Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1871)
- Date
- 1871-05-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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847 zumalen. Kurz wenn das Gesetz von 1847 dem Despotismus Vorschub leistet, so war jedoch früher Anarchie an der Tagesordnung. Nach meiner geringen Meinung ist selbst Despotismus noch immer besser als Anarchie. In Nr. 10 und 11 des „Israelit" tritt der Herr Correspondcnt aus Berlin nochmals für seine Meinung in die Schranken. Er meint unter Anderem, in der Vergangenheit haben in Städten und Dörfern eine bis fünf Familien gelebt und war ihnen kein Geld zu viel, um sich einen Jugendlehrer, anutr nnd eine mpo zu verschaffen und nun fragt er: „Sollten wir das heute nicht inehr können?" Ich antworte: Abgesehen, daß der Herr allerdings von einer längst entschwundenen Vergangenheit spricht, bedarf seine Angabe auch für jene der Berichtigung. Häufig entbehrte man damals deswegen nicht der mpo, weil man sich entschließen kounte, das Eis eines Teiches aufzubrechen, um ihn als mpn zu benutzen; behalf man sich wirklich ohne armer, weil man es vermochte, »ich Tage lang den Genuß des Fleisches zu Verlagen, bis man solches bisweilen aus der nächsten nbnp bezog. Wie aber heute?— Des Lehrers entbehrte wan wirklich garj?ft, wenn es nicht manchmal gelang, ein verkommenes ^ubject als onw, Lehrer ic. zu acquiriren, welches besser gewesen wäre zu entbehren. Und wie? War denn früher kein Steuerzwang? — Nun aber die Kehrseite der Medaille! Nicht an allen Orten und nicht für immer stehen Männer, die mit dem orthodoxen Judenthume gebrochen, an der Spitze der Gemeinden, ja und selbst solche sind nicht immer gewillt, ihre Ansichten Anderen gewaltsam auszudrängen. Der Herr Correspondcnt aus Berlin predigt den kleineren Gemeinden hohe Opferwilligkeit. Thue er dies den größeren, und diese sind geborgen trotz des Fortbestehens des Gesetzes von 1847. In großen Gemeinden werden die Orthodoxen immer eine entsprechende Anzahl Gleichgesinnter finden, um sich zu einer besonderen Gemeinde zu constituiren und riskiren sie sonst Nichts, als höhere Geldopfer, nämlich eine doppelte Steuer, an die Hauptgemeinde und an ihre eigene, während das Fortbestehen der kleinen Gemeinden in Frage gestellt ist. Doch der Correspondent vertröstet mit der Aussicht auf die Unterstützung des Gcmeindetages oder eines zu bildenden Verbandes orthodoxer Gemeinden. Wohl, warten wir vorerst, bis sich dies realisirt haben wird. Hier gilt der Ausspruch unserer Alten: \b D’ans o'^nw m: 'v ms ■pBen ert oder das gemeine deutsche Sprichwort: „Man gieße kein unreines Wasser aus, bevor man reines hat". Ich kann zur Beschwichtigung der ausgesprochenen Besorgniffe durchaus Nichts finden, als etwa die Phrasen: „Man sehe zu schwarz," „die Schilderung fordere auf zum Lachen" u. dergl. m. Solche wohlfeile Redensarten können es aber nicht thun. Befremdlich klingt im Munde des Herrn Correspondenten die Frage: „Meinen Sie wohl. daß heute noch solche Zustände eintreten können?" Aber der Herr hat ja eben erst die Zustände früherer Zeiten als Muster aufgeführt! Ich, meines Theiles, bleibe daher der festen Ueberzeugung, daß es im Jntereffe der meisten Gemeinden liege, für die Aufrechchaltung des Gesetzes von 1847 im Allgemeinen einzustehen und nur für Revision, resp. Abänderung einzelner Paragraphen zu stimmen. Bezugnehmend auf meine Correspondenz vom Mar des Jahres 1870 in Nr. 20 dieses geschätzten Blattes theile ich Ihnen mit, daß die Königl. Regierung in Oppeln auf Grund der Vorstellungen des Synagogenvorstandes zu Sohrau (O. - Schl.), im Beschwerdewege beim Cultusministerium, veranlaßt worden ist, das Revisorat über die jüdische Gemeindeschule nicht, wie sie beabsichtigte, dem evangelischen Pastor, sondern dem dortigen Ortsrabbiner, Herrn David Deutsch, zu übertragen. A Frankreick. Militä rische Briefe yon einem jüdischen Freiwilligen. V. Orleans, Schuschan Purim *) 5631. Es war in der eisten Hälfte des Monats, den der jüdische Kalender mit nnoea pma roth angestrichm hat, aber ich konnte nicht so recht ftoh werden. Wir lagen in der Nahe von Tours und wußten nicht, geht es vorwärts oder rückwärts. Der letzte Termin des Waffenstillstandes sollte gerade zu Ende gehen, wir aber lagen noch immer ruhig in unserem freundlichen Dörfchen.' „Was wird dieses Jahr aus unserem Purim werden!" sagte ich zu einem befteundeten Waffengefährten. „Geht der Krieg von Neuem los, so daß wir vorwärts müssen, dann geht der Purim ohne Zweifel in die Brüche, denn dann gibt es D'^n ot statt crajj; dt; geht es aber heimwärts, dann sind wir Purim auf dem Marsche und über der Freude, daß wir uns endlich auch einmal rückwärts concentriren, dentt Niemand an den Purim; bleiben wir aber hier liegen — „ „Dann werden wir unseres Purim erst recht nicht ftoh,"" fiel nur mein Freund mißmuthig in die Rede, „„weil wir dann immer auf dem Qui vive sein müssen." " Mich stimmte diese Betrachtung auch ein wenig wehmüthig. „Wie hatten wir sonst," sagte ich zu meinem Gefährten, „und besonders voriges Jahr, den Purim so urgemüthlich gefeiert! den Haman sogar ließen wir — natürlich 50 Ellen hoch — leben (?) und stellten unsere weisen Bettachtungen darüber an, wie im Gegensatz zu anderen Sterblichen bei Haman nicht die Höhe *) Unlieb verspätet.