Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1871)
- Date
- 1871-03-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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238 und ein tausendstimmiges Amen erscholl aus dem Munde der Kavaliere und des nachdrängenden Volkes. „Ihr seid also der berühmte Rabbiner," sagte der Kurfürst, „von dem ich schon so Vieles gehört! Ist es wahr, daß Ihr ein Kabbalist seid und daß Euch die Geister unterthLnig?" „Kurfürstliche Gnadek sind zu gütig; ich bin nur ein unbedeutender Jünger der Wissenschaft; ich habe zwar einen Commentar zu einem kabbalistischen Werke geschrieben, aber ich wende die heilige Wisienschaft nicht praktisch an, ich entweihe sie nicht durch allerlei Kunststückchen." „Ihr seid auch ein geschickter Arzt, wie ich höre, und als Rabbiner müßt Ihr doch großartige talmudische Kenntnisse besitzen! Ich beuge mein Haupt in Ehrfurcht vor Eurem Wissen!" Staunend hörten die Vorsteher den Kurfürsten also sprechen. Er hatte sofort ihr ganzes Herz gewonnen ob der Ehre, die er dem geliebten und allgemein verehrten Rabbiner bewies. „Das also ist Eure Synagoge?" fuhr der Kurfürst zu reden fort, während er einige Stufen hinanstieg. „Aber warum steigt man hier hinauf? Ich war einmal in Prag in der Altneu-Synagoge; da mußte man einige Stufen hinabsteigen, dem Psalme de profundis, „aus den Tiefen rufe ich Dich an, o Gott," entsprechend, wie man mir dort sagte." „Kurfürstliche Gnaden," entgegnete der Rabbiner, „der Platz, auf welchem die Synagoge steht, ist so feucht, daß...." „Ja, ja, ich weiß, Ihr armen Juden wurdet gezwungen, Euch auf diesem Terrain anzusiedeln, wo einst die Umbach stoß, ehe sie trocken gelegt wurde." „Ach," seufzte Rabbi Löb, der erste Vorsteher, „wenn wir nur mehr Raum hätten; die zwei Iudengassen fassen uns nicht, und durch das Engeaneinanderwohnen ist unsere Gesundheit noch mehr gefährdet, als durch die feuchten Wohnungen." „Ich werde Euch die Erlaubniß geben, daß Ihr in einer dritten Gasse Häuser erwerben oder Wohnungen miethen dürft." „Gott segne Eure Kurfürstliche Gnaden!" rief der Rabbiner, und „Es lebe der Kurfürst!" erscholl es von allen Seiten, und der Ruf wälzte sich hinaus auf die Gasse immer weiter und weiter. Der Kurfürst ließ sich die Synagoge zeigen und Alles genau erklären. „Ich werde Euch ein gnädiger Herr sein," sagte er, nachdem er Alles gesehen und man ihm Alles erklärt hatte, „ich weiß, Ihr Juden seid treue Unterthanen, und Eure Religion ist die Mutter der meinigen. Ich habe Juden kennen gelernt, treu und echt. Doch sagt, wo ist Herz Weißenfels? Ruft ihn mir." Allsogleich wurde nach Herz Weißenfels geschickt; es dauerte lange, bis man ihn fand; der Arme hatte sich weit im Hintergründe gehalten, sein Platz war nie vorn gewesen. „Nun, Herz." fragte der Kurfürst, als Weißenfels herbeikam, „wie geht's?" „Wie soll'S gehen, Kurfürstliche Gnaden?" fragte Herz dagegen,^ die Achseln zuckend. „Wie wär's, Herz, wenn ich Dich zum Parneß ernennete?" „Ich, ich soll Parneß werden?" „Daß Du doch nie antworten kannst, sondern immer wieder fragen mußt!" rief der Kurfürst lachend. Dann wandte er sich zu den Vorstehern und sagte ernst: „Wenn ich eine gute Meinung von Euch Juden habe, so verdankt Ihr es namentlich dem da; ich wünsche, daß er einer Eurer Vorsteher werde." „Eure Kurfürstliche Gnaden," entgegnete Rabbi Löb, „haben nur zu befehlen." „Ich, Parneß?" rief dagegen Herz, „nicht doch. Kurfürstliche Gnaden, wie kann ich Dalphon?) Parneß werden?" „Dafür laß mich sorgen! Komme morgen früh um zehn Uhr zu mir; ich werde Befehl geben, daß Du vorgelassen wirst." Zwei große Ereignisse waren es, welche die Juden von M. nicht Ruhe finden ließen in dieser Nacht: daß der Kurfürst den Juden eine dritte Gasse einräumen wolle und daß Herz Weißenfels Parneß und des neuen Kurfürsten Günstling werden würde. „Solch ein Tackif^)," erklärte Herz Levi, der klügste Mann der Iudengasse, seinen aufmerksamen Zuhörern, „solch ein Tackif kann Alles; der ist ein gemachter Mann; ein Kozin Addir^) wird er über Nacht. Beim Max Wilhelm war keiner Tackif, aber bei seinem Vorgänger, dem Kurfürsten Adalbert, war Iekel Zelemmvkem groß Tackif; davon kommt heute noch den Zelemmokenes ihr Aschiruß^I her." „Welch ein G!ück, welch ein Glück," hieß es überall, „für seine Frau und seine Tochter! Das Mirjamchen wird „die beste Partie" in ganz M.!" (Fortsetzung folgt.) 7) Armer Mann. 8) Günstling. 9) Ein sehr reicher Mann. 10) Reichthum. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung.! I. Gottslebend Buchdruckerei in Mainz.