Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 14-15 (5.4.1871)
- Date
- 1871-04-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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877 Feuilleton. Zur rechten Jett. IV. Der Hofagent. Am oberen Ende der Stadt M., ehe der große Fluß, an welchem M. liegt, in die Stadt eintritt, befand sich das kurfürstliche Lustschloß Favorite, mit einem prachtvollen Garten voll schattiger Laubgänge. Da der Zutritt zum Garten dem Publikum gestaltet war, richteten die Bewohner von M. dorthin am liebsten ihre Spaziergänge, und während am Sonntag die christliche Bevölkerung nach dem Favorite- Garten »änderte, war es am Sabbat die jüdische, die sich hier erging und frische Lust schöpfte. ES war in der That ein reizender Punkt, ein höchst angenehmer und lohnender Spaziergang. Man stieg im Schatten dichtbelaubter Bäume eine sanfte Anhöhe hinan, bis man das Plateau des Berges erreichte, wo das Schloß stand. Hier, inmitten köstlicher Blumenbeete, kühlender Springbrunnen, unter dem Schatten sich wölbender Platanen, waren auf einer über die Ebene hervortretenden Terrasse Ruhebänken angebracht. Von diesen aus genoß man einen Anblick, wie man ihn selten findet. Zwei große Flüsse, auf welche Deutschland stolz ist, fließen dicht unter dem Favoritberge zusammen, weithin ist die Ebene mit Städten und Dörfern besäet, die sich unmittelbar am Stromufer ausdehnende Stadt M. zeigt sich in ihrer ganzen Schöne, die Flüsse sind mit Schiffen aller Art. von den großen Lastschiffen bis zu den kleinen zierlichen Nachen für Luftfahrten, bedeckt; die über den einen Strom führende Schiffbrücke erscheint fast lebendig von der Menge der auf ihr verkehrenden Wagen, Reiter und Fußgänger, und den fernen Horizont begrenzen nach drei Seiten hin drei Gebirge, die zu den schönsten in Deutschland zählen. Was Wunder, wenn sich am Sabbat-Nachmittag die ganze Kehilla *) hier einfand! Namentlich liebten es der alte Abraham Fester und seine Frau, die sehr reich und sehr geizig waren, an jedem Sommersabbate die Genüsse für Auge und Nase zu kosten, denn diese boten sich nicht allein reichlich hier dar, - sie kosteten auch überdies nichts. Namentlich war es die Jugend, die männliche wie die weibliche, die ohne einen Spaziergang nach der Favorite „keinen Sabbat" zu haben vermeinte. Aber die Jünglinge traten für sich allein ihre Spaziergänge an und ebenso die Jungfrauen, und auch im Favorite-Garten vermieden sich die beiden Geschlechter sorgfältig, denn so wollte es die strenge jüdische Sitte. ES war ein schöner Sommer-Sabbat-Nachmittag; Mirjam war mit ihren Freundinnen nach dem Favorite-Garten gegangen, und die jungen Mädchen waren länger „draußen" geblieben, als sie wohl hätten bleiben sollen; es dunkelte schon, da sie durchs Neuthor schritten. Während die Mädchen miteinander im Favorite-Garten geplaudert und gescherzt, hatten sie nicht bemerkt, daß ein anscheinend vornehmer Herr ihnen nachschlich, der namentlich auf Mirjam sein Augenmerk gerichtet zu haben schien. Die Stadt war ziemlich einsam und die Sttaßen leer. Als die Mädchen in die Nähe des Kirschgartens kamen, trat plötzlich jener Mann auf sie zu und redete sie an. „Ah, meine Damen," sagte er, „welch' ein schönes Bouquet reizender Blumen treffe ich hier! Kommen Sie mit mir; ich habe in meiner Behausung lustige Gesellschaft!" Die Mädchen, die sich ängstlich aneinander gedrückt hatten, fingen bei diesen Worten an zu schreien und flogen davon, wie eine Schaar Tauben plötzlich vor dem Habicht entflieht. Der Fremde aber setzte ihnen nach, und Mirjam ergreifend, hob er sie mit starken Armen empor und lief mit ihr in eine Seitengasse. Die anderen Mädchen, sich nicht länger verfolgt sehend, standen still; zu ihrem Schrecken gewahrten sie, daß Mirjam fehlte. Nur von ferne hörten sie noch das Schreien der Geraubten. Rasch entschlossen sie sich, die Gespielin zu befreien und Hilfe herbeizurufen; sie eilten den immer schwächer werdenden Jammerrufen der Freundin nach. Schon war der Räuber in den Kirschgarten gelangt und wollte mit seiner Beute in eines der doxtbelegenen Häuser schlüpfen, als de Mädchen sahen, wie der Entführer von einem anderen Manne augchalten wurde. „He, Herr Kammerjunker!" rief eine wohllautende Männerstimme in unverkennbar jüdischer Aussprache, „wohin so eisig und was habt Ihr denn da?" .. „Laßt mich, Herr Hofagent," " entgegnete der Angeredete, „„ich habe da eine süße Beute."" „Hilfe, Hilfe!" rief jetzt Mirjam, „Herr Hofagent. helft mir! Der. schlechte Mensch hat mich gewaltsam ergriffen!" Der als Hofagent Angeredete tratt rasch auf den Räuber zu und faßte ihn am Arm. „Herr Kammerjunkcr von Schwarzenstein," sagte er, „Seine Durchlaucht, der Fürst, läßt Sie durch mich bitten, sich gleich zu ihm zu begeben. Und dieses junge Mädchen lasten Sie wohl ruhig nach Hause gehen!" Unterdessen waren auch die übrigen Mädchm jammernd und klagend herbeigekommen. Von dien Seiten wurden in den benachbarten Häusern Fenster und Thüren geöffnet, und durch den ungewohnten Lärm angezogen, blickten die Bewohner neugierig hervor. *) Gemeinde.