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Der Israelit · 1871-03-29 · Heft 13 (29.3.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 13 (29.3.1871)
Date
1871-03-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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257 „ Kommt, Herz," sägt er, „der Kurfürst erwartet Euch." „Willkommen, Herz!" rief der Kurfürst dem Zitternden entgegen, als dieser in des hohen Herrn Privatgemach trat, „bist Du schon installirt alSParneß?" „„Kurfürstliche Gnaden belieben zu scherzen, wie soll ich armer Mann."" „Sei kein Thor! Lin ich reich geworden, so sollen es auch meine Freunde sein; oder meinst Du, ich hätte vergessen, wie treu und ehrlich und uneigennützig Du dem armen Breidenbach dientest, wie oft Du ihm ohne den geringsten Entgelt — hatte ich doch selber nichts — aus vielen und großen Verlegenheiten halfst? Gern hätte ich Dich schon belohnt, als ich Domherr wurde, allein da mußte ich jeden Groschen beisammen halten, um meine alten Schulden zu bezahlen, um dem Ziele zustreben zu können, das ich jetzt erreicht habe. Nein, Herz, ich habe es nicht vergessen, wie oft Du, selber ein armer Mann, Himmel und Erde in Bewegung gesetzt hast, um mir Geld zu verschaffen, das ich so nothwendig brauchte und das mir keiner borgen wollte; ich werde es nicht vergessen, wie oft Pu Deine reichen Glaubensgenoffen fußfällig gebeten hast, mir Credit zu geben. Ohne Deine Vermittelung wäre ich nicht Vicedomherr geworden, würde also auch jetzt nicht Kurfürst sein." Herz weinte vor Rührung; er ergriff des Kurfürsten Hand und'küßte sie. „Lgß skhen," fuhr dieser zu reden fort, „w'e ich Dir hetfen kann. Geld kann ich Dir mcht schenken, denn ich habe keinS, und die Kurfürstliche Kaffe will ich uicht belasten. Nimm diese hundert Ducaten, die will ich sbu leihen, hörst Du, leihen, zur ersten Einrichtung; Du mußt sie mir später wiedergeben. Kaufe Dir allerlei hübsche Kleinigkeiten und komme damit ins Schloß während der Mittagstafel; dann werde ich Dir etwas abkaufen, um einer oder der andern Dame ein oaäeau zu verehren. Die Hofcavaliere werden meinem Beispiele folgen und so wirst Du gute Geschäfte machen. KaUfe nur hübsche und neue Dinge, die recht geschmackvoll sind. Die Preise kannst Du machen, wie es Dir beliebt." Noch an demselben Tage erschien ein Decret aus Kurfürstlicher Kanzlei, welches den Juden gestattete, in einer dritten Gaffe zu wohnen, die da größer, luftiger und geräumiger war, als die beiden andern, auf welche ste bisher beschränkt gewesen. Herz Weißenfels miethete stch sofort eine schöne geräumige Wohnung darin und ließ sie behaglich einrichten. Er hätte des Darlehens vom Kurfürsten nicht bedurft; die Gnade desselben allein hatte ihm einen unbegrenzten Credit' verschafft Am Mittwoch nach den erzählten Ereignissen war zum ersten Male große Mittagstafel beim neuen Kurfürsten. Herz verfehlte natürlich nicht, sich einzufinden. Da er von Natur einen sehr guten Geschmack befaß, so hatte er allerhand schöne und elegante Dinge eingekaust. Der Kammerdiener des Kurfürsten empfing ihn und gab ihm Instructionen. Als ungefähr in der Mitte des Diners die kurfüstliche Kapelle eine Pause machte, trat Herz vor und bot seine Waaren zunächst dem Kurfürsten an. Herz packte seine Waaren aus. Da waren die prachtvollsten Nippsachen, die schönsten Kleinigkeiten, wie dis Damen sie gern haben. Der Kurfürst kaufte eine niedliche Broche und verehrte sie seiner Cousine, der schönen Gräfin Koudenhoff, die zu seiner Rechten saß. „Ich danke Ihnen, Cousin," sagte diese, „das ist gewiß wieder einer Ihrer köstlichen Einfälle! Sicherlich haben Sie den Mann bestellt, um auf diese Weise für eine angenehme Unterhaltung der Damen zu sorgen." Der Kurfürst lächelte sein. Für die Cavaliere des Hofes genügte dieser Wink, Jeden zu veranlaffen, von den geschmackvollen Waaren des Juden zu kaufen, um die von ihnen zu Tische geführten Damen zu beschenken. Unter den anwesenden Gästen befanden sich auch der junge Fürst Ferdinand von Hohenburg und dessen Kammerjunker Görz von «Schwarzenstein. Als Herz Weißenfels auch dem Kammerjunker, der am Ende der Tafel saß, seine Waaren anbot — wählte auch dieser eine Kleinigkeit. „Was kostet das Ding, Jude?" fragte der Kammerjunker barsch. Erstaunt sah ihm Herz ins Gesicht. Wenn eS damals auch ganz gewöhnlich war, daß die Juden brutal behandelt wurden, so herrschte doch hier' bei Hofe ein ganz anderer Ton, zumal Herz gegenüber, von dem die Einheimischen wußten, daß der Kurfürst ihn gern hatte. Nichtsdestoweniger antwortete er höflich: „Einen Gulden, gnädiger Herr!" Der Kammerjunker holte einen Brabantec Thaler aus seiner Tasche, zeigte ihn dem Händler und sagte: „Siehst Du, Jude, den Brabanter Thaler? er soll Dein sein, aber Du mußt ihn „apportiren!" Allez, Jude, hol's!" Bei diesen Worten warf er das Geldstück unter den Tisch. Ein Gelächter erscholl ring« um, so laut, daß es die Musik der Kapelle, die eben wieder begonnen hatte, übertönte. _ Herz wurde roth vor schäm und Zorn; aber er faßte sich schnell und sagte zu einem der aufwartenden Lakaien: „Michael, der Herr Kammerjunker hat ein Geldstück fallen lassen; hebet es ihm doch auf!" Dann nahm er den zum Kauf an gebotenen Gegenstand vom Tische und entfernt stch langsam.

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