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Der Israelit · 1871-04-05 · Heft 14-15 (5.4.1871) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 14-15 (5.4.1871)
Date
1871-04-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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274 Herr Rabb. vr. M. Güdemann vergangenen Samstag einen neuen CycluS und hielt eine fast zweistündige Rede, die mit ungetheiltem Beifall aufgenommen wurde, was man an der gespannten Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhörer leicht merken konnte, und wird diese Predigt auf mehrseitiges Verlangen und wegen der Wichtigkeit der darin behandelten Frage bald im Druck erscheinen, damit auch Jene, die nicht zugegen sein konnten, sich in dieser Angelegenheit ein richtiges Urtheil bilden könnten, wenn sie dies nur wollen. Die Referate der hiesigen politischen Tagesblätter sind tendentiöS gefärbt und nehmen die Journale objective Berichte, die nicht der Reform günstig sich zeigen, gar nicht auf; so werden also die Thatsachen absichtlich entstellt, oder mit mißliebigen Zusätzen und ironischen Notizen gewürzt, dem Kitzel des Lesepublikums zu genügen, und so wird die Men^e, ohne es zu ahnen, irregeführt, da man nicht immer Zeit und Luft hat, den Redactionen mit Berichtigungen Verlegenheit zu bereiten. Wie nicht anders von der Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit des Herrn vr. G. zu erwarten war, sprach er, weil er es wollte und mußte, über die Cultusfrage, und zwar erklärte er sich von vorneherein gegen jede der hier angestrebten Reformen und betheuerte er, nur nach seinem besten Wissen und Gewissen sprechen zu wollen, ohne irgend welche Absicht, wider den Vorstand eine Agitation heraufzubeschwören. Der Redner ging der Reihe nach die drei Punkte der Reformprojekte durch, deren Unhaltbarkeit er zeigte; dann widerlegte er die Gründe der Gegner. Das Argument, welches die Reformer für Abschaffung der Gebete um persönliche Rückkehr nach Palästina ins Treffen führen, ward aä absuräuin geführt. Diese Gebete, sag*e der Redner, vertragen sich ganz gut mit Bildung und Patriotismus; sonst wären sie schon längst von den Regierungen verboten. Haben etwa unsere Brüder im letzten Kriege in Folge dieser Gebete in beider« Lagern weniger standhaft fürs Vaterland gekämpft? Oder sollte man meinen, daß unsere vor Kurzem erst errungene oder vielmehr durch die Macht der Ereigniffe abgedrungene Emancipation in einzelnen Ländern mit der von ganz Israel erhofften und ersehnten Erlösung der ganzen Menschheit gleichbedeutend sei? Demnach hätte man zu Zeiten, wo der Druck aufbörte, diese Gebete abrogiren, oder man hätte ursprünglich nur um Abhilfe des Galuth, nicht um Rückkehr nach Jerusalem beten sollen. Wer die ancrn D’öma •yvy robsn, ebenso rmncu pnfr "pneo u. bergt, mit Bedacht betet, wird sicherlich einsehen, daß es uns nicht so sehr um eine politische Machtstellung zu thun sei, als vielmehr um die geistige Eroberung, um die Verbreitung des Glaubens an einen Gott und dessen Anerkennung bei der ganzen Welt, wie es unsere Propheten verkündeten. Daß "die politische Freiheit und Cultur noch nicht den letzten und höchsten Grad der menschlichen Vollkommenheit herbeiführen, zeigt der eben beendete Krieg. DieS wird erst die göttliche Erlösung der Menschheit durch den wahren Messias zu Stande bringen, im goldenen Zeitalter des ewigen Friedens, in der glücklichen Periode der Menschenverbrüderung In so wichtigen Sachen entscheidet nicht die Majorität, diese darf die Minorität nicht vergewaltigen und ihr die eigene Ansicht aufoctroyiren; auch frage man nicht nach dem Wunsche der Einzelnen, wie ja auch beim w rva joa viele Juden in Babylon zurückblieben, während die Vornehmsten und sogar reiche Staatsmänrer ihr Amt im Exil aufgaben und in die geliebte Heimath, ins gelobte Land zurückkehrten. Beim goldenen Kalbe, zur Zeit JerobeamS, u. s. f., waren die Meisten sündhaft, man durfte sich daher nicht nach ihnen richten. Im Judenthum gelte nicht das einzelne Individuum , vielmehr wird das ganze Volk als ein Individuum betrachtet, gilt als ein untheilbares Ganze, und wo noch so viele unserer Brüder im Drucke leben, kann von Erlösung keine Rede sein. — In Betreff der Opfergebete will der Redner sich nicht aus und yuv stützen, da ja diese Autoritäten bei den Gegnern nicht anerkannt werden, ja sogar wesentliche Theile der Thora möchten diese gern beseitigen. Nun, wollen sie durch *op’i '£> einen Strich machen, so gebm sie ja zugleich die so oft und viel gepriesene '’a/np 's auf, auf die sich ja die Neuerer so viel zu Gute thun, als ob sie die Lehren der Moral und Humanität erst erfunden und darauf Patent und Privilegien genommen hätten. Redner spielt absichtlich auf die „blutigen Opfer" an, und legt dadurch die Unehrlichkeit der Gegner bloß, die zu „Kniffen" ihre Zuflucht nehmen, unter der Maske der Lüge erscheinen, ihre unhaltbaren „Wahrheiten" (?) einem angeblichen Rabbiner in Gilead in den Mund legen, also nicht mit offenem Visir den Kampfplatz betreten. Nach ihrer Ansicht sollte man die Gebote eintheilen in blutige und unblutige. In die erste Kategorie fiele z. B. TiB'nisn n^o niso u. dgl., welche Vorschriften von ihnen nicht beobachtet würden. Würde man uns die Wahl lassen zwischen unserem Opfer und dem einer anderen Confesston, wo kein wirkliches Blut vorkomme, sondern man glauben muß, daß eine Speise im Körper des Gläubigen sich zu solchem verwandle, — wäre es zweifelhaft, wozu wir uns entscheiden würden? Der Mensch, in Folge seiner Zusammensetzung aus Geist und Leib, braucht die Ceremonien, an denen sein Körper einen Anhalt findet, doch müssen diese mit einer Idee verbunden sein, die sie trägt und die Seele zu Gott emporhebt. Der Opfercultus war bisher noch der vollkommenste Gottesdienst, wie dies sogar christliche Schriftsteller eingestehen, deren Redner mehrere erwähnt. Redner zeiht die Gegner

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