Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1871)
- Date
- 1871-05-03
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Abends wälzte sich der Haufe heulend und pfeifend vor das Haus Rafsalovich's (eines der ersten dortigen Banquiers) in der italienischen Straße, unweit vom Boulevard. Die großen Spiegelscheiben des schönen Gebäudes wurden ohne Ausnahme zerschlagen. Die Menge drang ins Haus, in's Comptoirdie schweren Geschäftsbücher, Rechnungen, Copien — Alles flog zum Fenster hinaus, wurde unten unter Hurrah's in Empfang genommen und dort in kleine Stücke zerrissen. Die ganze Straße war förmlich besäet mit Contocorrenten, Noten und verschiedenen Copien. Auf dem alten Bazar waren gleichzeitig die Buden umgestürzt und gänzlich ausgeplündert worden. Schlimmer noch ging es am neuen Bazar zu, wo inan sich vergeblich bemühte, die Menge durch Feuerspritzen auseinanderzujagen. Eure bewaffnete Macht, die bei einiger Energie dem Treiben gewiß Einhalt gethan hätte, ließ sich nicht sehen. Eine Schnapsbude nach der anderen war unter Hurrah gestürmt worden und der Much der Rotte mit der Erkenntniß der Straflosigkeit gewachsen. Die Ereignisse von Dienstag waren nur die natürliche Folge einer übelberathenen Obrigkeit. Paris hat seine Revolution, Bukarest und Gatacz Krawalle, so raisonnirke man hier, wrr wollen auch einen Scandal machen. Am Dienstag gab es kaum eine Straße, in der nicht zerstört oder geplündert wurde, alle Ordnung schien aufgelöst, das Militär wurde verhöhnt, Kosaken von den Pferden gerissen, lawinengleich wälzte sich das Verderben von Stadtviertel zu Stadtviertel und kannte schließlich auch keine Schonung mehr für das Menschenleben. Einzelne Häuser, wie die von Schiffmann, Barschansky, Willentz, sind von Grund aus zerstört- Barschansky hatte, sein Leben vertheidigend, auf die Menge geschossen und einen dieser Lumpen getödtet. Schiffmann liegt zu Tode verwundet im Spital, bei seinem Hause wurde vor den Augen des Schreibers dieser Zeilen ein Kosak erstochen, und die Menge rief: „Hurrah, es ist ja nur ein Kosak!" Die Federn aus zerrissenen Betten lagen dort 3 bis 6 Zoll hoch auf der Straße, und circa 30 Mann Soldaten sahen zu, wie ein Strolch unter dem Jubel des Pöbels ein Clavier auf den Balcon schleppte, um dem untenstehenden Officier zum Hohne es hinabzuftürzen. Die italienische, die Richelieustraße, das ganze Stadtviertel, das durch die Judenstraße durchkreuzt wird, ist mit beispiellosem Vandalismus verwüstet; bis in die unmittelbare Nähe des Boulevards drang man vor, und auf dem Katharinenplatze wurde geplündert. Zwei Wagen mit Steinen beladen fing man auf dem Wege zu Ephrussi auf, dessen Haus nur durch die Lage auf dem Boulevard, wo die Kosaken patrouitlirten, vom Verderben gerettet wurde. Die Quarantain hatte man rechtzeitig gesperrt und dadurch verhindert, daß die Matrosen nicht allzusehr mit eingreisen konnten, aber die Buden am Hafen, die tiefer gelegen sind als die übrige Stadt, liegen gänzlich in Trümmern; die Straßen sind dort unpassirbar, da zerbrochene Möbel, Thüren und Fenster die Passage überall sperren. Auf dem Boulevard hörte man nur das wüste Brüllen, das gellende Pfeifen der tobenden Masse, die unten am Hafen ihr sinsteres Werk der Zerstörung vollbrachte. Schrecklich war die Plünderung noch in der griechischen Straße; an anderen Otten trat überall die Zerstörung in den Vordergrund, hier aber war es die Plünderungslust, der Raub, der die Arme zum Einbruch in friedliche Häuser stählte. Es gab da Läden für fertige Kleider, der Pöbel zog sich neue Gewänder an, daneben ein Kappen- und Hutmagazin, die alten Hüte flogen in die Luft, man setzte neue auf, Tuch- und Aianufacturläden wurden gestürmt und die ganzen Waarenvorräthe verheilt, einzelne Stücke Stoffe in der Mitte »auseinandergerissen und so getheilt. Dann ging es in die Deribasowskaja, den „Graben" von Odessa. Dort plünderte man einen Schusterladen, und weil mit jedem Besitze sich auch die Bedürfnisse steigern, so plündeite man noch Uhrmal'er und hing eine gestohlene Uhr in eine gestohlene Weste, um sie später zu drei Rubel an den Manu zu bringen, ttank Schnaps aus rumeuden Fässern tu gestürmten Schnapsbuden und brannte in einer geplünderten Tabaksbude gestohlene Papiros an. Uut) die Polizei? Diese ließ es ruhig geschehen, daß man ihre eigenen Leute vor ihren Augen niederstach, bloß weil eine Ordre aus Petersburg, wo man von der Tragweite des ganzen Ercesses keinen Begriff hatte, untersagt hatte, unter die Menge zu feuern; man j .verhöhnte allgemein die Soldaten, dem Polizeimeister s riß man die Epauletten ab, die Anarchie war vollständig und überall.! Und fragen Sie weiter, was das Publikum bei alledem thak? Ebenfalls nichts! Je fünf oder sechs Maraudeure fielen in ein Haus und plünderten. Hunderte von Menschen sahen ilmen ruhig zu, ermunterten wohl noch die Strolche in ihrem gemeinen Vorgehen. „Nitschewo!“ Zu Deutsch: „Liegt nichts daran!" Das ist das Alpha und das Omega eines echten Russen. Diese passive Haltung einer Bevölkerung, der das Menschenleben noch nicht viel gilt, die den Rechtsbegriff noch nicht erfaßt hat, trägt zurneist Schuld an denvorj gefallenen Gräueln. Seine eigene Person wußte ja I Jeder sicher, der das Kreuz schlug, der ein Heiligenbild! an sein Fenster gestellt hatte. So ging es bis zum 14. April. Da langten endlich größere Truppenmassen mit zwei Wagen voll Ruthen an. Es war endlich die Erlaubniß ertheilt worden, Kanonen unter die Rtt'nschenmassen abzufeuern und dieses Mittel half. Zehn der Rädelsführer wurden, wie man erzählt, standrechtlich erschossen; dies hat Schreck unter die Tu-