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Der Israelit · 1871-05-03 · Heft 18 (3.5.1871) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 18 (3.5.1871)
Date
1871-05-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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!Erste Beilage zu Nr. 18 des Israelit. Leitender Artikel. IZie politischen und socialen Verhältnisse \ba Juden nach amerikanischer Auffassung. (Nach dem Mag. s. d. Literatur des Auslandes.) Unter dem Titel „Unsere israelitisch eu Brüder" enthält die Bostoner Zeitschrift „Atlantic Monthly“ ein Essay, das gewissermaßen eine Schutzschritt der Juden gegen diejenigen ist, welche die socialen Mißstände, die sich unter ihnen finden, ihrer Religion und ihrem Nationalcharacter Schuld geben. Der Verfasser Herr James Parton, beginnt mit einer Schilderung der Verluste, die es den Juden gebracht, daß sie während der ganzen Zeit, wo sie unter christlichen Völkern verstreut leben, genöthigt waren, an sämmtlichen christlichen Feiertagen ihre gewerbliche Thätigkeit ruhen zu lassen, während sie gleichzeitig ihre Sabbattage und Feste durch Enthaltung von jeglicher Arbeit feierten. *) „Hätten jedoch," fährt der Verfasser fort, „dieJuden selbst schon vor tausend Jahren sich entschlossen, den Sabbat auf den Sonntag zu verlegen, so würde ihnen dies doch wenig geholfen haben. Die ganz Europa umhüllende Nacht des Aberglaubens war zu groß. Sie gestattete keinem Juden in irgend einen: Lande der Christenheit eine Scholle Erde, die er bebauen konnte. Er durfte keiner Handwerkerzunft angehören, kein Meister nahur einen jüdischen Lehrling auf. Ein Jude ward weder zu Schulen noch zu Universitäten zugelassen; er konnte, da ihm die Gelegenheit zur Ausbildung entzogen ward, kein Künstler werden und wäre er es selbst geworden, z. B. Maler, und wäre selbst anzunehmen gewesen, ein christlicher Fürst hätte seine Bilder kaufen wollen, was hätte er malen sollend In jenen Zeilen gab es nur zweierlei Bilder, bei denen man Geld und Ruhm erhoffen konnte: Scenen ans dem Neuen Testamente und schlüpfernge Darstellungen aus der griechischen und römischen Mythologie. Erstere Stoffe konnte ein Jude nicht behandeln, letztere wollte er nicht malen, denn die Juden haben, so tief man sie auch herabgewürdigt, immer die Keuschheit des Herzens und der Seele bewahrt, welche ihnen derartige Gegenstände ver¬ *) Holland ist das einzige Land der Welt, wo man aus Achtung der Gewissensfreiheit die Juden nicht zwingt an den christlichen Sonn - und Feststagen ihre Arbeiten ernzuftellen. Selbst die nordamerikanischen Freistaaten haben sich zu dieser Achtung der religiösen Freiheit nicht erheben können. abscheuungswürdig erscheinen läßt. Ein wahrer Jude ist durch das sehr eindringliche Gebot seiner Religion über den Werth einer reinen Seele und eines unbefleckten Körpers belehrt, und bis auf den heutigen Tag sind die sieben Millionen Juden des Erdballs wahrscheinlich die keuschesten Menschen, welche denselben bewohnen." Dieser letzteren Behauptung des Verfass«^ möchten wir doch nicht so ganz unbedingt beistimmen; wenigstens wird derjenige, welcher das Leben und Treiben der jungen jüdischen Handlungsbeflissenen und namentlich der „vergoldeten Jugend" in deu größeren und kleineren Städten Europas und Amerikas beobachtet, zu einem anderen Schlüsse gelangen. Freilich haben diese jungen Leute vonr Judenthum gewöhnlich nichts als äußere unangenehme Manieren, und die Lehren der Religion, der sie durch die Geburt angehören, sind ihnen ebenso frenid, wie die des Christenthums. mit dem sie liebäugeln. Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu dem Auftatze zurück. Parton bespricht die Verfolgungen, denen die Juden das ganze Mittelalter hindurch in allen Ländern ausgesetzt waren. Fallen diese Grausainkeiten, diese eigentlichen Judenhetzen, die Schlächtereien und Scheiterhaufen auch vornehmlich dem Katholicismus zur Last, so ist der Protestantismus doch keineswegs ohne Schuld gegen sie. Zum Beweise dafür führt der Verfasser nur ein Beispiel an, aber es ist schlagend: die sieben Vorschläge, welche Martin Luther für die Behandlung der Juden gemacht hat. Er empfiehlt darin, ihre Synagogen und Schulen zu verbrennen und zu zerstören, ihre Häuser zu verbrennen und ihnen ihre Wohnungen in Ställen anzuweiscrr, ihre Lehrbücher und den Talmud zu vernichten, den Rabbinern bei Strafe das Lehren zu verbieten, ihnen jeden Schutz auf der Landstraße zu versagen, da sie weder Ackerbauer, noch Handwerker, noch Kaufleute sind und draußen nichts zu suchen haben; endlich allen jungen kräftigen Juden und Jüdinnen Handwerksgeräth, Grabscheit und Spindel in die Hand zu geben und sie zur Handarbeit zu zwingen — zur Handarbeit, zum Ackerbau, zu Gewerben, für deren Ausübung ihnen jede Möglichkeit abgeschnitten war; verboten doch sogar viele Länder den Juden das Halten christlicher Dienstboten. „Doch wir haben gegen die Juden noch weit schwerer gesündigt, als durch Mord und Folterqualen," fährt der Verfasser fort. Derartige Verfolgungen, so grausam und entsetzlich sie sich gestalten mögen, sind doch immer vorübergehend, das viel größere Unrecht, das die Christen gegen ihre jüdischen Mitbnider aus sich geladen, ist die Verachtung, welche sie ihnen durch Jahrhunderte bewiesen, das Brandmal der Schande, das man ihnen

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