Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1871)
- Date
- 1871-05-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XII. Jahrgang. Zweite Beilage zu Rr. 18 des Israelit. Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Frankreich. (Zweiter Bericht von H. Ehrmann, Feld-Rabbiner der Großh. Hess. (25.) Division.) Chaumont, den 17. April. Seit dem 27. März hat unsere Division Standquartiere bezogen, und zwar wie es den Anschein hat, für mehrere Wochen oder gar Monate. Unsere Truppen aber liegen aus einem Unlkreis von 7 Meilen so sehr zerstreut, daß es sämmtlichen Feldgeistlichen, besonders aber dem jüdischen, kaum möglich ist, ihre Berufspflichten zu erfüllen. So liegt z. B. das 3. Jnf.-Regiment aus 28 verschiedenen Orten zerstreut; wollte man nun für die Israel. Mannschaften desselben etwa einen Sabbatgottesdienst veranstalten, so müßten dieselben 3—4 Stunden marschiren. Ein Gottesdienst aber, der erst durch eine derartige Sabbatentweihung möglich ist, kann kaum noch ein solcher genannt werden. Unter diesen Umständen mußte der durch Vermittelung des Herrn Dr. Hildesheimer erlassene Armeebefehl, welcher jüdische Soldaten während der Feiertage gestattete, nahe gelegene jüd. Gemeinden auszusuchen, mit lebhafter Freude begrüßt werden. Für die Israel. Mannschaften unserer Division war Chaumont die nächstgelegene jüd. Gemeinde, woselbst ich schon einige Tage vor den Feiertagen mein Domicil ausschlug. Da es aber unseren braven Soldaten noch nicht bekannt war, daß das Wohlwollen unserer Glaubensgenossen in der Heimath auch für die materiellen Bedürfnisse während der Feiertage Sorge getragen hatte, so ließ sich voraussehen, daß nicht allzuviele sich in Chaumont einfinden würden. Denn es ist in der That für die bei weitem größte Mehrzahl der Soldaten keine Kleinigkeit, 8 Tage lang aus eigene Kosten zu leben. Ich selbst erhielt erst am 1. Peßachtage durch eine vom 3. April datirte Depesche des Herrn Dr. Lehmann die diesbezügliche Nachricht. Wegen der Feiertage konnte ich auch sür's Erste Nichts zur weiteren Verbreitung derselben thun. Ich begnügte mich also, die etwa 20 gegenwärtigen Soldaten bei jüd. Familien unterzubringen, was auch schon deshalb seine Schwierigkeit hatte, weil Letztere nur für den eigenen Bedarf an mao re. von Nancy aus versehen waren, und ein großer Theil nicht einmal diesen gedeckt hatte. Glücklicherweise aber befand sich unter den Soldaten ein Bäcker. Die Versicherung nun, daß nöthigenfalls während der Halbfeiertage neue beschafft würden, bestimmte unsere Glaubensgenossen in Chaumont, gegen eine Vergütung von 5 Frcs. a Person per Tag unsere Soldaten zu versorgen. Diese Nachricht verbreitete sich unter den jüd. Soldaten der in der Nähe umher liegenden Dörfer sehr schnell, und so strömten täglich mehr und mehr herbei, um sich an diesem Beneficium zu betheiligen. Viele mußten aber Chaumont schon nach 2—3tägigcm Aufenthalte verlassen. Ein achttägiger Urlaub ist nämlich im Felde etwas so Abnormes, daß viele Soldaten nicht den Muth hatten, ihn zu verlangen, obwohl er ihnen durch Armeebefehl gesichert war. Manche hatten auch in der That die bekannte kleine Allmacht eines Feldwebels oder Premierlieutenants trotz Armeebefehls nur auf einige wenige Tage beurlaubt, und ein Fall wurde mir sogar gemeldet, wo jeglicher Urlaub verweigert wurde. Der betreffende Soldat ersuchte mich jedoch dringend, die Sache auf sich beruhen zu lassen, da er sonst den Groll seines Feldwebels für die ganze Dauer seiner Dienstzeit zu fürchten habe. Diejenigen Soldaten, welche auf diese Weise verhindert waren, während der ganzen Dauer der Feiertage in Chaumont zu sein, versorgte ich, soweit es eben ging, mit Fleisch und mse. Die übrigen verlebten die Feiertage in einer Weise, die ihnen nach ihrer eigenen Versicherung die Peßachtage zu den schönsten des ganzen Feldzugs machte. " Wir versammelten uns täglich zweimal zum Gebete in der hiesigen Synagoge, die von den eigenen Gemeindemitgliedern nur sehr spärlich, um so reichlicher aber von Soldaten besucht war. An unserem Gottesdienste sowie an der gewährten Beköstigung betheiligten sich besonders Mannschaften des 1. und 3. Großh. Hess. Inf. - Regiments, des hannöv. 79. Inf. - Regiments, des 10. hannöv. Jägerbataillons, des 3. Westphäl. Inf.-Regiments Nr. 16 und des 56. Jnf.-Regiments. Auch die von Hause aus Vermögenden nahmen sämmtlich an der Beköstigung Antheil, was ich um so weniger hindern zu müssen glaubte, als ja deren Angehörigen" zu Hause hinlänglich Gelegenheit geboten ist, durch Spenden die hierdurch verursachten Kosten reichlich zu decken. Ich kann diesen Bericht nicht schließen, ohne noch mit einigen Wotten der hiesigen jüd. Gemeinde uno ihres Verhaltens gegen unsere Soldaten zu gedenken. Die jüd. Gemeinde Chaumont besteht aus circa 20 Familien, die zum größten Theile der vermögenden Elaste angehören. Der reichste Bürger von Chaumont ist ein Jude; bei demselben wohnt gegenwärtig der Commandeur sämmtlicher auf französischem Boden befindlichen Truppen, der Chef des 10. Armeecorps General v. Voigt-Rhetz. Die Gemeinde besteht erst seit einigen Jahren als solche und besitzt eine Synagoge, der man