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Der Israelit · 1871-03-29 · Heft 13 (29.3.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 13 (29.3.1871)
Date
1871-03-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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258 Gerade hatte der Kurfürst mit der Gräfin Koudenhoff einm Spaziergang durch den Saal gemacht And die ganze Scene beobachtet. Er klopfte dem fortgehenden Herz auf dieSchul- «nd sagte: „Bravo, Herz, bravo!" Dann wandte er sich an den Kammerjunker und sagte in gemessenem Tone: „Es scheint, daß man in Hohenburg die Juden wie Hunde behandelt; hier in M. leben wir der Ueberzeugung, daß auch die Juden Menschen seien." Der Kammerjunker erröthete, und sein Gebieter, der Fürst Ferdinand warf ihm einen strafenden Blick zu. Von diesem Augenblicke an hatte Herz nie mehr eine unangemessene Behandlung zu erdulden; er war aber auch nicht wenig stolz auf die gute Art, mit der er. sich aus dieser unangenehmen Affaire gezogen. Welche Veränderung war doch in wenigen Tagen mit der Familie Weißenfels vorgegangen! Herz hatte auf einmal die Entdeckung gemacht, daß er eigentlich zum „Kozin" geboren sei. Sein Benehmen war voller Würde, herablassend gegen Geringere, freigebig gegen die Armen, vertraulich gegen die andern „Kezinim" des Ghetto, ehrerbietig-, ohne Kriecherei, gegen die Großen, mit denen er jetzt tagtäglich verkehrte. Niemals fehlte er an der kurfürstlichen Tafel, und da er wirklich schöne und geschmackvolle Dinge, nach denen die Damen des Hofes lüstern blickten, zum Verkaufe auSbot, so machte er sehr gute Geschäfte. Der Kurfürstliche Hof zu M. war damals einer der glänzendsten Europas. Eine große Zahl adeliger Geschlechter aus der Nähe und der Ferne hatte sich zu M. angesiedelt, vornehme Gäste kamen tagtäglich dorthin, und es verging fast kein Tag, an^ welchem nicht Fremde zur Tafel waren befohlen öderes geladen worden. Dieser bunte Wechsel Z^iese Repräsentation des Reichthums und des Glanzoo kamen auch Herz zu Gute, der in kurzer Zeit ein wohlhabender Mann wurde. Mit der veränderten Lage kam aber auch eine Eigenheit zu Tage, die man bisher an der Familie Weißenfels nicht hatte bemerken können — eine un- Bfgren.tte Eitelkeit. Herz selbst schmückte sich stets mit der größten Sorgfalt. Einst hatte der Vorstand die isr. Gemeinde zu M., nach uralter Sitte, dem Kurfürsten die Ma tinsgans zu überreichen. In früheren Zeiten hatten die Juden für die Kurfürstliche Küche eine fette Gays zu liefern, später hatte man eine Gabe in Gold daraus gemacht. Die Vorsteher mußten in schön gestickter Börse hundert Ducaten übergeben; sie wurden bei dieser Gelegenheit vom Kurfürsten stets persönlich empfangen. Zu damaliger Zeit trugen dir Vorsteher der isr. Gemeinde eine Amtstracht: auf dem Haupte ein schwarzes Sammetbarett, einen gestickten Phantasiefrack, bunte Sammetweste nach eigener Wahl, auf der natürlich die schwere goldene Uhrkette mit Bourloques nicht fehlen durfte, kurze schwarze Sammethosen, lange weißseidne Strümpfe, spitze Sä nabel-Schuhe mit silbernen oder goldenen Schnallen und über den Anzug den sogenannten Sabbatmantel, der nach hinten zurückgeschlggen in langen Falten herunterfiel. Ditse -Tracht gefiel unserm Herz ausnehmend gut, und als die Vorsteher im Empfangszimmer des Kurfürsten diesen erwarteten, benutzte der neue Parneß die Zeit, um sich in den großen, die ganze Höhe der Wand einnehmenden Spiegeln von Kopf bis zu Fuß mit sichtlichem Wohlgefallen zu betrachten. Unbemerkt war der Kurfürst cingetreten; lächelnd schaute er dem sich spiegelnden Parneß zu; dann sagte er: „Nun, Herz, Hab' ich nicht recht daran gethan, daß ich Dich zum Parneß gemacht? Könntest doch sonst nicht diese Kleider tragen, die Dir so sehr zu gefallen scheinen? Du Schotele, *) Du!" Man kann sich die Verlegenheit des armen Herz vorstellen, als er seine Schwäche so öffentlich gerügt sah! Noch stärker trat diese Eitelkeit bei seiner Frau und seiner Tochter zu Tage. An Mirjam erfüllte sich das Wort Rabbi Jischmael's: „Schön sind die Töchter Israels; nur die Armuth entstellt sie." ES hatte Niemand im Ghetto bis .dahin bemerkt, wie schön die junge Tochter des Herz Weißenfels war. Jetzt aber verstand sie es, sich herauszuputzen. Von all den schönen Waaren, die ihr Vater einkaufte, um sie bei dev Kurfürstlichen Tafel feil zu bieten, mußte sie sich stets das Schönste und Beste aussuchen, und die schwachen Eltern hatten die größte Freude daran, die Eitelkeit der einzigen Tochter zu befriedigen. So unschuldig die Lust an Tand und Flittern, an schönen Kleidern und köstlichem Geschmeide bei jungen Mädchen auch erscheint, so schädlich, ja so verhängnißvoll wird sie manchmal, wenn sie das geziemende Maaß üherschreitet. Auch für Mirjam sollte die Sucht, durch ihre Kleidung zu glänzen, verhängnißvoll werden; doch davon später. ________ (Fortsetzung folgt.) *) Närrchen. Hierzu zwei Beilagen, Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Rouxffchen Hofbuchhandlung^ I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.

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