Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 14-15 (5.4.1871)
- Date
- 1871-04-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Ctz>ißs«tion und auf den obersten Slufyr dep bürgerlichen Gesellschaft stehen. Auch diese zHlen zu jene» Unwissende» und. Geda»ke«lsse». Wir. malle» ihnen Geist und Verstand, Bildung und Wissenschaft durchaus nicht absprechen. Aber machet euch nur keinen zu hohen Begriff von ihnen; lasset euch nur von ihrer hohen Stellung, von ihrer großen Rolle im bürgerlichen und socialen Leben und auch von ihren großen Kassenkasten keinen so außerordentlichen Respekt einflößen. Haltet sie für keine Götter und auch für keine Halbgötter; sie sind Menschen mit Schwächen und — sagen wir es geradezu — mit Vorurtheilen, freilich mit modernen Vorurtheilen, die als natürliche Folgen aus unserer modernen Erziehungsart sich ergeben. Unsere moderne Erziehung ist durch und durch praktisch; sie hat nur ein Ziel vor Augen, und dieses ist: ihren Zögling zu befähigen, sich einst eine solide und respektable Stellung im bürgerlichen Leben zu verschaffen. Was sie ihm vor Allem auf die Seele bindet, ist daher nicht das Ideal der menschlichen Vollkommenheit, sondern die Rücksicht auf seine künftige Existenz. So gewöhnt sich der werdende Mensch. nicht die Verwirklichung der Menschheits¬ und der Gottesidee, sondern nur die Gründung einer Gftftenz als letztes Ziel seines Strebens zu betrachten, d. h. mit andern Worten: die Gründung eines Zustandes sinnlichen Wohlseins, die Erlangung von Reichthum, Genuß und Ehre. Auf diese Weise entwickelt sich bei ihm ein sinnliches Wollen und Streben, ein praktischer Materialismus; und mit diesem geht auch ein theoretischer Hand in Hand. Ohne religiösen Halt, ohne rechtes Gottbewußtsein lebt sich der junge Mensch gar bald in jene leichtfertige Denkuno Anschauungsweise ein, die, vom Sinneneindrucke befangen, die Welt als ein mechanisches Triebwerk und den Menschen als ein vernünftiges Thier betrachtet. Und glaubt ihr, daß die jungen Herren dann, wenn sie zu „großen Männern" werden, diese oberflächliche Denkungsart ablegen? Mit Nichten. Ihre Gesinnung und Grundanschauung bleibt immer dieselbe. Der Materialismus steckt ihnen sozusagen tief in den Gliedern, und von demselben können und mögen sie sich bei aller Wissenschaft und Cultur nicht mehr lossagen. Sollte es uns Wunder nehmen, daß diese Herren, die im Grunde ihre) Herzens alles Geistige und Uebersinnliche für ein Wa mgebilde hallen, über die Offenbarungslehre ungläubig hinwegschreiten? Prägen wir dem zarten Geiste in der Kindheit und in der Jugend nicht eine materialistische Sinnesart ein, damit er nicht später unfähig werde, sich über die Sinnenwelt zu erheben und zum Bewußtsein einer höheren Weltordnung sich aufzuraffen. Lenken wir den jugendlichen Sinn auf das Göttliche und Höhere, und er wird, je mehr sein Gesichtskreis und sein Berständniß für das eigentliche Wesen der ErscheinungstoxU sich erweitert, vDu. der UnzuläoMchkeiL. seiner Einsicht, die Bestimmung unseres Erdenlebens zu erkennen, und von der Nothwedigkeit einer göttlichen Belehrung sich immer mehr überzeugen. Den ganzen Gedankengang, den wir hier entwickelt, fasten unsere Weisen in einige kurze, ab» sehr tiefsinnige Worte zusammen. Zu der Stelle im zweiten Buche Moses, wo uns erzählt wird, was sich mit Moses als Kind zugetragen, als er den Wafferfluthen ausgesetzt wurde, auf den Vers, der da lautet: „es stellte sich seine Schwester von ferne, um zu wiffen, was ihm geschehen würde." (2.B.M. 2,4.) bemerkt der Midrasch (Midrasch Rabba zur Stelle): aanm: idjo p-npn nn dp by mn p©sn bz p-m pan '»ninK noan1? no« dp by imn« .aswi /mi wan dp by )b nvy> no njnb ,»v rwni Ji pimo dp by pimo ,rw ‘n mjn drr '2 dp by. Die Schriftgelehrten sagen: in diesen Vers, der nach seinem einfachen Sinne nur eine schlichte Erzählung ist, läßt sich eine tiefere Deutung hineinlegen. Diesen Vers spricht bei jener Gelegenheit der göttliche Geist aus, indem er mit den vier ersten Worten desselben: njnb ,pimo irnrwpsfnni „es stellte sich," „seine Schwester," „von ferne," „um zu wissen," auf vier Bibelstellen hindeutet, von denen in jeder je eines dieser Worte vorkommt. Mit diesen vier Schlagwörtern deutet er nämlich auf folgende Stellen in der heil. Schrift hin: auf den BibelverS „und Gott kam (zu dem noch sehr jungen Samuel) und stellte sich (ihmzuHaupten)" (Samuel3,10), auf den Salomonischen Spruch: „sprich zur Weisheit, du bist meine Schwester" (Sprüche?, 4), auf das Prophetenwort: „von ferne hat sich mir Gott geoffenbart" (Jeremia 3', 2) und endlich auf jene Bibelstelle, die da lautet: „denn Gott ist der Herr des Wissens und ihm das Weltenwerk bekannt." (Samuel 2, 3). Und was will der göttliche Geist mit diesen, aus den verschiedensten Schriftstellen zusammengetragenen Versen oder richtiger, was wollen unsere Weisen, die dem göttlichen Geiste diese Verse in den Mund legen, eigentlich sagen? Ein sehr tiefes und sinniges Wort. Wie in einem Bilde von Mosaik- Arbeit Sternchen in der verschiedensten Farbe, von der verschiedensten Art und Beschaffenheit an einander gefügt sind, aber in solcher Auswahl, daß sie zusammen doch eine wohlgcbildete und harmonische Gestalt darstellen, so stellen auch hier die an und für sich ganz verschiedenen und gar nicht zusammengehörenden Bibelverse, an einander gereiht, einen einheitlichen und harmonischen Gedanken dar. Und was für einen treffenden Gedanken! In dem Momente, da Moses, den Wafferfluthen auSgesetzt, in Lebensgefahr schwebte, erinnerte sich die göttliche Vorsehung an die große Bedeutung seines