Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 14-15 (5.4.1871)
- Date
- 1871-04-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447514--09258-2464944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
278 Zähneknirschend ließ der Kammerjunker v. Schwarzenstein seine Beute fahren. Mirjam eilte zu den anderen Mädchen, die zitternd den Heimweg antraten. „ES ist schon dunkel," sagte der Hofagent, „ich will euch begleiten durch die finstern und einsamen Straßen." Er schritt neben den Mädchen her. „WaS war denn das eigentlich?" fragte er. Und die Mädchen erzählten. „War das derselbe böse Junker," fragte Mirjam, „der neulich meinen Vater beleidigt hat?" „„Ja, ich glaube, es ist derselbe. Welch ein Glück, daß mich der Fürst gerade jetzt zu ihm geschickt hatl"" Der Hofagent Nathan Anspach war noch ein junger Mann; er stand in besonderer Gunst bei seinem Fürsten, der ebenfalls noch jung — er hatte erst unlängst seinem Onkel succedirt — an den deutschen töfen umherreifte, um sich eine Gemahlin zu suchen. eit einigen Wochen hatte die schöne Prinzessin Louise von Braunfels, die mit ihren fürstlichen Eltern am Hofe zu M. lebte, des Fürsten ganzes Herz gewonnen, und er warb eifrig um sie. Seine Bewerbungen waren nickt ohne Erfolg geblieben, und die Verlobung stand bevor. Nun hatte Fürst Ferdinand seinen Hofagenten nach M. kommen laffen, damit dieser die verschiedenen finanziellen Angelegenheiten regeln helfe. Heute war ein Juwelier von F. gekommen und hatte dem Fürsten einen kostbaren Schmuck als ein Geschenk für die Braut angeboten; der Fürst ließ seinen Hofagenten kommen, damit dieser den Schmuck beurtheile. Als Nathan ihn schön und preis - würdig fand, bat der Fürst den Hofagenten, sich zu dem Kammerjunker von Schwarzenberg zu begeben und ihn herzusenden, damit er sogleich den Schmuck der Prinzessin überbringe. Der Junker wohnte in einem Hause am Kirschgarten, und Nathan war gerade zur rechten Zeit gekommen, um Mirjam zu befreien. . Nathan begleitete die halb zu Tode Geängstigte zu ihren Eltern. Herz war schon vom Abend-Gottesdienste aus der Synagoge zurückgekehrt und hatte zu seinem Schrecken die Tochter zu Hause nicht vorgesunden. Die Mutter beruhigte ihn. „Brauchst dich zu ängstigen! „Das Kind" wird mit der Fradele Friedburg oder der Esther Kohme heimgegangen sein. Mach' nur „Hawdohle!" •) Und Herz hatte eben Hawdole gemacht, da führte der Hofagent Nathan Anspach die so großer Gefahr entronnene Tochter den Eltern zu. *) (Sine Ceremonie am Ausgange des Sabbat. Als diese vernehmen, was geschehen war, kannte ihre Dankbarkeit gegen den Befreier der einzigen Tochter keine Grenzen. Von diesem Tage an war Herr Nathan Anspach ein gern gesehener Gast sowohl bei Mirjam als auch bei deren Eltern, und bald sprachen die Klatschschwestern des Ghetto von einer bevorstehenden Hochzeit. Diesmal hatten sie recht gerathen. An demselben Tage, an welchem Fürst Ferdinand seine Braut zum Altäre führte, wurde auch im Ghetto das Hochzeitsfest MirjamS's und NathanS gefeiert. Groß und glänzend war das Fest; auch der Armen wurde nicht vergessen; Herz Weißenfels und Nathan Anspach ließen unter ihnen beträchtliche Summen vertheilen. Behaglich saßen Herz und Leah auf ihren Ehrenplätzen an der Hochzeitstafel, an welcher die Elite der Judenschaft von M. Platz genommen hatte. Alle Welt bemühte sich gegen das Brautpaar und die Eltern der Braut zuvorkommend zu sein. Wie höflich und freundlich waren selbst die alten auf Reichthum und Familienverbindungen so stolzen Patrizier des Ghetto zu M. gegen Herz Weißenfels und sein Weib, die man noch vor Jahresfrist mit Almosen bedacht hatte! „Da sieh' einmal", flüsterte Herz seiner Ehehälfte ins Ohr, „da steh' einmal, wie sie da alle sitzen und sich's wohl sein lassen bei Herz WeißenfelS seiner Simche!*) Wer hätte das gedackt als wir heute vor'm Jahr hungernd und frierend im feuchten Stübchen hinterm kalten Ofen saßen!" Nur noch während der Hochzeitswoche konnte Nathan Anspach in M. bleiben; dann riefen ihn seine Pflichten nach Hohenburg, wo der Fürst mit seiner jungen Gemahlin bereits seinen Einzug gehalten hatte. Höchst ungern trennten sich Herz und Leah von der einzigen Tochter; auch Mirjam weinte heftig beim Abschiede. „Weine nicht, meine Tochter", sagte Herz, „Du ziehst mit Deiner« wackern Manne einem Leben voll Glück und Freude entgegen. Bald kommen wir einmal, die Mutter und ich, nach Hohenburg." Fort rollte der Wagen. „Auf baldiges Wiedersehen!" riefen Herz und Leah den Scheidenden nach. Ach, dieser Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. — (Siehe die Fortsetzung in der ersten Beilage.) *) Freudenfest. Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung.! I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.