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Der Israelit · 1871-04-19 · Heft 16 (19.4.1871) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 16 (19.4.1871)
Date
1871-04-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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315 Von diesem Tage an ward der Ruf des vr. Salomon begründet; er kam in die Mode. Von allen Seiten begehrte man seinen Rath und seine Hilfe. Die vornehmsten Leute luden ihn in ihre Häuser und Gesellschaften; er machte aber den bescheidensten Gebrauch davon; auch die Prinzessin besuchte er sehr selten. Nach Verlauf eines Monats erhielt er aber eine dringende Einladung von dieser; er dürfe nicht ablehnen, schrieb die Prinzessin; sie sei ihm noch Aufklärung schuldig über Manches, was ihm habe auffallen müssen. Es war ein wundervolles Fest, daS im Haufe der Prinzessin Wilhelmine war veranstaltet worden. Die Säle erglänzten in Tausenden von Gasflammen, alle Treibhäuser der Residenz schienen ihre kostbarsten Blumen geliefert zu haben. Die Elite des Landes war hier versammelt, die vornehmsten Herren, die schönsten Damen. Aber Alle überstrahlte an Schönheit und Reichthum Prinzessin Wilhelmine, und sie, die Hochgeborene, Vielumworbene, ließ all die Herren in ihren goldgestickten Uniformen und wandte sich dem jüdischen Arzte zu, ihn bittend, mit ihr den Ball zu eröffnen. Aber vr. Salomon lehnte bescheiden ab; er tanze nie, sagte er. Nach dem Balle folgte das Souper, vr. Salomon setzte sich zwar zu Tisch, aber er aß und trank nicht. An der Tafel wurde es immer lebendiger; der Wein fing an, den Gästen zu Kopfe zu steigen. Da erhob ein junger Offizier, Prinz Ferdinand hieß er, sein Glas und rief: „Auf daS Wohl unserer schönen Wirthin, Ihrer Hoheit der Prinzessin Wilhelmine! Hier bringe ich ihr meine Huldigung und die hundert Thaler, um die wir gewettet haben. Sie hat die Wette gewonnen, sie hat einen Juden in ihre Gesellschaft eingesührt; sie lebe hoch!" Dieser Toast erweckte große Heiterkeit, die Gläser klirrten aneinander und Alles pries den hohen Muth der Prinzessin; auf vr. Salomon waren Aller Blicke gerichtet; dieser war leichenblaß geworden, und der Helle Zorn funkelte aus seinen weitgeöffneten Augen. Die Prinzessin nahm die hundert Thaler, die ihr der Offizier anbot und sagte kaltblütig zu dem Juden: „Mein Herr Doctor, Sie scheinen die Physiognomik noch nicht hinreichend ftudirt zu haben, da Sie bis jetzt noch nicht bemerkten, daß wir uns lediglich einen Scherz mit Ihnen erlaubten. Wie konnten Sie nur einen Augenblick lang glauben, daß wir mit einem Juden wie mit einem Gleichgestellten verkehren würden! Doch hören Sie, wie das Alles gekommen ist. Beim Pfänderspiele hatte ich zu bestimmen, was d i e Dame thun sollte, deren Pfand gezogen würde. In übermüthiger Laune legte ich ihr auf, in der Dämmerung vor die Stadt zu gehen, den ersten, besten Mann, der ihr begegnen würde, auszufordern, sie nach Hause zu begleiten und ihn in die Gesellschaft einzuführen. Gleichwie zur Strafe für meinen Leichtsinn wurde mein Pfand gezogen, und Prinz Ferdinand behauptete, ich hätte nicht den Muth, das auSzuführen, was ich Anderen hatte auflegen wollen. Wir weiteten um hundert Thaler. Was nun folgte, wiffen Sie. Und nun, mein Herr Doctor, nehmen Sie diese hundert Thaler zum Andenken an Ihr Abenteuer und leben Sie wohl!" „Hoheit," antwortete der tiefbeleidigte Arzt kalt und ruhig, „Sie irren, wenn Sie meinen, daß ich einen Augenblick daran gezweifelt, daß mein Platz nicht in so hoher Gesellschaft sei. Aber ich bin Irrenarzt; ich habe es zu meiner Lebensaufgabe gemacht, die Thorheiten und den Wahn der Menschen zu studiren, um die Krankheiten der Seele bester heilen zu können. Für die höchsten Kreise der Gesellschaft fehlte mir jede Erfahrung; ich ergriff daher mit Begierde die Gelegenheit, auch in diese Kreise zu dringen und auch hier meine Studien zu machen. Und was ich in diesen Wochen gehört und gesehen habe — soviel Vorurtheil und so vielfach herrschenden Wahn, — eS hat meine Kenntnisse um ein Bedeutendes vermehrt. Ich will Ihnen daher keinen Vorwurf darüber machen, Prinzessin, daß Sie einen achtbaren Mann, der Ihnen in gutem Glauben gefällig zu sein vermeinte, dafür zur Zielscheibe Ihres Scherzes gemacht haben, — im Gegentheil, ich will Ihnen dankbar sein für die Gelegenheit, die Sie dem Arzte geboten, seine Kenntnisse zu erweitern. Auch die hundert Thaler nehme ich; ick werde sie einer unglücklichen Wöchnerin bringen, die durch Mangel und Elend um den Verstand gekommen. Vielleicht verhilft ihr dies Geld zu ihrer verlorenen Gesundheit." vr. Salomon ging stolz von dannen, während die Prinzessin und ihre Gäste ttefbeschämt zurückblieben. Wenige Wochen nachher verkündete das Regierungsblatt die Ernennung des vr. Salomon zum Director der Landes Irren-Heilanstalt, und die Regierung des Landes wurde nicht wenig für diesen Act wahrhafter Toleranz, der einen Juden mit solch hohem Amte betraute, gepriesen. Eingeweihte aber wußten, daß diese Ernennung lediglich dem Einflüsse der Prinzessin Wilhelmine zu verdanken war, welche dadurch das dem vr. Salomon angethane Unrecht wieder gut zu machen gedachte.

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