Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1871)
- Date
- 1871-03-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XII. Jahrgang. Beilage zu Nr. 13 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus Württemberg. Se. König!. Majestät König Karl von Württemberg hat vermöge höchster Entschließung die Abhaltung eines allgemeinen Dankgottesdienstes in den Kirchen des Landes, nach dem Friedensschlüsse, gnädigst genehmigt und zugleich angeordnet, daß zur Herbeisührung einer angemessenen Feier auch in den Synagogen des Landes Einleitung getroffen werde, zu welchem Ende Höchstdieselben die Stelle Psalm 89, 16-18, 'ui Dyn nw*, bestimmt haben. Diese Friedensfeier, für welche die Wahl des Tages den Kirchenvorsteherämtern überlassen blieb, wurde am Sabbat 's begangen, indem vom Vorbeter nach dem Einheben der Thora der Ps. 29 mit der Gemeinde Vers um Vers abwechselnd recitirt, sodann einige Verse eines Liedes (Ps. 100) gesungen, die Festpredigt über den angeführten Text mit vorgeschriebenen deutschen Vor- und Nachgebeten gehalten, und zum Schluß wieder ein Vers des erwähnten Liedes gesungen wurde. Wenn die Feier auf einen Werktag bestimmt worden wäre, so hätte man sich erst um 10 Uhr Vormittags versammelt, der Vorbeter hätte das Gebet ocj na gesprochen und die weiteren Psalmen 9, 33 und 96 versweise mit der Gemeinde recitirt. Sonst wie am Sabbat. Berlin, 23. März. In Nr. 14 vor. Jahrg. d. Bl. haben wir den geschätzten Lesern das Vorwort zu dem Programme der von vr. Kirschstein geleiteten Religionsschule zu Berlin vorgeführt und auf den verderblichen Einfluß hingewiesen, den vr. K. auf das Berliner religiöse Leben ausüben muß. Wir haben damals Protest eingelegt dagegen, daß ein jüdischer Religionslehrer die Bibel als ein Conglomerat von Sagen und Geschichte — und das Alles war in einem Schulbericht ausgesprochen — betrachtet, und die tiefgehenden Gefahren bezeichnet, welchen eine jüdische Gemeinde entgegengeht, die ihre heiligsten Aemter Männern in die Hände legt, die am allerwenigsten hierzu geeignet stnd. Aufbauen sollten diese Männer, —- sie untergraben jedoch vollends das hier schon in die Brüche gerathrne Gebäude der Religion; sollten anfachen und beleben das Leben für das Gotteswort, — verlöschen aber das kleine Fünkchen Religion, das noch im Kindesherzen glimmt. Wir legten Protest ein, daß solche Lehrer länger einer jüd. Schule angehören. Der 16. Bericht über die Religionsschule der jüd. Gemeinde mit einer Abhandlung: „Der Unterricht in der biblischen Geschichte" von dem Dirigenten vr. Kirschstein belehrt uns jedoch, daß Alles beim Alten geblieben ist. Herr vr. K. läßt sich über den Zweck des Geschichts unterrichts und insbesondere des biblischen des Weiteren aus und kommt schließlich — und darum sprechen wir hier davon — über die Art und Weise, wie biblische Geschichte zu behandeln sei, etwa zu folgendem Ergebniß: für die naive Kindesnatur und für seine kindliche Phantasie ist es sehr empfehlenswerth, die S a g e n- und Geschichtserzählung, wie sie die Bibel gibt, zu lehren; denn das jugendliche Gemüth fühlt sich von den Ungeheuerlichkeiten der bunten Märchenwelt innig angesprochen. Nur auf den ethischen Geist, der die Bibel durchzieht, muß der Lehrer aufmerksam machen. Ist das Kind herangewachsen, so muß der Lehrer es weit, weit von sich weisen, die kindlich naive Darstellung in ihrer Buchstäblichkeit aufrecht zu erhalten, oder die Wundererzählungen als wirkliche Geschichte aufzudrängen. Auf dieser Stufe muß von der Herrschaft des werthlosen Wortes frei gemacht, die Wahrheit von der zerbrechlichen Form erlöst werden. Die Wundererzählungen müssen als die sagenhaften Ueberzüge oder Umhüllungen ausgegeben werden." Dies Alles darf nur als mundgerechtes Resultat geboten werden, ohne ahnen zu lassen, daß das Werk der Kritik sei. — Wir überlassen es dem pädagogischen Gewissen des Herrn vr. K. und den Fachgenossen, sich mit ihm abzufinden wegen des im Programme niedergelegten pädagogischen Standpunktes; ob es pädagogisch zulässig, daS einer jüngeren Stufe Gelehrte einer älteren als Lüge zu bezeichnen und ob es möglich ist, dadurch die der Zugend schädliche Zweifelsucht zurückzudrängen. Wir natürlich weisen diese Praktik sowie diesen biblischen Gesch. - Unterricht auf das Entschiedenste zurück und bezeichnen mit tiefster Betrübniß als ein großes Unglück, daß es bei uns Juden so weit gekommen, daß Ansichten so destructiver Art von Gemeindewegen gelehrt werden, idvd uv trajt;nal Was aber, so müssen wir fragen, befreit uns von diesen Bestrebungen, was benimmt uns die Bängniß, daß unsere Zugend den heiligen Gottesgesetzen nicht entfremdet werde? Das einzige Mittel .ist, daß unserer heranreifenden Zugend Schulen geöffnet werden, die den Anforderungen der Zeit, vor Allem aber denen der heiligen Religion genügen. Es müssen tüchtige Lehrer erzogen werden, die durch Wissen und religiösen Charakter