Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 14-15 (5.4.1871)
- Date
- 1871-04-05
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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300 welt, ist vielen Unannehmlichkeiten ausgesetzt; doch trotz der verschiedenartigsten Unannehmlichkeiten desselben hat er auch viel Angenehmes und viele Freuten; auch ihm ist manche Genugtuung für sein Mühen und Schaffen in seinem Thun und Lassen selbst geboten, und er ist es, der das lohnende Bewußtsein in sich trägt, daß ihm ein wesentlicher Theil, ja ein Hauptantheil an dem Fortschritt, an der Cultur, an aller geistigen Bildung zugeschrieben werden muß. Unsere Ausgabe soll es jetzt sein, die Freuden des Lehrerstandes vor unserem geistigen Auge vorübergehen zu lassen, um zu zeigen, daß wir vollkommene Ursache haben, uns mit unserem Stande zu versöhnen. Das Nächste, was für den Lehrer erhebend und sreudebringend sein muß und wird, ist der Umstand, daß er sieht, wie die ihm anvertrauten Kinder in ihrem Wissen vorwärts schreiten und ihn zu der Hoffnung berechtigen, sie einst als würdige ^nd nützliche Glieder der Menschheit dastehen zu sehen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem es mehr als jemals geboten ist, nicht nur nicht stille zu stehen, sondern stets fortzuschreiten, stets sich mit dem Laufenden im Schritte zu halten. Wir leben in einem Zeitalter, in welchem die Wissenschaft u.rd die Kenntniß die hervorragendste Stelle einnehmen, in welchem sie diejenige Stelle einneümen, in deren Besitz sie noch niemals gewesen sind (?). „Wer nicht Zurückbleiben wi l, den darf auch das Weiterschreiten nicht verdrießen;' wer als Mensch dasteh n will unter den Menschen, der muß eifrig sein, eifrig darin, sich eine Bildung zu verschaffen, oie man heuriges Tages so notwendig hat, und zu welcher der Grund schon in der Schule gelegt werden muß. Es hat daher der Unterrichtsstoff auch für die Volksschule an Umsang zugenommen, und wir dürfen es nicht mehr damit für abgethan halten, wenn das Kind einen Brief zu schreiben, wenn es eine complicirte Rechnung zu lösen im Stande ist. Der Gesichtskreis des Kindes mutz erweitert werden, es muß auch in anderen Fächern, in der Geschichte, in der Naturwissenschaft ein wenigstens allgemeines Wissen erlangen. Uns ist nun die Aufgabe zugefallen, die Kinder in das Reich des Wissens einzuführen, sie auSzuftatten mit Schätzen, die einen ewigen unverlierbaren Werth haben und dadurch das Bewußtsein der sittlichen Größe und Höhe der Menschheit, der Menschenwürde und des Menscheaadels in ihnen zu wecken. Uno wenn nun da der Lehrer in der Schule vor seinen Kindern steht, wenn er sieht, wie sie seinem Worte lauschen, wie sie ihm jedes Wort von den Lippen za lesen suchen, noch ehe es ausgesprochen, wie sie wirklich das Bestreben haben, ihm seine schwierige Aufgabe zu erleichtern, muß ihm das nicht eine der größten Freuden sein, die ihm nur irgendwo geboten werden können; muß ihm das nicht eine Freude sein, die ihm Entschädigung bietet für viele, viele Mißlichkeiten, von denen ja das Leben keines Menschen, und das eines Lehrers gewiß nicht ausgenommen, gänzlich befreit ist? Ja, erhebend ist dieser Gedanke für den Lehrer, erhebend der Umstanv, zu sehen, wie die ihm anvertrauten Kinder im Wissen vorwärts schreiten und durch sein Zuthun und sein Bemühen einst eine würdige Stelle in der menschlichen Gesellschaft einnehmen werden. Und hieran schließt sich denn auf's Engste der zweite Punkt, den wir aber speciell zu den Freuden des jüdischen Lehrers rechnen müssen, der Punkt nämlich, daß der Religion unterrichtende Lehrer Freude und Befriedigung in dem Bewußisein finden wird, daß er die Kinder, daß er die Jugend in der Religion unterrichtet, daß er ste unterrichtet, ,u»d» -pfi« U’n nm -ik\x r»impn, daß er den Keim zum frommen Gottvertrauen in sie zu legen hat, daß er sie durch die Pflege des Gottvertrauens wappne gegen jede Unbill des Lebens, daß sie es verstehen, in allen Lagen des Lebens den Frohsinn sich zu bewahren, den nur das wahre, unerschütterliche Vertrauen auf den Lenker aller Dinge gibt. Religion, welch ein Wort! Lindernder Balsam ist sie für die Wunden, Trost für das von schweren Sorgen gedrückte Herz. — Wenn ein Familienvater aus dem ärmlichen Kreise seiner Familie hinausgehr, um für dieselbe das Schärflein der Nothdurft zu verdienen, wenn er binausgeht, nicht Wind und Wetter scheuend, nicht Regen und Schnee beachtend, nur um seine Schuldigkeit als Vater und als Mensch zu thun, und seine Familie vor de n Schwersten, vor Hunger und vor Frost, zu schützen, so will es ihm doch oft nicht gelingen, seinZiel zu erreichen, so will es ihm doch oft nickt glücken, auch nur dem drückendsten Mangel abzubelfen. Er kommt nach Hause und kann den lieben Seinen nicht dasjenige reichen, wonach sie so sehnsüchtig ihre Blicke richten, denn er konnte ja nichts erübrigen. Was soll er da beginnen? Sollte er nicht verzweifeln? — Nein, er weiß, daß der alte Gott noch lebt, daß dessen allsehendes Vaterauge noch über ihm wacht, er weiß, daß der, welcher allen Thieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels ihre Nahrung gibt, der, welcher die Fische des Meeres mit Speise versorgt, daß der, von dem der königliche Sänger so schön sagt: any .1211jnu auch ihn nicht gänzlich verlassen wird. Und was vermag es wohl, ihn so aufrecht zu erhalten, was ist wohl im Stande, ihm die Hoffnung einzuflößen, daß ihm noch Hilfe werden wird? Nichts anderes ist es, als die Religion. Sie allein hält den Menschen aufrecht zur Züt der Noth, sie allein kann ihm das heilige Gottvertrauen in die Seele legen, das er im Drange, das er im Wandel und Wechsel des Lebens so nothwendig hat, um nicht umzusinken und die