Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1871)
- Date
- 1871-04-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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314 erhalten und eine für das Land nützliche Verwendung finden wird. Odessa, 12. April. Während der russischen Osterfeiertage plünderte der Pöbel drei Tage lang die Häuser der Juden. Die Läden und Comptoirs wurden gewaltsam erbrochen. Ein allgemeiner Schrecken hat sich aller jüd. Einwohner bemächtigt. Dieselben haben enormen Schaden erlitten. Die Behörden sind anscheinend machtlos. Eine Wiederholung der Excesie wird befürchtet. Rumänien. Den Juden in Verlad wurde nach dem „Echo Danubien" verboten, die Thiere nach rituellen Vorschriften zu tödten resp. zu schächten. (Eine neue Form des Rifchuß!) Feuilleton. Der Irrenarzt. (Nach Hamagid Nr. 14.) In der Residenz eines deutschen Staates wohnte ein jüdischer Arzt Namens Salomon, der sich namentlich mit der Seelenheilkunde beschäftigte. Wiewohl der junge Arzt sich ein ungemein großes Wissen erworben hatte, so war seine Praxis doch noch unbedeutend; es war namentlich die ärmere Klasse der Bevölkerung seines Wohnorts, die seine Hilfe in Anspruch nahm und der er in uneigennützigster Weise diente. Eines Tages war Dr. Salomon in die Vorstadt zu einer armen Wöchnerin gerufen worden, der Noth und Mangel die Sinne verwirrt hatten. Wohl sah der geschickte Arzt ein, daß hier die Beschaffung von kräftigen Speisen und Getränken, von guter, gesunder Wohnung und andern nothwendigen Lebensbedürfnissen da- Beste thun würde, allein er selbst war arm und unbekannt im Kreise der Reichen, so daß er in dieser Weise nicht zu helfen vermochte. In Gedanken vertieft durchschritt er das Gehölz, welches die Stadt von der Vorstadt trennte, um nach seiner Wohnung zurückzukehren. ES war im Spätherbst; ein kalter Regen strömte hernieder, rauh wehte der Nordwest und schon neigte sich der Tag dem Ende zu. Während Dr. Salomon so dahinschritt, kam plötzlich ein junges Fauenzimmer auf ihn zu, deren Haltung und Anstand mit ihrer ärmlichen Kleidung im Widerspruch zu stehen schien. „Mein Herr," redete sie den Arzt an, „ich möchte Sie um eine große Gefälligkeit ersuchen; ich habe meine Gesellschaft aus den Augen verloren und fürchte mich, in so später Stunde allein nach Hause zurückzukehren. Hätten Sie wohl die Gewogenheit, mir Ihre Begleitung und Ihren Schutz zu gewähren?" Dr. Salomon gewährte die Bitte und begleitete das Mädchen, das, nach seiner Art sich auszudrücken, den gebildeten Ständen anzugehören schien. Der Weg führte in den elegantesten Theil der Stadt, und als man vor dem Palaste der Prinzessin Wilhelmine angekommen war, erklärte die Fremde, daß sie hier zu Hause sei. Dr. Salomon wollte sich nun entfernen, aber die Fremde bat ihn inständigst, ihr in das HauS zu folgen. Es war ein prachtvoller Palast, in welchen Dr. Salomon eintrat. Diener in reicher Livree eilten seiner Begleiterin entgegen und begrüßten sie ehrerbiettg. Dann wurde der Arzt in ein wohldurchwärmteS, elegant ausgestattetes Gemach geführt, während die Dame sich zurückzog, um ihre durchnäßten Gewänder gegen trockene zu vertauschen. Bald erschien ein Diener, welcher den Dr. Salomon ersuchte, ihm in das Gesellschaftszimmer zu folgen. Hier fand sich der Arzt inmitten der höchsten Aristokratie des Landes; Prinzen, Fürsten, Minister und vornehme Offiziere umschwärmten die schöne, liebenswürdige, junge Herrin des Hauses, die Prinzessin Wilhelmine, dieselbe, welche Dr. Salomon vor einer halben Stunde nach Hause begleitet hatte; sie hatte schnell Toilette gemacht und glänzte in der Fülle der Jugend, des Reichthums und der Schönheit. Die liebenswürdige Herrin des Hauses stellte den jüdischen Arzt den Anwesenden vor, und dieser mischte sich ohne Verlegenheit unter die Gesellschaft und verkehrte mit all den vornehmen Herren und Damen, wie' wenn er sich von Jugend auf in diesem Cirkel bewegt hätte; seiner seinen Beobachtungsgabe bot sich hier Stoff in Hülle und Fülle, und der Erforscher des menschlichen Seelenlebens nahm begierig Notiz von all den Thorheiten und Vorurtheilen, die hier offen zu Tage traten. Mit Aufmerksamkeit hörte er dem Gespräche einiger Cavaliere zu, welche mit einem Ernste, wie wenn das Wohl des Vaterlandes davon abhinge, die Vorzüge einer englischen Buldogge erörterten; dagegen wurde der bürgerlichen Mitmenschen mit einer Geringschätzung gedacht, von der Dr. Salomon nie zuvor eine Ahnung gehabt hatte. Die Stunde des Abschiedes kam, und der jüdische Arzt wurde von der Prinzessin freundlichst eingeladen, ihr Haus so oft als möglich zu besuchen.