Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 14-15 (5.4.1871)
- Date
- 1871-04-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XIL Jahrgang. Erste Beilage z« Rr. 14 & 15 des Israelit. Leitender Artikel. Möglichkeit und WotHrvendigLeiL einer Höheren, über menschliche Einsicht erhaöenen Satzung. Von vr. L. Münz, Kreisrabbiner inZOswizcim. (Schluß.) U. Es kann eine Satzung geben, es muß eine Satzung geben, die über dem Horizont der menschlichen Einsicht liegt. Ist der Mensch umsonst und zu nichts geschaffen? Hat er nicht eine Bestimmung hienieden und muß er nicht dieser Bestimmung gemäß leben? Und doch kennt der Mensch seine Bestimmung nicht gänzlich, kennt nicht vollkommen den Beruf seines unsterblichen Geistes, und kann ihn nicht kennen. Wollen wir einen Gegenstand, der in Entwickelung begriffen ist, kennen lernen, so müssen wir uns einen Ucberblick verschaffen über alle seine Entwickelungöstufen; um nur eine EntwickelungSstufe zu verstehen, müssen wir schon alle Entwickelungsstufen kennen. Erst wenn wir die Knospe und auch die Frucht kennen, wird eS uns möglich, die Blüthe zu verstehen; einzusehen, waS sie sei, ein UebergangSzustand, ein nothwendiger Uebergangszustand von der Knospe zu der Frucht. Wie aber, wenn wir die KnoSpe nicht kennten und von der Frucht gar nichts wüßten, könnten wir dann die Blüthe verstehen, was und wozu sie sei? Und wie sollte der Mensch seine Bestimmung hienieden, die Bestimmung seines Erdenlebens vollständig begreifen, wenn er seinen frühern und seinen später« Zustand nicht kennt? Unser Blick ist ja nur auf einen kleinen Zeitlauf, auf den gegenwärtigen Zustand beschränkt. Und ist er nicht auch auf einen kleinen Raum beschränkt? auf einen kleinen Theil vom Weltganzen? Aber dieser Theil ist ein wesentlicher Theil des Ganzen; er steht mit diesem in organischer Verbindung. Und ist es möglich, einen solchen Theil zu erkennen, wenn man nicht zuvor das Ganze kennt? Wie wenn wir von einem Uhrwerke gar keinen Begriff hätten, und einmal von dem weitläufigen Räderwerk ein Rädchen zu Gesichte bekämen, würden wir es verstehen, würden wir wiffen, was dieses feingezähnte Rädchen mit seiner zarten Achse eigentlich sei und welchem Zwecke es diene? Und ein Uhrwerk ist auch die Schöpfung Gottes. Das Weltgebäude ist ein l meisterliches Werk! Wie in jedem Meisterwerk, so herrscht auch in dem Weltenbau Einheit j und Harmonie. Da ist Alles wie aus einem Gusse, Alles greift ineinander, wie das Räderwerk in einer Uhr; und infolange du nicht, du endlicher Geist, den ganzen Wellenban mit seiner ganzen Unendlichkeit erfaffest, kannst du auch deine eigene Welt, kannst du auch dich selbst und deine Bestimmung nicht vollkommen verstehen. Und läßt sich überhaupt bei der menschlichen Erkenntnißart an ein solches Verftändniß denken? WaS kennen wir von allen Gegenständen, die wir kennen, und von uns selbst, wenn wir uns zum Gegenstände unserer Betrachtung machen? Die bloße Erscheinung. Und ist es möglich, aus dem Schatten, den ein Gegenstand wirft, aus seinem gefärbten Schatten seine innere Natur zu erforschen, daß wir genau wüßten, wozu er ausersehen und bestimmt sei? Mit unserer Einsicht zeitlich und räumlich und in der Art der Erkenntniß beschränkt, vermögen wir, das ergibt sich aus dem Gesagten mit zweifelloser Gewißheit, unsere Bestimmung hienieden nicht vollständig zu erkennen, und darum, ganz selbstverständlich, auch nicht Alles, was dieser Bestimmung gemäß sei, nicht Alles, was wir zu thun und zu lassen haben. Und doch sollen wir unserem Berufe gemäß leben und unsere Bestimmung auf Erden nicht verfehlen. Wohl gemerkt! wir sollen unserem Berufe gemäß leben, und doch vermögen wir aus eigener Einsicht nicht Alles zu wiffen, was dieser Beruf von uns erheischt. Eine Belehrung vom Allwissenden, der das Weltall in seinem innersten Wesen und in seiner ganzen räumlichen und zeitlichen Ausdehnung, und so auch den Menschen und die Bestimmung desselben vollständig kennt; eine Belehrung vom Weltenscköpfer über das, waS wir in Gemäßheit unseres Berufes zu thun und zu laflen haben, eine göttliche Satzung ist daher ein moralisches Erforderniß, ein Gebot der moralischen Nothwendigkeit. Je weiter wir mit unserem Wiffen dringen, desto lebhafter werden wir uns der Grenzen unseres Verstandes bewußt, und desto klarer sehen wir ein die Rothwendigkeit der Religion. Nur unwissende Menschen und gedankenlose können über die Gotteslehre leichtfertig aburtheilen. Wir können hier getrost das Wort unserer Weisen anwenden: uvin cn« p» nwv nn q djsj p dk, „Kein Mensch macht sich einer Sünde schuldig, wenn er nicht ergriffen ist von einem Geiste der Bethörung." (Sota 3 a.) Machet uns aber keinen Einwurf von jenen Gesetzesübertretern und Gesetz eS Verächtern, die auf der Höhe der