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Der Israelit · 1871-05-03 · Heft 18 (3.5.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 18 (3.5.1871)
Date
1871-05-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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850 halte, nach Hause zurückgekehrt. Als Mirjam ihren Spaziergang beendet hatte und in ihrem prachtvollen Pelzrock ins Zimmer ttat, erblickte sie zu ihrem nicht geringen Schrecken ihren Gatten. Dieser sprang auf und rief: „Mirjam, was ist das"? Woher diefer.Pelzrock, der Vollkommen dem der Fürstin gleicht T‘g- Die junge Frau fing an zu weinen.^ „Mirjam, Mirjam," rief Nathan, „was hast Du mir da gelhan! Du wirst den Zorn der Fürstin aufs Aeußerste gereizt haben! O, über Deine Eitelkeit, die Dich und mich und unser Kind ins Verderben stürzen wird!" Mirjam hatte sich gefaßt. „Geliebter Mann," sprach sie, „was ist's denn weiter, was habe ich denn Schlimmes gethan?" „„Schlimmes? Nichts, was ein wirkliches Unrecht wäre; aber Du reizest den Zorn der Fürstin; Du gibst meinen Feinden willkommnen Anlaß, mich beim Fürsten zu verdächttgen. Ach, wir Juden leben einmal in einem rechtlosen Zustande, sind jeder Willkür preisgegeben! Mir ahnt nichts Gutes. Der Fürst ist seit einiger Zeit sehr Angnädig gegen mich, mißtrauisch und reizbar!" -Sie redeten noch miteinander, als ein fürstlicher Diener ein Schreiben brachte. „Was wird es sein?" fragte Nathan. „Gewiß wird mich der Fürst zur Verantwortung ziehen wegen der Eitelkeit meines Weibes." "" „„Es wird nicht so schlimm werden,"" tröstete Mirjam, „„öffne doch den Brief."" Es schien in der That nicht so schlimm zu sein. Der Brief enthielt eine Einladung zum heute Abend stattfindenden Hofballe. Der Hofagent sollte nicht nur mit seiner Frau erscheinen, auch das Kind sollte mitg^bracht werden, da in einem Schäferspiele der reizende Knabe mitfiguriren müffe. „Siehst Du wohl," rief Mirjam, „es hat nichts zu bedeuten! Im Gegentheile, man will uns ehren. Ach, wie schön wird das sein inmitten der vornehmen Gesellschaft!" Nathan schüttelte das Haupt; er konnte nicht begreifen, warum man ihn gerade jetzt, da sein Stern im Sinken war, zu einem Hoffeste lud. Als am Abend Nathan und seine Frau und das Mädchen, welches das Kind trug, am Portale des Schlosses erschienen, empfing sie Hans Gericke, der Haushofmeister des Fürsten. „Herr Hofagent," sagte er, „ich habe Auftrag, Sie und Ihre Frau und das Kind in das Gemach zu führen, in welchem Sie den Anfang des Festes erwarten sollen. Das Mädchen darf ich nicht einlaffen." Mirjam nahm beftemdet ihr Kind und schickte das Mädchen nach Hause zurück. Hans Gericke führte die zum Feste geladenen Gäste zu ihrem Erstauneu in einen entlegenen Theil des Schlosses in ein düsteres, von einer Oellampe nothdürftig erhelltes Gemach. „Was soll das bedeuten, Hans?" ftagte Nathan, „warum führt Ihr uns hierher? „Es geschieht," entgegnete dieser, „auf den ausdrücklichen Befehl Seiner Durchlaucht." „Wir wollen heimkehren," sagte Mirjam, das Kind fest an sich drückend, „mir wird so angst." „Ja," sagte Nathan, „wir wollen nach Hause gehen." Bei diesen Worten schritt er der Thüre zu; aber Hans stellte sich vor dieselbe. „Ich darf Sie nicht gehen lassen, Herr Hofagent," sagte' er. „Ich bitte Euch;, Hans," rief Nathan ängstlich, „sagt mir doch, was bedeutet das Alles?" In diesen! Augenblicke öffnete sich die Thüre, und die Fürstin ttat am Arme des Junkers von Schwarzenstein in das Gemach. „Ach," sagte die Fürstin, „da ist ja die schöne Jüdin, 'die so hübsch meine Toilette nachahmt! Seid willkommen zum Feste, das ich Euch bereitet habe." „Gnädige Fürstin," rief Nathan, „was bedeutet das Alles?" „Das bedeutet," rief der Junker mit rohem Lachen, „daß Du hier mir Weib und Kind tanzen sollst." „Und einen Kuß werdet Ihr erhalten, Nathan," fügte die Fürstin hinzu, „einen Kuß, von dem Euch Hören und Sehen vergehen wird, einen Jungfernkuß!" Nathan schrie laut auf. Kennst Du, lieber Leser, jene furchtbare Mordmaschine, die man „die eiserne Jungfrau" nannte? Nichtsahnend wird der zum Tode Verurteilte in ein Gemach geführt; sobald er es bettitt, öffnet sich der Boden unter ihm und er sinkt hinunter ins Burgverließ, wo eine eiserne, mit tausend Messern und Dolchen besäete Figur ihn umarmet und den eben noch Lust und Leben Athmenden in eine formlose Masse verwandelt. Die Figur heißt „die eiseme Jungfrau" und ihre Umarmung der Jungfernkuß. — Weißt Du nun, lieber Leser, weßhalb bei den schrecklichen Worten der Fürstin Nathan aufschrie in wahnsinnigem Schmerze? Er stürzte der Fürstin zu Füßen und ries: „Gnade! Gnade für mein Weib, für mein unschuldiges Kind!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Vellage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.

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