todte Katze auf den Altar der griechischen Kirche geschleudert hätten; Andere verbreiteten das Gerücht, daß ein Kreuz von ihnen mit Steinen beworfen worden sei. Mehr brauchte es nicht, um am Ostersonntag zu Mittag damit beginnen zu können, daß (in der Nähe der griechischen Kirche) die Juden geprügelt wurden. Da dies indes; zu den alljährlichen Oslervergnügungen des russischen Pöbels gehört, so legte man darauf kein besonderes Gewicht. Die Prügeleien mehrten sich aber unb traten an verschiedenen Orten gleichzeitig auf. Jetzt wäre es an der Zeit gewesen, energisch aufzutreten , die Gefangennehmung einiger Gassenjungen hätte die Gährung im Keime erstickt. Doch nichts von alledem. In unverzeihlichem Leichtsinne ließ man den Dingen ruhig ihren Lauf, ließ man die anfänglich kleine Rotte sich zu großen Menschenmassen ansammeln, und Tags darauf, Montag Nachmittags, begann das Werk der Zerstörung wieder und in größerem Maße. Auf dem alten und neuen Bazar hatte das Volk schon tagsüber Scandal auf Scandal gehäuft, jetzt sammelte man sich in der Jndengafse und zog von Haus zu Haus, Fenster und Thüren einschlagend. Dies dauerte fast ununterbrochen bis Mittwoch früh. In der Judengasse blieb kaum eine Scheibe ganz. Selbst die höchsten Fenster des Tempels wurden eingeschlagen. Stündlich wuchs der Uebernmth. Um 7 Uhr