Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1871)
- Date
- 1871-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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237 Feuilleton. Jur rechten Jett. 11. Der neue Parneß. Die Stadt M. hat ihr Festtagskleid angezogen; es ist Huldigunxfttag. Der Kaiser und der Pabst haben die Wahl des neuen Kurfürsten bestätigt und heute huldigen Stadt und Land dem neuen Landesvater. Wie sind doch die Häuser geschmückt mit Teppichen und Fahnen, mit Blumen und Guirlanden l Auch die Judengasse hat ihre schmutzigen, räucherigen Häuser und Häuschen aufs Schönste herausgeputzt. Am Abend soll eine große Illumination stattfinden; da wird der Kurfürst an der Spitze der Kavaliere seines Hofes durch die Stadt reiten; die sorgfältigsten Vorbereitungen werden getroffen. Tausend und aber tausend kleine, farbige Lampen sind an jeder Hütte der Judengasse angebracht, damit sie strahle wie in einem Feuermeere. Waren doch die Juden einer großen (Gefahr dadurch entgangen, daß weder der Dienheimer noch der Jngelheimer war gewählt worden. Wird ihnen Franz Egon ein gnädiger Herr sein? Man weiß es nicht, man kennt seine Gesinnung nicht; jedenfalls will man alles Mögliche aufbieten, ihn günstig zu stimmen für die verfolgten Nachkommen Jakobs. Vielleicht wird er die furchtbaren, kaum zu erschwingenden Steuern ermäßigen, vielleicht wird er eine Ausdehnung der Judengaffe gestatten! Aber, wird der hohe Herr Notiz nehmen von der erleuchteten Judengaffe, da all die großen, schönen Straßen der Stadt hell erleuchtet werden, da an den Palästen des Adels die schönsten Transparente glänzen? Man will durchaus die Aufmerksamkeit des Kurfürsten erregen; daher hat man sich selbst überboten; namentlich die Synagoge wird so erlenchlet sein, daß sie aussehen wird wie ein flammender Palast. Es beginnt zu dunkeln, und schon werden die Lichter an vielen Häusern angezündet. Da verbreitet sich am Eingänge der Judengaffe ein entsetzlicher Geruch. Waö ist das? Woher dieser Gestank? Der »Zulehner," der Rosche,l) der Spezereihändler, der nur von Juden lebt, hat seine an die Judengaffe gränzende Andau^) aufgemacht, damit der Kurfürst und sein Gefolge, von dem üblen Geruch vertrieben, rasch an der Judengasse vorüberreiten und die daran mit so großer Sorgfalt hergerichtete Illumination nicht bemerken. Was ist da zu thun? Alles ist außer sich vor Entrüstung. Aber wie ist diesem „Schmadstreich" abzuhelfen? „Lauf auf die Polizei!" ruft der erste Perneß, Rabbi Löb, dem alten Schammes^) Taucher 4) zu. „Was kann das helfen?" entgegnet Rabbi LöbS kluges Weib, Bule, „kann die Polizei den üblen Geruch vertreiben? Laß mich Wachen, Rabbi Löb." Und sie nimmt ihr Hast"de Cologne-Flaschchen, das jedes jüdische Weib stets' für Jom Kippur 5) in Bereitschaft hat, und sie rustthrck Nachbarinnen, daß sie ein Gleiches thun, und die Kunde verbreitet sich rasch durch die Judengaffe, und all die Weiber stürzen herbei, jedes mit seinem Fläschchen mit riechendem Wasser, und sie gießen sie aus an dem Eingänge der Judengaffe. Ah, da riecht's wie im Gan Eden, 6) und Jeder, der vorbeigeht, bleibt stehen und athmet die süßen Düfte ein, und Jeder, der stehen bleibt, dessen Auge wird unwillkürlich gefesselt durch die Pracht der Illumination in der Judengasse. Endlich reitet auch der Kurfürst daher mit seinem Gefolge. Er hält sein Pserd an, und seine Nase wird angenehm berührt durch den Wohlgeruch. „Ah," sagt er zu seinem Kammerherrn, dem Grafen von Koudenhoff, dessen Gemahlin eine Cousine des neuen Kurfürsten ist, „da ist's ja prachtvoll, wollen wir uns das nicht in der Nähe anschauen, Cousin?" „„Kurfürstliche Gnaden,"" entgegnet der Angeredete, „ „ das ist die Judengasse. Reiten wir vorüber; ich bin kein Freund von Zwiebeln und Knoblauch." " „Nun," entgegnet der Kurfürst, „hier riechts eben nicht nach Zwiebeln und Knoblauch; im Gegentheil, man scheint dafür gesorgt zu haben, daß wir nur reine und wohlriechende Luft athmen werden." „„Wenn auch, Kurfürstliche Gnaden, es ist wohl nicht paffend für einen Kirchenfürsten, die Juden so auszuzeichnen." " „Sie vergessen, Cousin, daß ich nicht nur Kirchensürst, sondern daß ich auch Landesfücft bin, und ein Vater sein muß allen meinen Unterthanen." Bei diesen Worten lenkte er sein Pferd der Judenzaffe zu; ihm nach ritten alle die Kavaliere. Unterdessen hatten sich der Rabbiner und die Vorsteher am Eingänge der Synagoge aufgestellt. Der Rabbiner hatte die Sepher Thora, die Gesetzrolle, im Arme, und als der Kurfürst vom Pferde stieg, um in die Synagoge zu treten, bezrüzte ihn der Rabbiner mit den Worten: „Gelobt seift Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der von Seiner Herrlichkeit schwachen Menschen verliehen hat!" „Amen!" rief der Kurfürst mit lauter Stimme, 3) Shnagogendiener. 4) Zacharias. 5) Versöhnungstag. 6) Paradies. 1) Bösewicht, Judenfeind. 2) Misstaute.